Schauspieler

„Breaking Bad“-Star Aaron Paul will erwachsen werden

Durch seine Rolle als Jesse Pinkman in der Fernsehserie „Breaking Bad“ wurde Aaron Paul weltberühmt. Jetzt geht er mit der Nick-Hornby-Verfilmung „Long Way Down“ neue Wege als Schauspieler.

Foto: Andy Kropa / AP

Es ist ein wichtiger Termin, der im Berliner Hotel De Rome ansteht. Für „Breaking Bad“-Fans muss das gar erst nicht erklärt werden. Immerhin ist Aaron Paul einer der Stars der legendären Serie. Aber selbst wer das nicht weiß, bekommt vor dem Interview noch einen dringenden Hinweis: Schließlich wird der 34-Jährige von einer prominenten amerikanischen PR-Agentin vertreten. Daher dürfe man ihn – und sie – keinesfalls vergrätzen.

Doch das Auftreten des Schauspielers ist so unauffällig, dass man ihn fast übersehen könnte, als er in die Suite kommt. Angenehm unprätentiös – aber zugleich aussagekräftig – gestaltet sich die Unterhaltung anlässlich seines neuen Films „Long Way Down“ (ab 3. April im Kino). Aaron Paul weiß, dass es noch höhere Mächte als die von Hollywood gibt – und die lernte er schon in jungen Jahren kennen.

Berliner Morgenpost: „Breaking Bad“ ist seit über einem halben Jahr endgültig abgedreht. Haben Sie schon Entzugssymptome?

Aaron Paul: Nein, ich weiß, dass dieses Kapitel endgültig abgeschlossen ist. Natürlich wollen sich die Leute noch mit mir darüber unterhalten, was ich auch gerne tue. Diese Show wird dem Publikum noch Jahre lang im Gedächtnis bleiben, und ich bin sehr froh, dass ich dabei sein konnte. Das war die Rolle des Lebens für mich.

Bei Ihnen geht es zum Glück nahtlos weiter. Gerade ist Ihr Film „Need for Speed“ angelaufen; bei der Berlinale präsentierten Sie die Nick-Hornby-Verfilmung „Long Way Down“. Aber nicht jeder Schauspieler schafft den Übergang vom Serien- zum Kinostar. Machten Sie sich Sorgen?

Nein, denn ich war mir ziemlich sicher, dass ich neue Arbeit bekommen würde. Gerade weil ich – wie auch meine Kollegen – in der Serie zeigen konnte, was ich so drauf habe. Die einzige Frage war, ob ähnlich großartige Rollen auf mich warten. Andererseits wollte ich keine Figur spielen, die Jesse ähnlich war; das wäre wenig befriedigend. Ich suchte das absolute Gegenteil. Und das habe ich auch bislang gefunden. Wobei ich mich gar nicht anstrengen musste. Das Angebot für „Long Way Down“ bekam ich aus dem Blauen heraus. Und es war wie maßgeschneidert. Nicht nur weil ich seit Jahren ein Nick-Hornby-Fan bin, sondern auch weil ich mich mit meiner Rolle gut identifizieren konnte.

Was verbindet Sie denn mit diesem Menschen -- einem lebensmüden Pizzaboten?

Er fühlte sich verloren, und mir ging es Jahre lang genau so. Ich tat mir schwer, eine feste Basis im Leben zu finden. Nur dass ich nie die Versuchung spürte, dieses Leben zu verlassen.

Wann ging es Ihnen so?

Das war, nachdem ich mit 17 nach Los Angeles gezogen war. Ich hatte den spezifischen Traum, Schauspieler zu werden.

Wie unzählige andere Leute auch, die dann letztlich scheitern.

Genau. Denn sie kommen nicht mit der Ablehnung zurecht, die ihnen in der Branche begegnet. Viele Freunde von mir, die mit dem gleichen Traum nach Los Angeles kamen, warfen wieder das Handtuch. Aber mir war das von vornherein klar, ich wollte einfach kämpfen. Mein Problem war, dass ich erstmal nicht richtig Fuß fassen konnte. Ich bekam Rollen, aber dann ging es wieder abwärts. Ich hatte das Gefühl, als würde ich ohne Kontrolle dahintreiben. Bis zu meinem Durchbruch in der Serie „Big Love“ dauerte es zehn Jahre.

Weshalb gaben Sie nicht auf?

Weil ich einfach eine unbedingte Leidenschaft hatte – die Schauspielerei. Diese Passion hat mich immer vorwärtsgetrieben.

Brauchten Sie keine Ventile für Ihre Frustrationen?

Doch, vor allem das Malen und Zeichen – in den verschiedensten Stilrichtungen. Das hat eine sehr schöne therapeutische Wirkung. Außerdem schreibe ich.

Was schreiben Sie?

Kurzgeschichten. Und dann male oder zeichne ich eine kleine Welt um diese Kurzgeschichte herum.

Wollen Sie Ihre Arbeiten nicht mal veröffentlichen?

Doch, das Ziel habe ich durchaus. Inzwischen sind es über 100 solcher Erzählungen – das sind Kindergeschichten mit erwachsenen Themen. Also, wenn ein Verleger das liest – ich habe nichts dagegen einzuwenden.

Gibt es eine Geschichte, mit der Sie sich besonders identifizieren?

Ach, da sind viele. Eine handelt von einem Jungen namens Happy, der in der Stadt mit dem Namen „Düsternis“ wohnt. Er wurde mit einem übergroßen Herzen geboren, und alles, wovon er sprechen wollte, waren Liebe und Glück. Leider besaßen alle anderen Leute in der Stadt nur kleine und bittere Herzen, und das einzige Thema, was sie interessierte, war Traurigkeit. Daher konnten sie Happy mit seinen schönen Geschichten nicht leiden. Sie nähten ihm den Mund zu und stießen ihn aus der Stadt aus.

Und das war’s?

Nein, zum Schluss findet er ein kleines Mädchen, das ebenfalls mit einem übergroßen Herzen geboren wurde.

Sind Sie auch mit einem übergroßen Herzen ausgestattet?

Sagen wir so: Es ist ein ganz normales Gefühl, wenn du dich anders als die anderen fühlst und nach einem Menschen suchst, der dir ähnelt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich dabei ein wenig bei einem Animationsfilm aus den 70-ern bedient habe – „The Point“. Darin geht es um einen Jungen mit runden Kopf, der in eine Stadt lebt, wo alles spitz ist, und der sie dann auch verlassen muss, um seinen Sinn im Leben zu finden.

Was Sie ebenfalls taten, als Sie nach Los Angeles zogen.

Dieser Vergleich ist schon stimmig. Ich wurde in Boise, Idaho, als eines von fünf Geschwistern groß, und ich bin das einzige, das das Nest verlassen hat. Ich suchte etwas im Leben, und die Schauspielerei war nun mal meine große Leidenschaft. Also musste ich nach New York oder Los Angeles, und weil letzteres näher zu Idaho lag, ging ich dorthin.

Hatten Ihre Eltern nichts dagegen?

Nein, denn seit ich ein kleines Kind war, wollte ich auftreten und spielen. Sie wussten das. Seit meiner Highschool-Zeit war klar, dass ich meine Sachen packen und davonziehen musste.

Haben Sie inzwischen auch ein weibliches Wesen mit großem Herzen gefunden?

Oh ja. Ich habe vor einem knappen Jahr geheiratet. Wir haben uns bei einem Musikfestival kennengelernt – und ein Jahr später bei dem gleichen Festival verliebten wir uns. Das passt auch zu mir, denn ich liebe Musik über alles – ob Radiohead, die Beatles oder Bob Dylan. John Lennon ist der Mensch, den ich am meisten bewundere.

Das heißt, eigentlich läuft in Ihrem Leben alles optimal – ob beruflich oder privat. Oder sind Sie sich Ihrer Sache nicht sicher?

Zu heiraten war etwas, was ich mir immer gewünscht habe. Da spüre ich totale Geborgenheit. Aber beruflich kann ich nie aufhören zu kämpfen. Nichts ist selbstverständlich, ständig gibt es neue Leute, die auf der Leiter hochklettern. Und gleichzeitig muss ich wählerisch sein, was ich mir zum Glück momentan leisten kann. Das Entscheidende ist, dass ich an ein Projekt glaube. Selbst wenn es ein Misserfolg wird, kann ich mir sagen: Immerhin war ich davon überzeugt.

Hatten Sie eigentlich keine Angst, als Sie von Idaho nach Los Angeles zogen?

Ich war aufgeregt, aber im positiven Sinne. Und ich gebe zu, ich war sehr naiv. Ich dachte mir: ‚Du bist 17, lebst allein, hast deinen Führerschein und deinen Highschool-Abschluss ein Jahr früher gemacht, und jetzt lebst du allein. Du bist schon richtig erwachsen.’ Während ich in Wirklichkeit noch ein kleines Kind war. In Los Angeles sah ich dann, wie das Leben wirklich war, und das verpasste mir einen neuen Reifeschub. Was dringend notwendig war. Ich muss auch noch weiter erwachsen werden, dieser Prozess hört nie auf. Aber Angst verspürte ich nie. Ich hatte auch gar keine andere Option, für mich gab es nur ein Leben als Schauspieler.