Nachruf

Trauer um einen Menschenretter: Rupert Neudeck stirbt mit 77

Mit Cap Anamur bewahrte Dr. Rupert Neudeck mehr als 11.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken. Nun starb er in seiner Heimatstadt Siegburg.

Rupert Neudeck war ein Kämpfer, der nie sein Lächeln verlor. Sein spezieller Humor hat ihn auch in schwierigen Situationen begleitet.

Rupert Neudeck war ein Kämpfer, der nie sein Lächeln verlor. Sein spezieller Humor hat ihn auch in schwierigen Situationen begleitet.

Foto: imago/Thomas Frey

Hagen/Siegburg.  Mit den Mächtigen dieser Welt hat sich Dr. Rupert Neudeck manchen Kampf geliefert. Seinen letzten gegen die Herzerkrankung hat er verloren. Der Mitbegründer von Cap Anamur ist tot.

Neudeck, Friedensaktivist und Menschenrechtler, der 1939 in Danzig geboren wurde und in Hagen aufwuchs, starb im Alter von 77 Jahren in einer Klinik in seiner Heimatstadt Siegburg. Er war am Herzen operiert worden, befand sich aber nach Informationen unserer Redaktion nach dem Eingriff wieder auf dem Weg der Besserung. Umso überraschender traf die Familie gestern Morgen sein Tod.

Neudeck, der selbst 1945 mit seinen Eltern vor der Roten Armee aus Danzig geflohen war und das versenkte Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ knapp verpasste, wurde bekannt als Gründer des Komitees „Ein Schiff für Vietnam“. Aus diesem ging später die Organisation Cap Anamur hervor.

Neudeck hatte damals sein Haus verpfändet, einen alten Frachter gekauft und das Schiff ins Chinesische Meer geschickt. Dort rettete die „Cap Anamur“ zwischen 1979 und 1986 genau 11.488 vietnamesischen Flüchtlingen, so genannten Boat People, das Leben. Als Rupert Neudeck im Jahr 2012 von einem vietnamesischen Arzt erfolgreich am Herzen operiert wurde, kommentierte er das mit den Worten: „Jetzt sind wir quitt.“

Projekte in zahlreichen Entwicklungsländern

Für seinen Humor, der ihn auch in brenzligen Situationen auszeichnete, war Rupert Neudeck, Journalist und Doktor der Philosophie, ebenso bekannt wie für seinen Mut und seine Dickköpfigkeit: „Ich möchte nie mehr feige sein.“ Mit diesem Satz hatte der Aktivist sein Engagement selbst begründet. Als er die ersten Flüchtlinge aus Asien an all der typisch deutschen Bürokratie vorbei mit dem Schiff nach Europa brachte, handelte er sich den Vorwurf ein, er sei ein illegaler Schleuser.

Neudeck („Es kann nicht wichtig sein, sich eine Erlaubnis zu holen, um Ertrinkende zu retten“) setzte seinen Weg unbeirrt fort. Missionen in vielen Ländern folgten. Sein Engagement mündete 2003 in der Gründung der Hilfsorganisation Grünhelme, deren Ehrenvorsitzender er bis zuletzt war. Der Verein sieht sich als Zusammenschluss von jungen Deutschen muslimischen und christlichen Glaubens. Er knüpft an den Dialog zwischen den Religionen an, stellt jedoch Taten in den Vordergrund. In zahlreichen Entwicklungsländern führt der Verein Projekte durch. Zuletzt engagierten sich die Grünhelme in der Flüchtlingshilfe, unter anderem im Lager Idomeni, in dem an der griechisch-mazedonischen Grenze nach Schließung der Balkanroute Tausende Menschen festsaßen.

Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise mischte sich Rupert Neudeck immer wieder in die Diskussionen ein. Dabei vertrat er die Auffassung, dass die deutsche Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit nicht fremdenfeindlich sei. Sie sei gerne bereit, in Not geratenen Menschen zu helfen, wenn man deren Elend nur vernünftig erkläre. Keine andere Bevölkerung mache sich so viele Sorgen um Flüchtlinge und stelle sich gegen Schreihälse, die sich Menschen, die unglaubliches Leid erfahren haben, als Opfer suchten.

Vermächtnis nicht verraten

Dabei nahm Neudeck immer wieder die Europäische Union in die Pflicht. „Man hat gemeint, es reicht aus, wie in einem Garten die Grenzen mit einem Zaun dicht zu machen, und dann sei das Thema erledigt“, hatte Neudeck vor gut einem Jahr im Gespräch mit der „Westfalenpost“ erklärt, „das war eine illusorische Rechnung.“ Europa dürfe sein Vermächtnis, jedem Menschen in Lebensgefahr zu helfen, nicht verraten.

Das Phänomen der Massenwanderung junger Afrikaner in Richtung Europa sah Neudeck nicht als spontanen Akt der Verzweiflung an. Die Familien würden oft mehrere Jahre sparen, um die für afrikanische Verhältnisse gewaltige Summe von bis zu 1500 Dollar, die die Überfahrt in einem Boot über das Mittelmeer koste, aufzubringen. „Es geht um einen Lebensplan“, so Neudeck, „derjenige, der nach Europa geschickt wird, soll eines Tages mit Geld beziehungsweise einem Beruf zurückkommen.“

Neudeck lebte mit seiner Frau in Siegburg bei Bonn. Vor zwei Wochen wurde er 77 Jahre alt. Er, der nach eigenen Angaben das Bundesverdienstkreuz zweimal abgelehnt hat, war unter anderem Träger des Cavalarie-Ordens von Somalia, der Theodor-Heuss-Medaille, des Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreises und des Erich-Kästner-Preises sowie Träger des Preises der Unesco-Stiftung für Bildung für Kinder in Not.