TV-Serie

„4 Blocks“-Star Ramadan: Morgen kann alles vorbei sein

„4 Blocks“-Star Kida Ramadan spricht im Interview über Mafia-Filme. Er hat auch eine deutliche Meinung zu Gewalt in Filmen und Serien.

Kida Ramadan als Chef eines kriminellen Neuköllner Clans: So mögen ihn die Fans.

Kida Ramadan als Chef eines kriminellen Neuköllner Clans: So mögen ihn die Fans.

Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. / Hans Starck

Berlin.  Kaum hat sich Kida Ramadan vor dem Café die Zigarette angezündet, spricht ihn eine junge Frau an: Ihr Freund sei ein großer „4 Blocks“ -Fan, ob sie ein Foto machen könnte? Er nimmt ihr Handy und macht gleich ein Video, mit Botschaft an den Freund: „Jalla, Alter, mach ihr einen Heiratsantrag!“ Sie schwebt glücklich davon. Wird er häufig angesprochen? Er nickt. Sieht nicht aus, als störte ihn das.

14 Jahre war Ramadan schon im Geschäft, als er die Rolle des libanesischen Clan-Chefs Toni Hamady bekam. Er hatte große und kleine Rollen gespielt, Migrationskomödien und -dramen, „Tatort“ und Märchenfilme. Aber diese Serienhauptrolle ist größer. Kriminelle Clans kämpfen um die Vorherrschaft im Berliner Bezirk Neukölln: „4 Blocks“ vom Pay-TV-Sender TNT Serie überraschte 2017 mit erzählerischer Dichte und Neuartigkeit.

Die Belohnung waren treue Fans und reichlich Auszeichnungen, unter anderem den Grimme-Preis für den Regisseur der ersten Staffel, Marvin Kren, und für die Darsteller Maryam Zaree und Kida Ramadan. Kren und Ramadan bekamen auch den Deutschen Fernsehpreis, die Goldene Kamera 2018 gab es als „Beste deutsche Miniserie“. Heute startet die zweite Staffel bei TNT Serie. Regie diesmal: Oliver Hirschbiegel und Özgür Yildirim. Die DVD/Blu-Ray gibt’s ab 3. Dezember, die erste Staffel ist auch bei Amazon Prime im Programm.

GOLDENE KAMERA 2018: 4 Blocks Preisträger

GOLDENE KAMERA 2018: 4 Blocks Preisträger

Ein bisschen Angeberei gehört bei Kida Ramadan dazu

Es gab, bei allem Erfolg, kritische Stimmen. Gewalt und Verbrechen würden bei „4 Blocks“ verherrlicht. Auch innerhalb der Grimme-Preis-Jury wurde das diskutiert. Das Argument fegt Kida Ramadan vom Tisch: „Ich hab als Kind ‘Rambo’ geguckt und ich bin nicht auf die Straße gegangen und habe Leute getötet“, sagt der Schauspieler beim Interview in Berlin-Kreuzberg. „Ich meine, was ist das für eine Scheißaussage. Wenn ich nicht kriminell werden will, werde ich nicht kriminell.“ Er liebt Mafiafilme wie „Scarface“ und „Good Fellas“: „Das sind Epen, Mann.“

Kida Ramadan, 1976 auf der Flucht seiner Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon geboren und in Kreuzberg aufgewachsen, trägt an diesem Tag Sneakers, die noch nicht mal auf dem Markt sind. Zu Hause, sagt er, hat er 1000 Paar. Was ist so toll an Sneakers? „Weiß ich auch nicht. Ich trag eigentlich immer nur drei Paar.“ Er kriege sie geschenkt und bedanke sich herzlich dafür.

Der Mann hat das, was er einen „Hauptsponsor“ nennt. „Wenn du ein besonderer Schauspieler bist, der sehr authentisch ist und ein wahrer Mensch, dann passiert das ab und zu, dass so ne Konzerne auf dich zukommen.“ Ja, so redet er über sich – und scherzt gleichzeitig über die deutsche Scheu vor Eigenlob: „Dann heißt es wieder: Oh krass, guck mal, jetzt fängt der an, wie Lars Eidinger zu sagen, er ist der beste Schauspieler.“ Ein bisschen angeben gehört für ihn dazu. Es hat was Jugendliches, Typ Kreuzberger Junge. Das bleibt er, auch wenn er umgezogen ist. Weil die Wohnung mal größer werden durfte – der 42-Jährige und seine Frau Meryem erwarten das sechste Kind. Aber auch, weil er es ruhiger wollte. „Ich bin Spießer geworden. Weißt du, was ich meine?“

Er komme aber weiter ein paar Mal die Woche her, einkaufen, Freunde treffen im Café, seine Mutter besuchen. Kreuzberg, das ist für ihn, „dass du morgens um drei frisches Brot kriegst, dass du dich mit Leuten, die du nicht kennst, gut unterhalten kannst. Die Leute denken nicht in Schubladen, so kenne ich es. Dir wird geholfen.“

Hier, in Kreuzberg, wurde Ramadan vom Filme machenden Erzieher Neco Çelik in einem Jugendzentrum als Schauspieler entdeckt. Das bleibt ihm, auch wenn längst alles teuer und hip geworden ist. Es ist ihm wichtig, nicht zu vergessen, woher er kommt.

„Papa, du warst ja auch Flüchtling!“

Dahinter steckt auch die Sorge um das eigene Glück. Hält es? „Ich hab sogar bis jetzt Angst zu sagen, dass ich Schauspieler bin. Morgen kann alles vorbei sein.“ Er arbeitet hart. Zwei Drehbücher hat er geschrieben, die zur Prüfung bei der Filmförderung liegen. Und einen Film gedreht – Idee, Produktion, Co-Regie, Hauptrolle: Ramadan. „Kanun“, über die albanische Blutrache, läuft jetzt bei den Filmtagen in Hof. „Ich mache jeden Tag etwas, das mit Film zu tun hat“, sagt er. Damit es nicht vorbeigeht.

Glück als solches anzuerkennen, das empfiehlt Kida Ramadan auch anderen. „Es ist nur Glück, wo du geboren bist. Es ist nur Glück, wo du aufgewachsen bist. Es ist nur Glück, dass du in deinem eigenen Land keinen Krieg hast. Das darf man nicht vergessen“, sagt er. Ihm sei erst spät klar geworden, dass er seine ersten Schuhe in Deutschland vom Roten Kreuz bekommen hat. „Papa, du warst ja auch Flüchtling“, das habe sein Sohn kürzlich zu ihm gesagt. Er hatte das irgendwo gelesen. „Ich hab ihm gesagt: ‚Ja klar war ich Flüchtling. Das kann passieren. Das kann auch morgen schon wieder passieren.‘“

Er macht sich Sorgen. „Die braune Soße ist am Kochen! Wenn Menschen nicht in Ruhe auf der Straße gehen können, weil sie angepöbelt werden als Drecksausländer . . .“ Horst Seehofer und dessen „Migration ist die Mutter aller Probleme“-Aussage machen ihn wütend.

Was ihn glücklich macht, ist auch klar: seine Familie. Er erzählt, dass sie jedes Jahr Weihnachten feiern, wie er es als Kind bei einem Freund kennengelernt hat. Baum, Geschenke, Lieder. „Ist doch schön!“ Ihm ist wichtig, dass seine Kinder wertschätzen, was sie haben. Wissen, woher sie kommen. Und glücklich sollen sie sein. Nicht wenig. Aber dass er viel erreichen kann, hat er ja schon gezeigt.

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