Lindsey Stirling

„Ich dachte, ich komme nie aus dem Loch heraus“

Die Rock-Violinistin Lindsey Stirling spricht über ihren Weg aus der Magersucht. Jetzt kommt sie zum Konzert nach Berlin.

Lindsey Stirling tritt am 20. September in der Columbiahalle auf.

Lindsey Stirling tritt am 20. September in der Columbiahalle auf.

Foto: Reto Klar / FUNKE FotoServices

Ihren ersten Violinenunterricht bekam Lindsey Stirling im Alter von sechs Jahren. Damals auf einer kleinen Kinderversion des Instruments. Beim Interview in Berlin hat die heute 32-Jährige ein weißes Glitzermodell dabei. Nur eine von vielen, wie sie verrät.

Die US-Amerikanerin ist für ihre Violin-Rocksongs und gleichzeitigen Tanzperformances bekannt, gerade ist ihr fünftes Album „Artemis“ erschienen. Vor ihrem Berlin-Konzert am 20. September in der Columbiahalle spricht sie über weibliche Vorbilder, ihren Weg zu mehr Selbstliebe nach Magersucht und Depressionen und ihre deutsche Lieblingsgeige.

Wurde die Violine extra für Sie angefertigt oder kann man das tatsächlich so kaufen?

Lindsey Stirling Die aufgesetzten Steine, das wurde extra für mich angefertigt. Ich wollte weiße Kristalle, so dass das Licht auf der Bühne quasi explodiert. Ich habe sie vorher aber selbst weiß angesprüht, dieses Modell gab es nur in Schwarz. Und ich habe sie Arwen getauft. Alle meine Violinen haben Namen.

Warum ist dieses Modell eine Arwen?

Ich liebe „Der Herr der Ringe“ und Fantasy im Allgemeinen. Und Arwen ist eine weiße Lichtgestalt. Es erschien mir einfach passend.

Wie heißen denn Ihre anderen Instrumente?

Ich nenne die meisten nach starken Charakteren oder Fantasy-Symbolen. Ich habe eine Cleopatra, ich habe eine Excalibur. Das ist eine deutsche Roth-Violine. Sie ist 100 Jahre alt und mein absoluter Liebling. Sie ist unersetzbar. Sie ist auch die einzige, die ich versichert habe.

Haben Sie Ihre erste Violine noch?

Meine Kindervioline, auf der ich zuerst Unterricht hatte, nicht. Aber die erste in der richtigen Größe, die mir meine Eltern gekauft haben, als ich 12 Jahre alt war, schon. Ich habe sie gespielt, bis ich etwa 22 war. Danach habe ich Excalibur gekauft. Die erste hatte allerdings noch keinen Namen. Damit habe ich angefangen, als ich gemerkt habe, dass das wirklich mein Job sein wird.

Das Cover Ihres neuen Albums „Artemis“ zeigt Sie als Manga-Figur. Eine Leidenschaft von Ihnen, genau so wie Fantasy?

Ich habe Manga und Anime in meinen 20-ern für mich entdeckt. Ich denke, das sieht man in meinen Videos und Kostümen. Auch das, was ich heute anhabe, ist sehr Comic-inspiriert. Ich habe parallel zur Arbeit an dem Album zum ersten Mal selbst einen Comic geschrieben, der in ein paar Wochen herauskommt und den ich mit einem japanischen Manga-Künstler verwirklicht habe. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Die Musik und der Comic haben sich gemeinsam entwickelt und gegenseitig inspiriert. Ich stand zum ersten Mal vor der Herausforderung, eine längere Geschichte zu erzählen, nicht so wie in den Musikvideos. Es ist ja immerhin schon mein fünftes Album und ich habe neue Wege gesucht, mich künstlerisch auszudrücken.

Sind es auch die starken Charaktere, die Ihnen dabei gefallen?

Ja, vor allem die starken weiblichen Charaktere. So wie Sailor Moon oder die Charaktere aus Final Fantasy. Mein Comic wird auch sehr weiblich. Sogar der Bösewicht ist eine Frau.

Wer sind im echten Leben Ihre weiblichen Vorbilder?

Eine meiner größten Vorbilder ist die Schauspielerin Lucille Ball. Sie hatte in den 50er-Jahren ihre eigene Sitcom „I Love Lucy“ und hat damit echte Maßstäbe gesetzt. Sie war die erste Frau, die im Fernsehen schwanger war. Ganz Amerika hat ihr Leben in dieser Serie verfolgt, auch wenn das natürlich gescripted war. Ich würde sagen, sie war eine Kardashian ihrer Zeit. Eine frühe Businessfrau. Ich liebe sie.

Sie sind für viele Ihrer Fans selbst ein Vorbild. Wie füllen Sie diese Rolle aus?

Das ist ein verrückter Gedanke, aber es ist wohl tatsächlich so. Ich bin natürlich nicht perfekt, aber ich versuche immer, etwas Gutes auf dieser Welt zu hinterlassen. Ich versuche das hervorzuheben, was ich vom Leben gelernt habe. Ich möchte mit meiner Musik unterhalten, aber auch ein positives Gefühl bei meinen Fans auslösen. Dass sie aus meinem Konzert kommen und denken: Ja, ich kann das schaffen. Oder: Ja, ich liebe mich selbst. Deshalb sind meine Videos voll von positiven Botschaften. Ich nehme meine Aufgabe als Vorbild sehr ernst. Das ist doch das, worum es im Leben geht. Wenn man in der Position ist, dass mehrere Millionen Menschen einem zuhören, dann sollte man doch etwas Sinnvolles sagen.

Welche Botschaften liegen Ihnen dabei besonders am Herzen?

Ich möchte Menschen ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden. Das, was sie im Leben glücklich macht. Und Selbstliebe. Habe keine Angst, anders zu sein, sei du selbst! Diese Botschaft ist mir sehr wichtig, weil es auch in meinem Leben eine Zeit gab, in der ich dazu nicht in der Lage war. Ich bin sehr dankbar, dass ich gelernt habe, aus meinem inneren Käfig auszubrechen und mich selbst zu lieben.

Wie sah Ihr Käfig denn aus?

Ich denke, als Kind und als Teenager habe ich mich selbst geliebt. In meinen 20ern, als ich meine ersten Erfolge hatte, habe ich dieses Gefühl komplett verloren. Plötzlich sah ich mich mit der Meinung der ganzen Welt konfrontiert. Ich wurde magersüchtig und bekam Depressionen. Es gab Zeiten, da dachte ich, ich komme nie wieder aus diesem Loch heraus. Ich dachte, das ist jetzt eben mein Leben. Aber niemand sollte jemals Selbsthass als Zustand akzeptieren. Ich habe sehr hart dagegen gekämpft. Mir haben Selbsthilfe, eine Therapie und meine Spiritualität geholfen. Aber es war nicht leicht. Glück erfordert Arbeit. Ich schreibe zum Beispiel jeden Abend auf, wofür ich dankbar bin. Solche kleinen Dinge machen den Unterschied. Wenn es um unseren Körper geht, sind wir oft viel achtsamer. Wir wissen, dass wir Sport machen und uns gut ernähren müssen, damit wir gesund bleiben. Das sollte mit unserer Psyche nicht anders sein. Ich glaube, dass man lernen kann, genau die Geisteshaltung zu bekommen, die man haben möchte. Das versuche ich, an meine Fans weiterzugeben: Wenn du dich heute nicht magst, heißt das nicht, dass das so bleiben muss. Aber es ist Arbeit und braucht Zeit.

Wie schwer ist es, sich das zu bewahren, wenn man auf Tour ist und so viel auf einen einprasselt?

Ich habe das Glück, mit einer Crew zu touren, die ich schon seit vielen Jahren kenne. Das ist wie eine Familie. Ich bin ein Zu-Hause-Mensch, deshalb dachte ich, touren würde mir schwer fallen. Aber jetzt liebe ich es, weil ich ein Stück Zuhause immer bei mir habe. Wir sind im Tourbus unterwegs und das ist ein kleines Zuhause auf Rädern. Ich kenne mich außerdem sehr gut und weiß, was mir gut tut. Ich ernähre mich gesund. Na gut, ich liebe Süßigkeiten. Aber ich trinke keinen Alkohol, ich rauche nicht, ich nehme keine Drogen, ich trinke nicht mal Kaffee. Ich gebe mein Bestes, meinem Körper das zu geben, was er braucht. Auf diese Weise habe ich auch einen klaren Geist. Ich habe Energie, die nicht von Substanzen abhängt. Das mache ich zu Hause und unterwegs. Und glückliche Fans zu sehen, gibt mir sehr viel positive Energie. Ich führe mir immer vor Augen, dass es Menschen sehr viel bedeutet, was ich mache. Das ist ein echtes Geschenk und das liebe ich am meisten an meinem Job.

Und was vermissen Sie am meisten, wenn Sie auf Tour sind?

Meinen Hund! Ich vermisse sie so sehr. Luna, sie ist ein kleiner Chihuahua und ich liebe sie sehr.

Am 20. September spielen Sie ein Konzert in Berlin. Kennen Sie die Stadt ein bisschen oder sind Sie immer nur in Hotels und Konzerthallen, bevor es weiter geht?

Ich freue mich sehr, weil ich dieses Mal meinen Geburtstag hier feiern werden. Wahrscheinlich nur mit meiner Crew und sehr viel Kuchen. Ehrlich gesagt kenne ich die Stadt nicht gut, es sind immer nur kurze Zwischenstopps. Aber natürlich habe ich schon ein bisschen Sightseeing gemacht. Und ich habe sogar ein Stück Berlin bei mir zu Hause. Ich habe mir auf einem Straßenmarkt zwei Bilder von einem deutschen Künstler gekauft.