Satiriker

Shahak Shapira: „AfD-Anhänger lieben die Opferhaltung“

„Mich haben Neonazis zum Juden gemacht“: Satiriker Shahak Shapira über seine Jugend in einer NPD-Hochburg, Holocaust-Witze und die AfD.

„Bei der AfD gibt es entweder Neonazis oder Leute, die Neonazis tolerieren“, sagt der Aktivist und Satiriker Shahak Shapira.

„Bei der AfD gibt es entweder Neonazis oder Leute, die Neonazis tolerieren“, sagt der Aktivist und Satiriker Shahak Shapira.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin.  Shahak Shapira kam als 14-Jähriger aus Israel nach Deutschland – ins sachsen-anhaltinische Laucha, eine NPD-Hochburg. Heute ist Shapira 29, lebt in Berlin und sorgt als Satiriker, Autor und Aktionskünstler für Aufsehen – zuletzt, indem er 31 geheime Facebook-Gruppen der AfD übernahm. Zur Bundestagswahl sprachen wir mit ihm über die AfD, über seine Prügelei mit Antisemiten und darüber, wie gerne er am 24. September wählen würde, wenn er denn dürfte.

Du hast Deine Jugend nicht ganz freiwillig in Laucha in Sachsen-Anhalt verbracht, wo unter anderem der Jugendfußballtrainer ganz unverhohlen Neonazi war. Wäre dein Leben anders verlaufen, wenn deine Mutter aus Israel beispielsweise nach Baden-Württemberg ausgewandert wäre mit dir und deinem Bruder?

Shahak Shapira: Vielleicht wäre meine Kindheit besser oder angenehmer gewesen. Dann hätte ich wiederum nicht so eine Geschichte zu erzählen über meine Jugend in einer NPD-Hochburg.

Hat Ostdeutschland das größere Rechtsextremismus-Problem?

Shapira: Klar. Aber auch Dortmund zum Beispiel hat ein Neonazi-Problem. Und wenn die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzieht, dann nicht nur für den Osten, sondern für ganz Deutschland. Auch wenn manche Leute in der AfD sagen, dass sie nichts mit Neonazis zu tun haben. Bei der AfD gibt es entweder Neonazis oder Leute, die Neonazis tolerieren. So einfach ist es.

Du hast gerade mit der Satirepartei „Die Partei“ in einer vielbeachteten Aktion die Kontrolle über 31 zuvor geheime, von Bots gesteuerte AfD-Facebook-Gruppen übernommen. Ihr habt dort Tonfall, Regeln und Botschaften verändert und den 180.000 Mitgliedern erklärt, wie sie überhaupt in die Gruppen geraten sind. Was kannst du damit bewirken?

Shapira: Ich habe bei der Aktion versucht, auch ein bisschen sachlichere Töne zu ergreifen, weil ich das Publikum in den Gruppen nicht komplett befremden wollte. Ich wusste, das würde sowieso passieren, weil AfD-Anhänger die Opferhaltung lieben, aber vielleicht habe ich manche Menschen erreicht.

Die werden das nicht zugeben. Im Internet gibt niemand zu, wenn er seine Meinung geändert hat. Aber du kannst vielleicht etwas anstoßen. Es ging auch darum, uns allen zu zeigen, wie Menschen manipuliert werden. Und darum, ein großes Netzwerk für Hetze und Fake News zu zerstören. Es gibt immer irgendwelche Besserwisser, die sagen: „Ja, das ist jetzt kontraproduktiv, ich hätte es viel besser gemacht“. Ja – mach doch, sage ich. Die AfD zieht in den Bundestag – wo sind deine tollen Aktionen, die das verhindert haben?

Findest du, dass in Deutschland zu viel mit der AfD gesprochen wird, dass ihnen zu viel Forum gegeben wird?

Shapira: Nein, finde ich nicht. Oder zumindest fand ich bisher nicht. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass man gerade den AfD’lern die Plattform geben muss, damit sie sich selbst blamieren oder ins Abseits schießen. Allerdings bekomme ich zunehmend das Gefühl, dass es keine Rolle mehr spielt, ob Gauland erzählt, wie „stolz auf die Wehrmacht“ er sei, oder ob Alice Weidel E-Mails mit Reichsbürger-Flair verschickt und eine syrische Asylbewerberin als Putzfrau illegal beschäftigt. Die Anhänger der AfD interessiert das alles nicht.

Und wenn Gauland davon spricht, dass man Menschen entsorgen sollte?

Shapira: Dann sind wir an dem Punkt, an dem keiner mehr sagen kann, er wusste nicht, worauf es bei der AfD hinausläuft. Ich glaube, selbst wenn alle AfD-Politiker einen Hitlerbart tragen würden, gebe es immer noch ein paar Leute, die dann sagen: „Naja, die meinen das anders und werden nur von den Massenmedien im schlechten Licht präsentiert“.

Die Leute können selbst entscheiden, ob sie das wollen oder nicht. Ich war davon ausgegangen, dass die Deutschen eben nicht wieder in dieselbe Richtung gehen möchten wie damals, aber wenn die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzieht, muss ich mich vielleicht eines Besseren belehren lassen.

Du sagst, du siehst dich als Israeli, nicht als Jude. Erklär mal, wie du das meinst.

Shapira: Ich bin erst in Deutschland zum Juden geworden, weil mich die Leute hier zum Juden gemacht haben. Wir haben in Israel einen ganz anderen Umgang mit dem Judentum. Ich bin jüdischer Herkunft, ich bin kein Jude. Ich glaube nicht an Gott, ich bin Atheist. Ich wurde zum Juden, weil mich Neonazis oder irgendwelche Islamisten zum Juden gemacht haben, weil sie mich deswegen schlagen wollten oder angespuckt oder beschimpft haben, und dann wurde ich erst recht zum Juden. Weil ich gesagt habe, das lasse ich mir nicht gefallen.

Manche fühlen sich provoziert von deinen Holocaust-Witzen.

Shapira: Damit kann ich leben. Es gibt Schlimmeres, als sich von Witzen provoziert zu fühlen. Zum Beispiel den Holocaust. Wenn sich Leute über das aufregen, was ich mache, sind es oft deutsche Juden. Israelis haben einen anderen Humor. Wir machen sehr viele Holocaustwitze. Wir wollen in Israel nicht mehr Opfer sein. So haben wir gelernt, mit dem Thema umzugehen.

Hat dir die Haltung, dass du nicht mehr Opfer sein willst, geholfen, als du Silvester 2014 in der U-Bahn angegriffen wurdest?

Shapira: Naja, sie hat ein bisschen dazu geführt, würde ich sagen. Diese Typen haben „Fuck Juden“ gesungen, und ich habe es mir nicht bieten lassen. Dann wollten sie, dass ich das Video davon lösche, aber das wollte ich nicht machen. Jemand hat mich geschubst und angespuckt, und ich habe ihm sofort eine gescheuert. Man will die Juden hier in Deutschland immer noch als Opfer darstellen.

Teils ist es gut gemeint, teils nicht so. Wann siehst du hier zum Beispiel Juden in den Medien? Jedes Mal, wenn es um den Holocaust oder Antisemitismus geht. Und genau an der Stelle war der Wurm drin für mich. Irgendwann habe ich gemerkt, hey, die wollen mit mir nur irgendwelche Antisemitismus-Dokus machen. Und da habe ich gedacht, nein, die verstehen überhaupt nicht, wer ich bin. Ich halte vom Judentum als Religion genauso wenig wie von jeder anderen Religion.

Sind in deinen Augen alle Religionen gleich sinnlos?

Shapira: Manche sind sinnloser als andere. Das Judentum hat sich weniger zuschulden kommen lassen als das Christentum oder der Islam – rein geschichtlich. Eine Abneigung habe ich dennoch, und ich glaube, das kommt aus meiner Kindheit. Eines der ersten Male, als ich das gemerkt habe, war, als ich mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder in Eilat am Roten Meer war.

Wir waren am Frühstücksbuffet im Hotel. Meine Mutter hatte so einen Sport-BH an und eine kurze Hose. Und dann hätte sie irgendein Rabbiner fast geschlagen, weil er das unpassend fand. Das finde ich inakzeptabel. Es leiden in stark religiösen Strukturen immer dieselben. Schwule, Frauen und Minderheiten. Ich habe da andere Werte von meiner Mutter beigebracht bekommen.

Religion spielte in deinem Aufwachsen keine Rolle?

Shapira: Wir hatten Bibel-Unterricht in der Schule, das hat jeder. Wir haben einen sehr nahtlosen Umgang zwischen Säkularität und Religion in Israel. Wir betrachten uns alle irgendwie als Juden, aber so, wie du Christin bist. So wie hier alle Weihnachten feiern, feiern wir Chanukka. Wir tragen nur ab und zu eine Kippa statt einer Weihnachtsmütze. Mehr ist es eigentlich nicht.

Der religiöse Teil Israels hat allerdings immer noch sehr viel Macht. Gerade im Moment. Das haben wir unserer Vollpfeife Netanjahu zu verdanken. Das war aber immer schon ein bisschen so, und es ist auch in vielen Ländern noch so. Eigentlich gehört es abgeschafft.

Wo fühlst du dich zu Hause? In Neukölln? In Berlin? In Deutschland?

Shapira: Es ist ein bisschen schwer manchmal. Zum Beispiel habe ich gerade erst eine Erinnerung daran gepostet, dass mein Großvater bei den Olympischen Spielen 1972 ermordet wurde. (Anm.: Er war einer der Geiseln der palästinensischen Attentäter). Und als ich da die Antworten gelesen habe, habe ich gedacht: Will ich wirklich den deutschen Pass? Was für Leute hier rumlaufen, in welchen Mengen! Du sprichst darüber, dass dein Großvater ermordet wurde, und die sagen: „Ja, aber was Israel in Gaza macht, ist auch schlimm, da müssen wir auch drüber reden jetzt.“

Glaubst du, dass die Reaktionen in den sozialen Netzwerken repräsentativ sind?

Shapira: Ich weiß nicht mal, ob das für Deutschland repräsentativ ist, in Bezug auf Israel passiert das in vielen Ländern. Ich muss übrigens meinen israelischen Pass aufgeben.

Warum?

Shapira: Ich wollte wählen am 24. September. Ich bin seit 15 Jahren hier, habe Zehntausende Euro Steuern gezahlt – und habe dennoch nicht das Recht, mitzubestimmen, obwohl ich die Politik mitfinanziere. Das ist nicht gerecht oder plausibel. Ich brauche dafür den deutschen Pass, und das mache ich nun. Ich habe im Januar angefangen mit dem Prozess. Ich dachte, neun Monate würden reichen, aber nein, das tun sie nicht.

Du gibst deine Staatsbürgerschaft auf und bekommst eine neue. Das ist doch auch eine Frage von Identität. Wie passt das zu Deinem Selbstverständnis?

Shapira: Von der Herkunft bin ich immer noch Israeli. Ich bin da aufgewachsen, das kann man nicht rückgängig machen. Was ja auch ok ist. Man wird auch nicht aufhören, mich als Israeli zu behandeln.

Du wirst für deine Haltungen im Internet auch beschimpft und bedroht. Könnte es dir irgendwann zu viel werden?

Shapira: Klar könnte das passieren. Wie bei jedem, der in der Öffentlichkeit steht. Ich habe nur mehr Möglichkeiten, denn ich hatte vorher eine andere Karriere. Ich könnte jederzeit sagen, ich gehe wieder in die Werbung. Oder ich besorge mir drei Minijobs – habe ja nichts Anständiges studiert.

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