Modedesigner

Guido Maria Kretschmer vergleicht sich mit Angela Merkel

Er ist Designer, TV-Moderator – und nun auch noch Schriftsteller: Guido Maria Kretschmer hat nun seinen ersten Roman veröffentlicht.

Guido Maria Kretschmer: Das sind seine wichtigsten Stylingtipps

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Berlin.  Jetzt schreibt er auch noch Romane. Es scheint, als ob Frauenversteher Guido Maria Kretschmer (49) noch nicht genug zu tun hätte als Modedesigner , TV-Moderator der Sendung „Shopping Queen“ und zuletzt sogar als Co-Moderator der NDR-Talkshow. Nach zwei Stilfibeln veröffentlicht er sein erstes erzählerisches Werk. Es ist eine Überraschung, denn „Das rote Kleid“ (Goldmann-Verlag), so der Titel, lebt in seinem Buch. Es denkt, es fühlt, es hat Bedürfnisse. Und dann redet es auch noch. Wie kommt man auf so etwas? Der Designer antwortet in einer Hotel-Suite in Köln. Die Sonne scheint über dem Rhein, Kretschmer trägt nur Schwarz. Er ist bestens gelaunt.

Herr Kretschmer, wie sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, in Ihrem neuen Roman Kleider miteinander sprechen zu lassen?

Guido Maria Kretschmer: Ich weiß, die Idee ist ein bisschen irre, aber die Geschichte hatte ich schon seit Jahren im Kopf. Seit ich die Kostüme für Detlev Bucks Film „Hände weg vom Mississipi“ gemacht habe. Damals drehten wir in Mecklenburg-Vorpommern und da saß ich mit meinen schicken Kleidern, die nun Filmkostüme werden sollten. Und plötzlich dachte ich: Wenn meine Kleider jetzt mitkriegen würden, was hier läuft! Das war der erste Gedanke. Und damit habe ich die Geschichte jeden Abend ein bisschen weiter gedacht. Habe mich gefragt, was wäre, wenn Kleidung ein Eigenleben hätte.

Steckt darin ein bisschen Konsumkritik?

Kretschmer: Ich sage, achtet ein bisschen auf die Dinge, die ihr habt. Viele Leute schmeißen ihre Kleidung achtlos auf den Boden, oder denken, man kann Textilien schnell ersetzen. Dabei braucht auch ein Lieblingskleid wie im Buch Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Liebe. Und mich interessiert die Kombination von Mensch und Kleidung. Wenn Haut die Seele des Menschen ist, was ist dann unsere Kleidung? Wenn sich eine Frau einen heißen Tanga anzieht, dann könnte es eben auch sein, dass etwas passiert. Kleidung beflügelt unsere Fantasie und steht für unsere Wünsche, zeigt wie wir uns fühlen. Eröffnet Möglichkeiten.

Und zeigt Unterschiede auf?

Kretschmer: Ja, natürlich! Ich habe in Paris mit Frauen zusammengesessen, die haben bei mir ein Kleid für 15.000 Euro bestellt ohne mit der Wimper zu zucken und ich habe andere bedient, die mich baten, für wenig Geld ihren Saum am Rock ein bisschen enger zu machen. Jedes Kleidungsstück hat eine Menge zu erzählen, wenn es denn könnte.

Sprechen Sie mit ihren Kleidern?

Kretschmer: Ja, ich sage Hallo und frage: Wie geht’s euch denn? Ich bin verbunden mit den Dingen. Aber ich sehe auch bei anderen Leuten, warum sie dieses oder jenes Stück tragen. Verstehe, was sie wollen. Für mich ist Kleidung die Haut der Seele. Kleidung sagt, schaut mich an oder bitte, sprich mich heute nicht an. Kleidung ist ein Spiel. Natürlich, haben manche Menschen auch keine Idee davon, was sie tragen. Dadurch fallen sie ständig auf oder werden übersehen.

Sind Sie so etwas wie ein Textil-Flüsterer?

Kretschmer: Absolut. Manchmal muss ich Menschen anfassen. Wenn ein Kaschmir-Pullover besonders schön ist, zum Beispiel. Manchmal weiß man gar nicht, warum man sich zu jemanden hingezogen fühlt, ob wegen seiner Verpackung oder wegen seines Charakters.

War das bei Ihnen schon immer so, dass Stoff bei Ihnen Gefühle auslöst?

Kretschmer: Mein ganzes Leben. Ich schlafe heute noch nicht ein, ohne ein Stück Baumwolle vom Kissenbezug zwischen den Fingern zu halten. Oder wenn ich bei anderen Leuten sehe, dass die Gardinen falsch hängen. Dann bin ich sofort da und lege sie in Falten. Ich falte gern. Und schließlich haben Textilien mir viele Möglichkeiten gegeben. Stoffe machen heute meine ganze Welt aus. Dafür bin ich sehr dankbar.

In Ihren TV-Shows geht es immer um Mode, aber eben auch um die Menschen.

Kretschmer: Ich glaube, dass ich nur Designer geworden bin, weil ich eigentlich scharf war auf die Menschen, die in der Kleidung stecken. Klamotte allein interessiert mich wenig. Ich habe schon mit so vielen Frauen gesprochen und weiß manchmal mehr von ihnen als ihr Hausarzt. Ich weiß, was Frauen erleben und ich habe viele getroffen, die mit meinen Klamotten wieder auf den Weg kamen. Die sich mit ihrem Mann nicht frei genug fühlten, die sich trennten, die dick und dünn wurden und danach wieder lernten Frau zu sein. Designen ist meine Möglichkeit, den Menschen auf eine ganz besondere Art nahe zu sein.

Und natürlich Erfolg zu haben.

Kretschmer: Ich bin aufgewachsen mit dem Gefühl, dass man alles schaffen kann. Aber ich habe speziell Frauen viel zu verdanken. Ich hatte eine gute Mutter, Oma und eine starke Schwester, eine tolle Lehrerin. Frauen waren meine Mentorinnen und Vorbilder. Manchmal denke ich, ich bin die textile Wiedergutmachung für die unschönen Dinge, die Frauen erleben. Wir muten Frauen generell viel zu, sie müssen sexy sein, eine gute Mutter, dazu einen guten Job haben und nebenbei noch eine Putzstelle ausfüllen. Man kann nicht alles sein. Wir sollten ein bisschen generöser sein – auch die Frauen untereinander.

Sie kommen nicht aus Paris, sondern aus einem Dorf bei Münster. Wie schwer war es, von dort aus diesen Weg zu gehen?

Kretschmer: Wo man geboren wird, ist egal. Wichtig ist, dass ein Mensch dir sagt, du kannst das, was du machst. Du schaffst das. Warum ich so früh auf Selbständigkeit gepolt war, weiß ich nicht. In meiner Welt gab es nicht viel Geld, aber Liebe, Anerkennung und Toleranz und Unterstützung. Meine Eltern haben uns geliebt und gefördert. Aber ich wollte früh frei und kommerziell unabhängig sein.

Ist Ihnen Geld wichtig?

Kretschmer: Geld ist nur wichtig, wenn man es nicht hat. Und ich hatte oft kein Geld. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht, wie ich die Kollektion bezahlen soll oder wo ich das Geld für die Autoversicherung herbekomme. Das hat mich natürlich geprägt. Aber als ich merkte, ich habe genug Geld zum Leben, wurde ich ruhiger. Aber wichtiger war mir immer: fleißig zu sein. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass alles möglich ist. Die Bundeskanzlerin war vielleicht auch mal ein kleines Mädchen aus dem Osten, das davon träumte Bundeskanzlerin zu werden. Und heute ist sie das. Ich war auch mal ein kleiner Junge aus Ostwestfalen und heute bin ich internationaler Designer.

Was bedeutet Ihnen das?

Kretschmer: Unglaublich viel. Das ist meine Botschaft. Es gibt kein Nein, wenn man sich auf den Weg macht. Familien, Lehrer, Ausbilder müssen junge Leute fördern. Dass jeder seine Chance hat, das ist Demokratie. Dass ich hier heute sitzen und ein Buch schreiben kann, hat nichts damit zu tun, dass ich so toll bin, sondern mit einer freien Gesellschaft. Dafür müssen wir uns alle einsetzen.

Viele Stardesigner sind ziemlich arrogant. Sie werden für das Gegenteil gefeiert.

Kretschmer: Tatsächlich kenne ich auch Designer, die ihre Kundschaft nicht ausstehen können. Bei mir ist das andersherum. Je prominenter ich wurde, desto mehr habe ich an meinen Wurzeln festgehalten. Wenn ich bei einer Autogrammstunde hinten in der Ecke eine Frau sehe, die sich nicht traut, eine Frage zu stellen, dann spreche ich sie an, weil ich in ihr einen Teil von mir sehe. Wenn ich an der Bar stehe und ein Bier bestellen will, bin ich eigentlich der, der 15 Mal übergangen wird. Und das bin ich nach wie vor. Manchmal bin ich der scheue Junge – das behütet mich sehr vor Arroganz.

Warum machen sie so viele unterschiedliche Projekte?

Kretschmer: Ich mache das alles, weil es mir Spaß macht, nicht wegen des Mehr-Habens, das ist der Unterschied. Für mich ist eine Zwei-Zimmerwohnung genauso in Ordnung wie ein Haus mit 33 Zimmern. Am Abend sitzt man auf dem Sofa und wenn das gemütlich ist, ist es egal, wo es steht. In diesem Punkt bin ich so etwas wie eine westfälische Hausfrau. Ich will eigentlich, dass es allen gut geht. Und verstehe den ganzen Neid und Hass nicht. Ich hätte im Leben nichts erreicht, wenn ich Hass in mir hätte. Nichts.

Vom Hass zur Liebe: Sie heiraten Ihren Mann noch einmal auf Sylt. Was ziehen Sie an? Und wenn Sie eine Frau wären, müsste es ein Kleid von Dior sein?

Kretschmer: Wenn ich ein Kleid tragen müsste, dann sicher nicht eines von meinen Entwürfen, sondern das eines anderen Designers. Für meine Hochzeit würde ich gern einen dieser ganz schmalen Anzüge von Dior tragen, aber das wird wegen meiner Figur nicht passieren. Auf jeden Fall werde ich Schwarz tragen. Bei meinen Frank ist das anders, der kann alles tragen. Die Gäste können auch anziehen, was sie wollen. Hauptsache sie fühlen sich wohl. Sogar eine Jogginghose.