Publizist

Ein Wegweiser und Versöhner – Elie Wiesel ist tot

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist tot. Der Publizist war weltweit einer der wohl bekanntesten Überlebenden des Holocausts.

Elie Wiesel hat die Schrecken des Holocausts in Auschwitz und Buchenwald erlebt.

Elie Wiesel hat die Schrecken des Holocausts in Auschwitz und Buchenwald erlebt.

Foto: imago stock&people / imago/Future Image

Berlin.  Sein Leben war ein steter Kampf gegen das Vergessen: „Wer sich verschwört, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, der tötet sie ein zweites Mal“, sagte Elie Wiesel 2000 vor dem Deutschen Bundestag. Sein Vater Schlomo, seine Mutter Sarah und die kleinste seiner drei Schwestern starben in der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten.

Elie Wiesel überlebte das Grauen der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Seitdem engagierte sich der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger für das Wachhalten der Erinnerung an die sechs Millionen Opfer des Holocaust – als Lehre für alle Zukunft. Nun ist Wiesel am Samstag im Alter von 87 Jahren in den USA gestorben. Das berichteten israelische Medien und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Samstagabend. Wiesels Sohn Elisha bestätigte den Tod seines Vaters, wie der US-Radiosender NPR meldete.

Sein 1958 veröffentlichtes und in 30 Sprachen übersetztes Werk „Die Nacht“, in dem er prägnant und eindringlich seine Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz schildert, ist bis heute eines der meistgelesenen Bücher zum Holocaust. Vor allem in den USA wurde Wiesel damit zur Kultfigur und galt als einer der führenden Köpfe des amerikanischen Judentums. Kritiker warfen ihm jedoch vor, vor allem sich selbst zu vermarkten.

Häftling Nummer A-7713

1928 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Siebenbürgen geboren, hatte Wiesel eigentlich Rabbi werden sollen. Doch seine behütete religiöse Erziehung in dem kleinen Karpatenstädtchen Sighet bricht 1944 jäh ab, als die Familie nach Auschwitz deportiert wird. „Uns sagte der Name gar nichts“, sagte Wiesel später in einem Interview. „Es dauerte nur wenige Minuten, und schon waren alle Familien auseinandergerissen, Männer und Frauen wurden getrennt.“

Seine Mutter sollte Wiesel nie wiedersehen. Mit seinem Vater kam er als Häftling Nummer A-7713 zunächst ins Stammlager, später nach Buchenwald, wo der Vater kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers starb. „An dem Tag, an dem er starb, war das einer der dunkelsten Tage meines Lebens“, berichtete Wiesel 2009 bei einem Besuch mit US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Buchenwald. „Er rief nach mir und ich hatte zu viel Angst, um mich zu bewegen. Wir alle hatten zu viel Angst, um uns zu bewegen. Und dann starb er. Ich war da, als er starb, aber ich war eben nicht da.“

1986 wurde Wiesel mit dem Friedensnobelpreis geehrt

Die Erlebnisse prägten Wiesel bis ins hohe Alter. Die Schuldgefühle der Überlebenden, die Zweifel an der Existenz Gottes in einem solchen Grauen und die Fragen jüdischer Identitätsfindung – all diese Themen blieben bestimmend für sein Denken und Schreiben.

Nach dem Krieg kam Wiesel in ein Waisenhaus in Frankreich. Später studierte er in Paris Philosophie und Literatur und arbeitete dann als Journalist und Auslandskorrespondent, bis ihn der französische Literaturnobelpreisträger Francois Mauriac (1885-1970) ermunterte, „an das Unsagbare zu erinnern“. Wiesel schrieb fast 50 Bücher, Essays, Romane und Theaterstücke, in denen er sich für verfolgte Minderheiten in aller Welt stark macht. 1986 bekam er für seinen Einsatz den Friedensnobelpreis.

Dabei zeigt er sich auch immer wieder als Versöhner. „Ich habe nie an eine Kollektivschuld geglaubt“, sagte er 2012 bei einem Kongress in Auschwitz. „Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder.“ Die Menschheit müsse sich endlich ändern und Frieden schaffen, forderte er 2009 in Buchenwald. „Wir sind genug über Friedhöfe gegangen.

Weltweite Trauer nach Tod von Friedensnobelpreisträger Wiesel

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte bestürzt auf die Nachricht vom Tod Wiesels. „Der Staat Israel und das jüdische Volk trauern zutiefst um Elie Wiesel“, sagte Netanjahu am Samstag. „Der Wortkünstler Elie hat mit seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit und seinen faszinierenden Büchern den Sieg des menschlichen Geistes über die Grausamkeit und das Böse verkörpert.“

Weiter ließ Netanjahu über sein Büro mitteilen: „Im Dunkeln des Holocaust, in dem sechs Millionen unser Brüder und Schwestern ermordet wurden, diente Elie Wiesel als ein Licht und als Vorbild der Menschlichkeit sowie des Glaubens an das Gute im Menschen.“

„Ein Kämpfer gegen jegliche Form von Hass“

Das Internationale Auschwitz-Komitee würdigte Wiesel als „Lehrer der Menschheit“. „Elie Wiesel war kein Weg zu weit und kein Anlass zu gering, Menschen über die Schrecken und Verbrechen von Auschwitz zu informieren“, sagte Christoph Heubner, der Vize-Exekutivpräsident der Überlebendenorganisation.

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin ehrte Wiesel als Kämpfer gegen jegliche Form von Hass. „Elie Wiesel verkörperte die Entschlossenheit des menschlichen Geistes, die dunkelsten Teufel zu bezwingen und allen Widrigkeiten zum Trotz zu überleben“, sagte Rivlin.

Obama: Elie Wiesel war „Gewissen der Welt“

US-Präsident Barack Obama würdigte Wiesel als „eine der großen moralischen Simmen unserer Zeit“ und „Gewissen der Welt“. Wiesel sei nicht nur einer der prominentesten Holocaust-Überlebenden gewesen, hieß es in einer ungewöhnlich ausführlichen Erklärung des Präsidenten. „Er war ein lebendes Denkmal.“

Der Friedensnobelpreisträger Schimon Peres erinnerte an Wiesel als Menschen, der sich stets gegen das Vergessen eingesetzt hat. „Wiesel hat seine Spuren in der Menschheit hinterlassen durch das Erhalten und Hochhalten des Vermächtnisses des Holocausts.“

Gauck würdigt Wiesel in Kondolenzschreiben

In einem Kondolenzschreiben an die Witwe Wiesels sprach Bundespräsident Joachim Gauck von einem großen Verlust. „Wir haben einen großartigen Menschen und außerordentlichen Gelehrten und Schriftsteller verloren“, schrieb Gauck in dem vom Bundespräsidialamt in der Nacht zum Sonntag verbreiteten Schreiben. Wiesel habe es verstanden, „als Zeitzeuge die Erinnerung an die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte wach zu halten und vor allem junge Menschen vor den Gefahren von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu warnen“.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte: „Mit Elie Wiesel geht nicht nur ein großer Autor, Philanthrop und Gelehrter von uns, sondern vor allem ein unermüdlicher Streiter gegen Hass, Intoleranz und Gewalt“, erklärte der SPD-Politiker in Berlin.

Der jüdische Weltkongress zeigte sich bestürzt über den Tod Wiesels. „Elie Wiesel war einer der großen jüdischen Lehrer und Denker der vergangenen 100 Jahre“, sagte Präsident Ronald S. Lauder in Brüssel. „Er lehrte uns über das Judentum, über Israel und darüber, nicht stumm zu sein im Angesicht von Ungerechtigkeit.“

Der Bürgermeister von Jerusalem, Nir Barkat, bezeichnete Wiesel als jemanden, der die Welt verändert habe. Der Leiter der Jewish Agency, die für Zuwanderung nach Israel zuständig ist, Nathan Scharanski, und seine Frau Avital teilten in der Nacht zu Sonntag mit: „Elie Wiesel war der gemeinsame moralische Kompass der jüdischen Menschen. (...) Wir werden ihn sehr vermissen.“ (dpa)