Porträt

Die Musik rettete Purple Schulz vor dem Ruin

Purple Schulz landete in den Achtzigern viele Hits. Durch die Demenz seines Vaters ist er ernster geworden – seine Lieder auch.

Der Musiker und Autor Purple Schulz bei der Vorstellung seines Buches in Köln.

Der Musiker und Autor Purple Schulz bei der Vorstellung seines Buches in Köln.

Foto: dpa Picture-Alliance / Henning Kaiser / picture alliance / dpa

Essen.  Er hat sich kaum verändert. Obwohl er ja nächstes Jahr 60 wird. Immer noch voll und kaum kürzer als früher ist das Haar, das Grinsen so jungenhaft wie damals. Als er „Sehnsucht“ hatte, über „Verliebte Jungs“ sang oder musikalisch bat, doch mal hineinzuspringen in „Kleine Seen“. Mitte der 1980er war das und Purple Schulz stand ganz oben in den Hitparaden. Musik macht er bis heute.

Nur dass er mittlerweile auch andere Lieder singt. Über Demenz oder den Tod. „Damit kommst du allerdings nicht ins Radio“, hat er festgestellt. Aber damit kann er leben. Er hat schon Schlimmeres erlebt, wie man aus dem Buch erfährt, das er geschrieben hat: „Sehnsucht bleibt“ (editionfredebold, 19,90 Euro). Ein Buch also.

Schulz schreibt über die alten Zeiten

Er habe das Buch nicht von langer Hand geplant, es habe sich so ergeben, sagt Schulz. Ein befreundeter Verleger hat ihn auf die Idee gebracht, und Schulz hat sich hingesetzt und geschrieben. „Mir ging es vor allem um die Frage: Wie war das damals mit der Sehnsucht? Und was ist aus ihr geworden?“ Was dabei herausgekommen ist, kann man problemlos Biografie nennen. Schulz erzählt von seiner Jugend, von den ersten Schritten ins Musikgeschäft und den Jahren der großen Erfolge. Von einer Zeit, als „die Musik noch eine Wertigkeit hatte“ und „es Sendungen im Fernsehen gab, in denen tatsächlich live gespielt wurde“. Eine Zeit, in der er mit der Band Neue Heimat ganz oben ist und „Sehnsucht“ aus allen Radios klingt. Und wo Discjockeys in der DDR schon mal eine Nacht hinter Gittern landen, wenn sie den Song spielen. Weil die Behörden im Osten es nicht gut finden, wenn jemand auf einer Platte schreit: „Ich will raus!“

Er sei nicht abgehoben damals. „Die Familie hat mich immer geerdet.“ Aber es dauert nur ein paar Jahre, da ist er tief gefallen. Er hat sich über den Tisch ziehen lassen, viel Geld investiert in einen geplanten Hotelneubau, den es nie gegeben hat, und ist kurz vor dem Ruin gestanden. Lange Geschichte auch das, die Schulz zu der Erkenntnis führt: „Ich lasse die Finger von Dingen, von denen ich nichts verstehe.“

Er will Musik machen bis zum Umfallen

Am Ende hat ihn die Musik gerettet. „Davon konnte ich immer leben.“ Davon lebt er auch heute noch. „Ich gebe mehr Konzerte als in den 80er-Jahren.“ Auf ihnen singt er auch über Themen, über die andere nur selten sprechen.

In „Fragezeichen“ etwa geht es um Demenz. Purples Vater war daran erkrankt. Schulz beschreibt ihn als einen Mann, der sich längst von der Welt verabschiedet hatte, als er starb. Das hat den Sänger beschäftigt, das hat er in einem Lied und einem Video verarbeitet. Letzteres zeigt Demenzstationen und Ausbilder in Pflegeberufen auf Seminaren. Und auch nach Konzerten sprechen ihn Besucher immer wieder darauf an. Von einem „unglaublichen Feedback“ spricht der Kölner, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt, aber den sie wegen seiner Begeisterung für die Rockband Deep Purple alle nur Purple nennen: „Ich merke, dass ich die Menschen erreiche. Ich kann etwas bewegen.“ Auch deshalb will er weiter Musik machen, „bis ich umfalle“.

Familie ist für Schulz das Wichtigste

In den nächsten Wochen aber gönnt er sich eine Pause. Sein Sohn heiratet, später geht es mit Ehefrau Eri, mit der er seit fast 30 Jahren zusammen ist, auf Kreuzfahrt. Sehnsucht Fernweh? „Habe ich nie gehabt. Ist auch ganz untypisch für mich. Normalerweise reicht es mir, wenn ich nach Domburg in Holland fahre.“

Für den Sänger sind andere Dinge wichtig. „Solidarität, Wärme und Nähe“, zählt er auf und weiß auch, wo es all das gibt: „In der Familie. Nur in ihr finde ich die Erfüllung meiner Sehnsüchte. Bei den drei Kindern und natürlich bei seiner Frau, mit der er Texte schreibt. Sie ist die Muse, die mich küsst, aber auch der Stiefel, der mich tritt. Ohne sie“, ist Schulz überzeugt, „gäb’s mich nicht.“