Neurologie

Das Hirnnetz, das die Neugier zeigt

Neugierige Menschen haben ein besonders gut vernetztes Gehirn. Das konnten Wissenschaftler der Universität Bonn nun zeigen. Offenbar sind nicht einzelne Hirnzentren für die Persönlichkeit eines Menschen stark bestimmendes Merkmal wie die Neugierde zuständig, sondern das Netzwerk des Gehirns an sich.

Foto: ZB / dpa

Neugierige Menschen haben ein besonders gut vernetztes Gehirn. Das konnten Wissenschaftler um Bernd Weber vom Life & Brain-Center der Universität Bonn nun zeigen. Offenbar sind nicht einzelne Hirnzentren für die Persönlichkeit eines Menschen stark bestimmendes Merkmal wie die Neugierde zuständig, sondern das Netzwerk des Gehirns an sich, schreiben die Forscher in „Nature Neuroscience“.

„Wir haben unsere Probanden mit einem standardisierten Fragebogen in verschiedene Kategorien eingeteilt“, sagt Weber. Mit Fragen wie „Bleiben Sie am Wochenende gerne zu Hause?“, „Wechseln Sie häufig den Job“ oder „Probieren Sie häufig etwas Neues aus?“ stuften die Forscher ihre Probanden dann in verschiedene Neugiergrade ein. Anschließend maßen sie mit einem speziellen bildgebenden Verfahren die Verbindungen der verschiedenen Hirnregionen. Die Messungen zeigten: Die Verbindungsstärke bestimmter Hirnregionen zeigte das maß der Neugier der Probanden an.

„Die neugierigen Menschen haben eine besonders gut funktionierende Verbindung von Striatum und Hippocampus“, erklärt Weber. Im Striatum sitzt das Belohnungssystem, das Menschen zu zielgerichteten Handlungen anspornt. Der Hippocampus ist dagegen für bestimmte Gedächtnisfunktionen zuständig. Identifiziert der Hippocampus eine Erfahrung als neu, sendet er Signale an das Striatum. Dort werden Botenstoffe freigesetzt, die für positive Gefühle sorgen. Bei Menschen, die oft neue Erfahrungen suchen, sind diese Regionen wohl besonders gut verkabelt. „Je stärker die Verbindung zwischen Hippocampus und Striatum ist, desto ausgeprägter ist der Wunsch, Neues auszuprobieren“, sagte der Hirnforscher.

Neugier - angeboren oder erlernt?

Diese Ergebnisse sind für Neurowissenschaftler nicht sonderlich überraschend. Aus der Neurologie ist bekannt, dass Patienten, bei denen der Stirnlappen geschädigt ist, häufiger gegen soziale Normen verstoßen. „Wir konnten also zeigen, dass diese Verbindung zwischen diesen Hirnarealen darüber entscheidet, wie neugierig ein Mensch ist“, sagt Weber.

Was allerdings die Ursache für die gesteigerte Neugier mancher Menschen ist, ist nicht wirklich klar. Theoretisch könnte ein Baby, das von Geburt an eine gute Verbindung von einem Hirnareal zum anderen besitzt, neugieriger sein, als ein anderes. Es könnte aber auch sein, dass diese Verbindung erst in den ersten Monaten heranreifen – und dass sie dadurch besser und stärker werden, wenn das Kind durch viele Impulse aus der Umgebung Neugier und Aufmerksamkeit „gelernt“ hat.

„Wir wissen noch nicht, wie hoch der Einfluss der Gene auf die Entwicklung dieser Nervenbahnen ist“, sagte Weber. Zwillingsstudien hätten ergeben, dass manche Eigenschaften zu zehn bis fünfzig Prozent vererbt werden. „Wer aber Babys und ihre Eltern genau beobachtet, kann schon Einschätzungen über ihre Neigung zur Neugier treffen“, sagt Weber. Er glaubt, dass der Einfluss der Gene auf diesen Teil der Persönlichkeit relativ hoch ist. Das würde dafür sprechen, dass neugierige Menschen von Gene geerbt haben, die später zu einer besseren Vernetzung der verschiedenen Hirnzentren führen.

Dass es kein Zentrum für Neugier im Gehirn gibt, sondern dass sie vielmehr durch Vernetzung entsteht, überrascht Weber und seine Kollegen allerdings nicht. „Auch wenn in den Medien immer von ‚Hirnzentrum für Angst oder für Sehnsucht’ gesprochen wird, glaubt heute kaum ein seriöser Forscher mehr an einen so modularen Aufbau.“ Vielmehr habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Vernetzung der Hirnregionen offenbar der entscheidende Faktor des Gehirns ist.