Geburtstag

Gitte Haenning wird 70: Die Wandlung eines Schlagerstars

Nur seichte Lieder zu singen, war Gitte Haenning nie genug. Inzwischen versteht sie sich als Chansonsängerin – und ist erfolgreich.

Foto: imago stock&people

Berlin.  Immer wieder hat sie versucht, sich neu zu erfinden. Hat sich statt in lustigen Kleidern im kleinen Schwarzen gezeigt und wollte mit aller Kraft Tiefe in ihre Lieder bringen. Aus Gitte wurde Gitte Haenning, die sich als Chansonsängerin und nicht mehr als Schlagersternchen verstand. Doch bei allem Bemühen um ein anderes Image klebt ein Lied an ihr wie Pech. „Ich will ’nen Cowboy als Mann.“ Zu ihrem 70. Geburtstag am Mittwoch wird sie diesen Hit von einst wohl nicht abspielen.

Was sie stattdessen hören wird, ist nicht überliefert. Denn Gitte Haenning hat sich vor ihrem Geburtstag mit Interviews zurückgehalten. Sie sei krank, die Bandscheibe, heißt es nur. Sie musste mehrere Auftritte absagen und hofft nun auf Besserung, teilte ihre Agentur mit.

Haenning wollte nicht das ewige Mädel sein

Wann immer man ihr begegnete in den vergangenen Jahren – die Frau enttäuschte die Erwartungshaltung grundlegend: Gitte Haenning wollte partout nicht die lustige Dänin sein, keine zweite Vivi Bach, die man mit ihrem süßen Akzent in die Schublade des ewigen Mädels steckte. „Ich brauchte kaum was zu machen, dann sagten schon alle ‚Ohh! Wie niedlich!‘“, beklagte sie sich vor Jahren in einem taz-Interview. Wer sie erlebte auf Tour mit den Schlagerikonen Wencke Myhre und Siw Malm­kvist, wunderte sich über die jazzige Musik und über den Ernst dieser Frau.

Zu stark noch sind die Erinnerungen an die 60er-, 70er-Jahre, als sie an der Seite von Rex Gildo seichte Liedchen trällerte: „Vom Stadtpark die Laternen“ zum Beispiel. Hits, die ankamen, die aber auch dazu führten, dass sich Haenning vom Schlagerbusiness auf eine Rolle festgelegt fühlte. Sie lehnte diese Fixierung ab. Es sollte ihr gelingen, was Rex Gildo nicht geschafft hatte: Sie wollte raus aus der Verhaftung durch das Publikum auf ein ewiges Hossa.

Haenning will die Menschen überraschen

„Wenn man sich zu sehr vom Publikum leiten lässt, verliert man sich selbst“, sagte sie in einem Interview. „Ich muss klug genug sein, die Menschen immer wieder zu überraschen. “ Das war sie.

Haenning, die 1973 Deutschland beim Eurovision Song Contest vertrat und mit „Jetzt dreht die Welt sich nur um dich“ Achte wurde, bezeichnete sich lieber als Popvokalistin. Sie sang die deutsche Version von Andrew Lloyd-Webbers „Take that look off your face“ („Freu’ dich bloß nicht zu früh“) und fühlte sich bei ihren Hommagen an Ella Fitzgerald und Judy Garland in ihrem Element. Ende der 90er-Jahre trat sie sogar in George Taboris Theaterprojekt „Zauberflöte“ in einem Zelt in Berlin auf. Weit weg war sie nun von dem, was sie geprägt hatte.

Für den Vater das „süße Vehikel“

Es hat sie nie losgelassen, dass sie mit acht Jahren auf der Bühne stand und „Ich will meinen Papa heiraten“ sang. Jahrzehnte später sagte sie in einem „Stern“-Interview, dass ihr Vater „mit mir seine unerfüllten Wünsche wahr machen wollte“. Er habe sie als „süßes Vehikel“ für seine eigene Karriere als Liedermacher genutzt. „Als sich der Erfolg einstellte, versprach er mir ein Fahrrad, damit ich weitermache. Aber auch sein autoritäres Verhalten war ein gewisser Antrieb für mich – es gab halt immer Zuckerbrot und Peitsche.“ Wenn auch spät, aber sie wollte ihrem Vater verzeihen: Mit einem Jazzkonzert 1997 in Berlin und dem Album „Songs for my father“ setzte sie ein Zeichen der Versöhnung.

In Erinnerung bleiben allerdings andere Lieder. „Ich hab die Liebe verspielt in Monte Carlo“ und – was wohl mehr nach ihrem Geschmack sein wird – „Ich will alles – und zwar sofort“; nur keinen Cowboy als Mann.