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Wie Arne Dahl zum Krimi fand – und jetzt neue Wege geht

Der schwedische Krimi-Autor Arne Dahl geht in seinem neuen Roman „Sieben minus eins“ ungewohnte Wege. Doch seine Fanbasis ist groß.

Arne Dahl, der eigentlich Jan Lennart Arnald heißt, in seiner Zweitwohnung in Berlin.

Arne Dahl, der eigentlich Jan Lennart Arnald heißt, in seiner Zweitwohnung in Berlin.

Foto: Reto Klar / Berliner Morgenpost / Reto Klar

Berlin.  Im Wohnzimmer seiner Berliner Zweitwohnung reißt Arne Dahl die Augen auf, sinkt neben der Couch zusammen. Er ist jetzt so tot wie die meisten Figuren seiner Krimis. Er blinzelt: „Gut so?“ Kurzes Nicken vom Fotografen. Der 53-Jährige lächelt durchs Scheinwerferlicht. Wer seine Krimis kennt, der weiß, Mord, Blut, Folter, das gehört bei Dahl immer dazu. Ab Sonntag um 22.05 Uhr zeigt das ZDF unter dem Titel „Arne Dahl“ drei neue Verfilmungen aus seiner Reihe um die „A-Gruppe“; „Ungeschoren“ heißt die erste Folge.

Seit 18 Jahren produziert der Schwede Geschichten über die fransigen Ränder seiner Heimat. Über Mafiakartelle und Drogenbosse, Finanzhaie, Neonazis. Wenn er so in seiner hellen Zweizimmerwohnung sitzt und erzählt, was er sich da wieder ausgedacht hat für seinen neuen Krimi – den sechzehnten – fällt es schwer, sich vorzustellen, wie er am Schreibtisch das Böse in seine Seiten sickern lässt; die Gewalt und die viele Morde. In seinem neuen Buch „Sieben minus eins“ sogar einen Mädchenfolterer. Einen, der bei seiner Quälerei so präzise vorgeht wie ein Schweizer Uhrwerk.

Ein radikal neues Konzept musste her

Darauf ist Dahl gekommen, als er vor seinem Bücherregal stand – dem in seiner Erstwohnung in Stockholm – und sich seine Romane Rücken an Rücken aneinander drängen sah. „Das sind alles ganz gute Geschichten“, seufzte er, „aber eine vermisse ich.“ Die musste er sofort aufschreiben. So geht es ihm immer. Aber dieses Mal wollte er anders an die Sache rangehen als in seinen mit dem Krimpreis ausgezeichneten Romanen über ein Team aus Sonderermittlern, der A-Gruppe, das in Stockholm Verbrechen aufklärt.

Auch wenn die Bücher um die A-Gruppe immer an die Spitze der Bestsellerliste klettern, in zig Sprachen übersetzt werden und verfilmt werden, wollte er etwas Neues. „Ich muss etwas radikal ändern, um mich nicht selbst zu kopieren“, sagte sich der 53-Jährige da. Und schrieb eine Verfolgungsjagd aus unsicherer Perspektive – als hätte er sie mit einer zittrigen Handkamera gefilmt, so wie noch nie. Dahl bricht die bewährte Krimistruktur auf, man lernt den Kriminalpolizisten und Protagonisten Sam Berger erst mitten im Fall kennen. Nur nach und nach gibt der Details an den Leser weiter, viel bleibt im Verborgenen, bis Berger selbst zum Gejagten wird. Und auch dann, bis zum überraschenden Ende, bleibt man so sprach- und atemlos wie er.

„Schreiben war therapeutisch für mich“

1998 setzte er sich das erste Mal an einen Krimi. Zuvor verfasste der Literaturwissenschaftler experimentelle Kurzgeschichten. „Schreiben war therapeutisch für mich. Ich habe damit versucht, neue Perspektiven auf mein eigenes Leben zu finden“, sagt er. Als seine Kinder zur Welt kamen, verschob sich sein Interesse. Da wurde dann die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, plötzlich spannender als sein Innenleben.

Dahl suchte also nach einem neuen Genre. Einer Möglichkeit, Schweden und die Welt schreibend zu beobachten. Er entdeckte den Krimi für sich. Sozialkritisch und aktuell können die ja sein, komplexe Themen behandeln. Dass man Krimis so gern lese, das sei eine Flucht aus dem Alltag, glaubt Dahl. „Wir haben das Gefühl, Verbrechen rücken näher an uns heran, die Welt wird unsicherer. Beim Lesen können wir diese Ängste in den Krimi projizieren. Das hilft uns, damit umzugehen.“

Dahl lieb Berlins „Intensivität“

Dahl jedenfalls kann nun darüber schreiben, wie sehr sich seine Heimat verändert. Dass Schweden internationaler wird – damit aber auch das Verbrechen –, dass die Gesellschaft multikulturell ist, pulsierend. Das liebe er auch so an Berlin. Die Lebendigkeit, „die Intensivität“.

Dahl schaut auf seine Hände, streicht über die Tischplatte, als wäre da ein Fleck, den es auszumerzen gilt wie das Böse in seinen Krimis. „Ich fühle mich beim Schreiben einfach so frei wie nie irgendwann sonst in meinem Leben“, sagt er. „Wahrscheinlich werde ich es bis zum Ende meines Lebens tun.“