Porträt

Colin Firth: „Ich bin bereit, aus einer Torte zu springen“

Colin Firth stellte auf der Berlinale den Film „Genius“ vor. Wieder spielt er einen ruhigen Anzugträger. Was fasziniert ihn daran so?

Colin Firth stellte in Berlin seinen Film „Genius“ vor.

Colin Firth stellte in Berlin seinen Film „Genius“ vor.

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Berlin.  Colin Firth ist bereit für den Männerbikini. Wenn ihn nur endlich jemand fragen würde. „Wenn jemand möchte, dass ich einen Mankini in einem Film trage, dann manche ich das“, antwortete er auf die Frage nach seiner Tendenz, stets gut angezogene, stille Typen zu spielen. „Und wenn irgendjemand mich von der Zurückhaltung befreien will: Ich bin bereit, aus einer Torte zu springen.“

Seine Antwort auf der Pressekonferenz nach der Berlinale-Premiere des Films „Genius“ sorgte für Heiterkeit. Denn kann man sich das wirklich vorstellen? Firth springt im Bikini aus einer Torte? Lustig wäre das, und dass Firth auch im humoristischen Fach glänzen kann, hat er in Komödien wie „Bridget Jones“ gezeigt. Obwohl er auch in diesem Film auf den staubtrockenen Juristen im Anzug abonniert war. Seine Unbeholfenheit (man erinnere sich an ihn im Rentierpullover vor dem elterlichen Weihnachtsbaum) ist komisch und sexy zugleich.

Er spielt in „Genius“ den Entdecker von Thomas Wolfe

In „Genius“ spielt er nun einen Lektor im New York der 30-Jahre. Erzählt wird die authentische Geschichte des Schriftstellers Thomas Wolfe und seines Entdeckers Max Perkins. Während Wolfe, gespielt vom Briten Jude Law, aufbrausend, episch, überschwänglich und von allem zu viel ist, ist Perkins ein bescheidener, stiller Charakter, in dessen Innerem es vor Leidenschaft brodelt. Natürlich. Firths Darstellung als Perkins reiht sich damit nahtlos in die Liste seiner früheren Rollen ein. Typ: zurückhaltend, aber stets gut angezogen. Wie schon als Mr. Darcy (Stolz und Vorurteil), King George (The King’s Speech), wie der Alleinstehende (A Single Man) und als Kunstkurator (Gambit). Warum also immer wieder der Anzug? „Diese Rollen in Anzügen füttern natürlich mein Ego als Schauspieler. Ich mag es einfach, sexy zu sein, Anzüge zu tragen und Martinis zu trinken. Insofern bin ich also ein permanenter Anzugträger.“

Im Film hat Firth zudem ständig einen Hut auf, was ihn noch uniformierter und gehemmter wirken lässt. Auf die Frage, was ihn an Max Perkins, den Lektor, fasziniert, antwortet er ausschweifend: „Ich mag diesen Charakter. Zurückhaltung finde ich sehr faszinierend, weil im Inneren dieses Menschen sehr viel passiert.“ Für seine Rolle als Max Perkins sei er in eine Zeit ohne Internet, ohne soziale Medien abgetaucht. Und habe sich in eine Person versetzt, die sich für andere in die zweite Reihe gestellt habe. „Perkins wollte nie im Vordergrund stehen. Trotzdem war er sehr leidenschaftlich und den egozentrischen Menschen sehr zugewandt.“ Neben Wolfe arbeitete Perkins auch mit den Schriftstellern Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald zusammen.

Der permanente Wunsch nach Aufmerksamkeit

Um seinen Charakter zu verstehen, habe der Oscarpreisträger Firth die Biografie über Perkins und viele Werke, die er herausgeben hat, gelesen. Um selbstkritisch festzustellen: Die heutige Zeit wäre einem wie Perkins völlig fremd gewesen. „Wir leben in einer Ära des ungezügelten Exhibitionismus, die sozialen Medien haben uns in ein Zeitalter geführt, in dem alle danach schreien, sichtbar zu sein.“ Vielleicht, sagte Firth, sei das auch schon immer so gewesen, aber heute hätte man eben die Möglichkeiten, diesem Wunsch nach Aufmerksamkeit auch nachzugehen.

Doch Firth wäre kein Brite, wenn seiner Diagnose unserer modernen Gegenwart nicht eine Prise Selbstironie folgen würde. „Ich bin schließlich Schauspieler, daher weiß ich, worüber ich rede.“