Abschied

Der rockende Benediktiner-Mönch Notker geht in Rente

| Lesedauer: 4 Minuten
Jonas Erlenkämper
Notker Wolf tritt bei öffentlichen Veranstaltungen auch gerne mal als Musiker mit E-Gitarre auf.

Notker Wolf tritt bei öffentlichen Veranstaltungen auch gerne mal als Musiker mit E-Gitarre auf.

Foto: Lukas Barth / ddp images/Lukas Barth

Der Mönch Notker Wolf hat sein Amt im Vatikan aufgegeben und sich ins Kloster zurückgezogen. Die Pasta und Sonne wird er vermissen.

Rom/St. Ottilien.  Notker Wolf ist ein eiserner Optimist. Negative Gedanken lässt er nicht zu, er sieht immer das Gute. So hält es der 76-Jährige auch in seinem neuen Leben, in dem er auf so ziemlich alles verzichtet, was seine Existenz lange bestimmte.

Er war ein gefragter Mann, den viele wegen seiner kontroversen Aussagen über Hartz-IV-Empfänger und die angebliche Bequemlichkeit der Deutschen als Tabubrecher bewundern und andere als Reaktionär brandmarken. Jetzt ist er Senior. Wird Notker Wolf das aushalten?

16 Jahre lang war er Abtprimas der Benediktiner, also oberster Repräsentant von mehr als 20.000 Mönchen und Nonnen weltweit. Wolf ist ein Ordensmann, aber er führte das rastlose Leben eines Managers: Innerhalb einer normalen Arbeitswoche flog er von seinem Amtssitz im Vatikan nach Israel, Spanien, Australien und Kanada zu Talkshowauftritten, Vorträgen und Konferenzen, 300.000 Flugkilometer im Jahr.

Freut sich auf saftigen Schweinsbraten

Nach dem Ende seiner Amtszeit im September blieb Wolf zunächst in Rom, um seinem Nachfolger, dem US-Amerikaner Gregory Polan (66), einen sauberen Schreibtisch zu hinterlassen. Mittlerweile lebt der Allgäuer wieder in seinem bayerischen Heimatkloster St. Ottilien.

Er tue nichts lieber, als zwei Stunden am Tag in der Küche Gemüse zu putzen, und freue sich schon auf einen saftigen bayerischen Schweinsbraten. „Ich will ein bisschen zur Ruhe kommen“, beteuert Wolf. „Ich habe so viel gesehen von der Welt, hatte aber nie Zeit, das alles zu verarbeiten.“

Kaum vorstellbar, dass er künftig in der Klosterküche kocht, statt im Fernsehen oder in seinen Büchern als „Bombenleger im Dienste des Herrn“ („Focus.de“) in Erscheinung zu treten. Wolf ist kein sanfter Glaubensbruder, sondern verkörpert einen scharf denkenden Gelehrten mit Lust an der Provokation. Immer wieder mischte er sich in gesellschaftliche Debatten ein, forderte Genügsamkeit von seinen Landsleuten. Sie sollten ihre Gewohnheiten zurückschrauben und arbeiten.

Geißelt die Gier der Topmanager

„Wo steht denn, dass es ein Menschenrecht auf ein bequemes Leben und vier Wochen Urlaub im Jahr gibt?“ Für Langzeitarbeitslose hat er wenig Verständnis: „Da muss ich als Hartz-IV-Empfänger doch fragen: Wahre ich in diesem Zustand eigentlich noch meine Würde?“ Widersprüche gehören zu Notker Wolf wie sein Gewand. Einerseits zeigt er sich Sozialhilfeempfängern gegenüber wenig barmherzig, andererseits geißelt er die Gier der Topmanager.

Wolf spricht sieben Sprachen, bevor er Abtprimas wurde, war er Philosophieprofessor. Wie der griechische Philosoph Sokrates hinterfrage er vorherrschende Meinungen: „Als Mönch geht es mir um die Wahrheit und die Freiheit gegen staatliche und kirchliche Bevormundung. Das kann manchmal sehr unbequem werden. Wenn sich manche provoziert fühlen, weil ich Dinge ungeschminkt sage, ist es deren Problem.“

Geachteter Bestsellerautor

Mit dieser Einstellung hat es Wolf vom Schneidersohn aus Bad Grönenbach bei Memmingen zu einem geachteten Bestsellerautor gebracht. In Wolfs Familie gehörte die Religion zum Alltag. An seine Kindheit im Allgäu der 40er- und 50er-Jahre hat er nicht nur gute Erinnerungen: „Damals herrschte noch eine Volksfrömmigkeit. Der katholische Glaube war eine Beheimatung, man war eingebunden in eine Gemeinschaft. Auf der anderen Seite herrschte ein Gruppendruck: Wenn jemand sonntags nicht in die Kirche gegangen ist, ist das gleich jedem aufgefallen.“

Wolf, der eiserne Optimist, sagt, dass er nicht ans Altwerden denke. Der Abschied aus Italien fiel ihm schwer. „Ich war insgesamt 25 Jahre in Rom, das erste Mal kam ich als Student in die Stadt. Die leckere Pasta, die Sonne – es gibt vieles, was ich vermissen werde.“ So ganz will er sich aus der Öffentlichkeit nicht zurückziehen. Er schreibe an einem neuen Buch. Es soll von den Deutschen und ihren Ängsten handeln. Die Italiener, so Wolf, seien viel gelassener. So wie er.

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