Hund & Katz'

Mit natürlichen Mitteln

Naturheilkunde ist auch bei Hund, Katze und Pferd im Kommen. In Bad Bramstedt werden Tierheilpraktiker ausgebildet.

Quälende Schmerzen im Lendenwirbelbereich, Berührungsempfindlichkeit und die - naturgemäß - gereizte Stimmung ob der Pein machen die Diagnose eindeutig: Der Patient leidet an einem üblen Bandscheibenvorfall. Doch was nach einem einfach zu erstellenden Befund klingt, bedarf tatsächlich gründlicher Kenntnisse und eines gerüttelten Maßes an Erfahrung. Der Kranke kann nämlich nicht detailliert beschreiben, wo es denn zwickt und zwackt - der Patient ist ein Hund.

Zusammen mit seinen Studenten erstellt der in Polen geborene Tierarzt Andre Grafe die Diagnose für das kranke Tier. "Für uns steht die Suche nach der Ursache für die Erkrankung im Mittelpunkt", erklärt er. Wo kommen die Schmerzen her, was verursacht die Probleme des Tieres - erst wenn er diesen Fragen auf den Grund gegangen ist, kann er entscheiden, welche Form der Therapie die besten Heilungschancen bietet. Dabei geht Grafe allerdings andere Wege, als es Tierärzte üblicherweise tun, er setzt auf Naturheilkunde.

Im Jahr 1985 legte der Tierarzt auf einer grünen Wiese im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt den Grundstein zur Akademie für Tiernaturheilkunde (ATM). Er verwirklichte damit seinen ehrgeizigen Traum, eine Lehranstalt für alternative Therapien am Tier anzubieten. "In Polen ist die Kräuterheilkunde, die Phytotherapie, Bestandteil der Tierarztausbildung", erklärt Grafe. Als er nach seinem Studium in Deutschland arbeitete, wurde er häufig nach diesen hier ungebräuchlichen Kenntnissen gefragt. So erwachte das Interesse Grafes an der Vermittlung naturheilkundlicher Fähigkeiten. "Wir betreiben hier keine Esoterik", betont er ausdrücklich. So wie er die Vorzüge von Naturtherapien sieht, erkennt er auch deren Grenzen an. "Es gibt Erkrankungen, bei denen eindeutig die Schulmedizin gefragt ist", so Grafe.

Die gepflegte Anlage der Akademie bietet modernes Know-how für die Ausbildung zum Tierheilpraktiker (THP) an. Rund 30 Dozenten - überwiegend Hochschuldozenten, Tierärzte mit Praxiserfahrung, Tierpsychologen, Biologen und auch Apotheker - vermitteln den Studenten das notwendige Wissen.

Im sogenannten Revolvingverfahren kann der Interessierte zu jeder Zeit einsteigen und somit den zeitlichen Beginn selbst festlegen. Die zweijährige Ausbildung besteht aus einer Kombination von Selbststudium, Wochenend- und einwöchigen Blockseminaren sowie sechs Praktika. In dieser Zeit bewältigt der Schüler etwa eintausend Unterrichtsstunden und hat damit ein gutes theoretisch-wissenschaftliches Rüstzeug für seine künftige Tätigkeit als Tierheilpraktiker. In ganz Deutschland verteilen sich die Unterrichtsorte, diese stehen in Berlin, Bremen, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Köln, Siegen, Nürnberg, Frankfurt am Main, München und natürlich Bad Bramstedt zur Verfügung.

Die Studenten können sich spezialisieren auf Hunde und Katzen oder auf Pferde, oder alle drei Tierarten zusammen. Es werden Grundlagen vermittelt in Homöopathie (auch auf Mallorca), Akupunktur, Rechtskunde und Phytotherapie. Viel Zeit wird den Basis-Fächern Anatomie und Physiologie gegeben, unter anderem für den Bewegungsapparat, das Verdauungs-, Atmungs-, Urogenital- und Nervensystem sowie für die Haut. Dabei werden Kenntnisse über Erkrankungen sowohl theoretisch wie auch anschaulich per Video vermittelt.

Die Kosten für die Ausbildung zum Tierheilpraktiker (inklusive Lehrmaterialien) für Hund, Katze und Pferd belaufen sich dabei insgesamt auf rund 5100 Euro. Wer ausschließlich die Therapie von Pferden beziehungsweise Hunden und Katzen erlernt, ist derzeit mit etwa 4700 Euro dabei.

Die Partnerschule von ATM befindet sich in der Schweiz (ATN) und bietet eine spezielle Ausbildung zum Tierpsychologen an sowie zum Tierhomöopathen.

Die Vorbildung durch einen tiermedizinischen Beruf ist dabei von Vorteil, aber nicht ausschlaggebend für die Aufnahme an der Schule. Beate Wetzel aus Sachsen-Anhalt beispielsweise studierte zunächst Grafikdesign. Erst auf dem zweiten Bildungsweg begann sie mit der Tierheilpraktikerausbildung, um ihre beiden eigenen Hengste ganzheitlich betreuen zu können und auch andere tierische Patienten alternativ zu behandeln.

Einmal war es eine achtjährige Hannoveranerstute, die sie betreute. Laina war rossig und bedrängte auf der Weide einen Wallach derart, dass der so kräftig ausschlug und dabei der Stute eine große Hautverletzung zufügte. In der Pferdeklinik wurde die Wunde genäht. Mit einer begleitenden Homöopathie- und Akupunkturbehandlung verheilte alles gut. Laina durfte danach spazieren geführt werden. Dabei tobte die Stute ob der zuvor verordneten Stallruhe so herum, dass sie gleich einen Kreuzverschlag, eine bewegungsbedingte Muskelerkrankung, erlitt. Noch bevor der Tierarzt kam, verhinderte sofortige Akupunktur durch die angehende Tierheilpraktikerin schlimmere Folgen des Malheurs.

Auch nach der Prüfung an der Akademie reißen die Kontakte zu den Dozenten zumeist nicht ab: Die Absolventen schätzen die Möglichkeit, sich bei komplizierten Fällen mit den Experten beraten zu können. Das bringt gerade in der noch von eigenen Unsicherheiten geprägten Startphase Sicherheit.

Vorteilhaft ist es auch, Mitglied in einem Tierheilpraktikerverband zu sein. Die Verbände geben Starthilfe für Berufseinsteiger: Wie wird etwa eine Praxis professionell geführt, es gibt Informationen zu gesetzlichen Grundlagen und zu deren Änderungen, auch rechtliche Richtlinien sind ein Thema. Ein wichtiges Anliegen der Verbände ist die Weiterbildung ihrer Mitglieder. Zu den Seminaren wird mindestens einmal im Jahr eingeladen. Auch Nichtorganisierte haben die Möglichkeit, diese zu besuchen. Bei einigen Verbänden muss bei der Aufnahme nicht nur die Ausbildung als Tierheilpraktiker nachgewiesen werden, sondern auch zusätzlich noch eine Aufnahmeprüfung bestanden werden. Der Wissenstest wird schriftlich, mündlich und praktisch abverlangt und zu Hause muss zu einem selbst gewählten Thema eine umfangreiche Hausarbeit angefertigt werden.

Weitere Informationen: www.atm.de