Film

Keanu Reeves fühlt, dass ihm Frauen überlegen sind

Der amerikanische Schauspieler Keanu Reeves spricht über Wutausbrüche, Hausarbeit und warum er keinen Drang zum Heiraten verspürt. Sein Samurai-Fantasyfilm „47 Ronin“ läuft jetzt in den Kinos an.

Foto: dpa Picture-Alliance / Lionel Hahn / picture alliance / abaca

Vor den Fenstern des Münchner Hotels „Bayerischer Hof“ hängt graues Regenwetter. Auch der Anlass des Gesprächs ist nicht unbedingt heiter. Keanu Reeves bewirbt seinen Samurai-Fantasyfilm „47 Ronin“ (Filmstart: 30. Januar 2014), der in seiner amerikanischen Heimat nur bedingt auf Gegenliebe stieß. Aber der 49-Jährige lässt sich davon nicht beeindrucken, ist frech, verspielt und gut gelaunt. Vielleicht sollte man nicht alles ernst nehmen, was er sagt.

Berliner Morgenpost: Ihr neuer Film hatte vor allem in den USA nicht so viel Glück an der Kasse. Wie hart trifft Sie so etwas?

Keanu Reeves: Ich nehme es philosophisch. Er hatte es schwer und doch auch wieder nicht. Letztlich haben ihn doch insgesamt viele Menschen gesehen. Die Leute in meinem Umfeld sagten alle zu mir: „Uns hat er gefallen. Wir haben geweint.“ – Dankeschön!

Können Sie erklären, warum er es schwer hatte?

Es ist ein ziemlich gewagter und unkonventioneller Film. Die Besetzung besteht fast nur aus Japanern, er wurde von einer historischen Geschichte angeregt. Das ist sehr ambitioniert. Es beleidigt jedenfalls nicht deine Intelligenz. Es gibt ziemlich viele Dinge, die du da für dich herausholen kannst.

Zum Beispiel zeigt er die martialische Ethik der Samurai. Können Sie sich damit identifizieren?

Durchaus, ich kann dem Bushido, der Samurai-Philosophie, einiges abgewinnen. Vor allem den Sinn für Loyalität, der Verpflichtung gegenüber anderen – und auch deinen Nachkommen. Ich mag die enge Beziehung zur Natur, die wir auch im Film ansprechen. Und was ich faszinierend finde, ist der strenge Formalismus im zwischenmenschlichen Verhalten – wie du dich verbeugst, wohin du deinen Blick richtest, wie du deine Hände hältst. Das musste ich erst lernen.

Ist Ihnen das lieber als die westliche Zwanglosigkeit?

Ich mag beides. Ich mag es, anderen Leuten Respekt zu erweisen. Ich bin kein „Fick dich“-Mensch. Na ja, vielleicht gibt es einen Teil von mir, dem gelegentlich danach ist. Beim Dreh habe ich jedenfalls die Unterschiede zwischen Westlern und Japanern deutlich gemerkt, weil ich kein Japanisch sprach. Meine Kollegen hingen alle miteinander rum und hatten ihren Spaß, und selbst wenn sie nett zu mir waren, so habe ich mich doch ganz schön isoliert gefühlt.

Wie ist es mit dieser absoluten Loyalität? Wären Sie bereit, für jemanden oder eine Sache Ihr Leben hinzugeben – so wie im Film?

Tja, das ist immer so die Sache mit Filmen. Da sagst du so etwas so leicht. Dann stirbst du deinen Filmtod, und alles ist schön. Aber ich glaube schon, dass ich für Freunde und Familie sterben würde. Wenn denen etwas passiert, da spürst du etwas in den Vorderlappen deines Gehirns und in deinem Herzen, und alles in dir macht „Aaaaaah“. (schreit).

Solche Ausbrüche würde man Ihnen gar nicht zutrauen. Sie wirken immer so heiter-entspannt...

Es gibt schon Momente, in denen ich ausflippe. Wenn mich etwas in den Wahnsinn treibt.

Was treibt Sie in den Wahnsinn?

Lassen Sie mich mal überlegen. Wann war ich so wirklich, wirklich wahnsinnig? Hmm, es ist so lange her, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann.

Sind Sie möglicherweise so sehr geprägt von fernöstlicher Philosophie? Sie haben immerhin schon Buddha gespielt; ihr Regieprojekt, das demnächst in die Kinos kommt, trägt den Titel „Man of Tai Chi“.

Ich gebe zu, dass ich mich zu diesen Ideen hingezogen fühle, selbst wenn ich jetzt kein Spezialist bin. Ich finde den Fokus auf innere Balance und auf die Beziehung zu deinem Selbst wichtig. Ich mag, wie speziell in Japan eine Verbindung zwischen Kunst und Natur geschaffen wird – das gibt mir ein Gefühl von Stabilität und Zentriertheit, wo alle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins sind. Und in diesem Denken findet sich auch die Vorstellung, dass die Dinge immer interessanter werden, je genauer wir sie betrachten. Mit der Ausnahme des Staubsaugens vielleicht.

Saugen Sie Staub?

Wie lange ist das her? – Mindestens drei Monate. Wie jeder Mensch brauche ich bei so etwas Hilfe.

Wer ist besser bei der Hausarbeit – Männer oder Frauen?

Oh, jetzt muss ich genau aufpassen, was ich sage. Ich will hier nicht in Schwierigkeiten kommen. Darauf gibt es keine Antwort. Männer und Frauen lassen sich überhaupt nicht vergleichen, wir sind einfach ganz andere Tiergattungen. Deshalb können Frauen für uns auch ein absolutes Rätsel sein.

Stört Sie das?

Absolut nicht. Ich finde diese Unterschiede faszinierend.

Mit wem verbringen Sie lieber Zeit – Männern oder Frauen?

Das ist ungefähr gleich. Ich habe männliche und weibliche Freunde, die ich seit 16, 18 Jahren kenne. Und mit denen habe ich genauso viel Spaß. Ich differenziere da nicht großartig. Letztlich sind diese Freunde so etwas wie ein Teil meiner Familie geworden.

Aber eine Frau an Ihrer Seite wäre noch besser?

Natürlich ist es schön, eine Beziehung zu haben, aber ich bin es gewohnt, mal jahrelang keine Beziehung zu haben. Ich bin zwar dann im Nachtleben unterwegs, aber letztlich wage ich dann nicht den entscheidenden Schritt. Ich bin froh, einfach nur mit einer Frau befreundet zu sein.

Allerdings bringt man Sie immer wieder mit neuen Partnerinnen in Verbindung. Suchen Sie also nach der großen Liebe im Leben?

Ich glaube nicht, dass du danach suchen kannst. Vielleicht gibt es die große Liebe gar nicht. Es kommt bloß darauf an, dass du eine funktionierende Beziehung hast. Und ich weiß, wann es läuft und wann nicht.

Und wann läuft es?

Wenn ich bereit bin, meiner Partnerin etwas zu geben, etwas mit ihr zu teilen. Ich muss da allen Egoismus ablegen. Natürlich gilt das auch für sie.

Waren Sie früher nicht dazu bereit?

Ich werde dieser Vorstellung jetzt mehr gerecht. Ich begreife langsam, was zur Liebe gehört: Einerseits brauchst du Intimität, aber gleichzeitig sollte deine Partnerin auch so etwas wie dein bester Freund sein. Und du musst ihr vertrauen können.

Ist das so schwierig für Sie?

Sagen wir’s so, ich habe das Gefühl, dass mir Frauen überlegen sind. Während ich mich frage, was sie denken, verstehen sie genau, was in mir vorgeht. Das haben sie mit der Evolution gelernt. Gerade weil sie nicht so stark sind, müssen sie die Gedanken von Männern lesen können. Sie sind da echt weiter entwickelt als wir.

Aber das schreckt Sie hoffentlich nicht vom Heiraten ab?

Und wenn eine Frau sich auf dich einlässt, dann lässt sie dich ja an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben. Das ist eine großartige Erfahrung. Deshalb gefällt mir die Vorstellung, mit einer Frau ein ganzes Leben lang zusammen zu bleiben. Andererseits verspüre ich nicht den absoluten Drang dazu. Es muss nicht sein.

Aber Sie werden in diesem Jahr 50. Da wird es für einen Mann doch langsam Zeit, eine Familie zu gründen.

Auch dagegen habe ich nichts. Aber ich will mich auch nicht unter Druck setzen. In dem Alter kommen dir alle möglichen Gedanken über die Dinge, die du noch nicht erreicht hast, aber das ist einfach nur eine innere Programmierung. Irgendwie glaubst du, du musst dir über so etwas den Kopf zerbrechen.

Haben Sie so etwas wie eine Midlife Crisis erlebt?

Der Übergang war auf jeden Fall spürbar. Das fing schon mit körperlichen Sachen an. Ich merkte plötzlich, dass ich nicht mehr so beweglich bin. Das war überhaupt nicht angenehm. Und ich bin mir auch der Tatsache bewusst geworden, dass ich eines Tages nicht mehr auf dieser Erde sein werde. Vorher habe ich zu wenig auf die Zeit geachtet. Auf einmal fiel mir auf: Moment mal, wo sind die letzten fünf Jahre hin? Jetzt nehme ich das alles anders wahr.

Tun Sie etwas für Ihre Fitness?

Es ist schwierig; ich muss natürlich für meine Filme trainieren. Aber ich schaffe bei weitem nicht mehr so viel Sport wie früher. Ich muss mir irgendeine neue Sportart suchen, die ich in meinem Alter noch schaffe. Vielleicht wäre Schlamm-Catchen was für mich.

Aber im Ernst – Hat man in Hollywood kein Problem damit, dass es den jugendlichen Star Keanu Reeves bald nicht mehr gibt?

Nein, für meine Arbeit ist es sogar ganz gut, dass ich älter werde. Ich dachte mir immer, dass ich für bestimmte Rollen zu jung wirke. Ich will also nicht das Rad der Zeit zurückdrehen. Zumindest jetzt noch nicht. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Eher kommt es mir so vor, als würde für mich jetzt eine zweite, aufregende Karriere beginnen. Ich mochte schon immer das Gefühl, wenn du in das Unbekannte aufbrichst. Das war schon so, als ich von Toronto nach Los Angeles fuhr, um in Hollywood Fuß zu fassen, ähnlich fühlte ich mich, wie ich nach Sidney ging, um die „Matrix“-Filme zu drehen. Und jetzt ist es ein neuer Übergang. Es ist schön, wenn du dich verwandeln kannst – aber ohne dein Selbst dabei zu verändern.

Also kein Frust über die vergangene Jugend?

Das kommt nur bei Leuten vor, die das Gefühl haben, sie hätten ihr Leben noch nicht gelebt. Dann kaufen sie sich als Ausgleich einen schnellen Sportwagen. Aber das gilt nicht für mich.

Was war denn das Extravaganteste, das Sie sich je gekauft haben?

Ich weiß nicht, ob ich mir je etwas wirklich Extravagantes gekauft habe. Das ganze Geld hat mich nicht ausflippen lassen. Es war natürlich schön, dass ich mir bestimmte Dinge leisten konnte. Ich habe ein Haus für meine Mutter gekauft – und eines für mich. Ich brauchte mal einen festen Lebensmittelpunkt; ich hatte ja Jahre lang im Hotel gewohnt. Andererseits mag ich eben den Sinn des Neuanfangs.

Welche Neuanfänge könnten sie sich noch vorstellen?

Alles ist möglich. Vielleicht werde ich in irgendeiner Wohnsiedlung für Rentner abhängen und meinen Bierbauch vor mir hertragen. Aber ganz ehrlich: Ich hoffe, dass ich in meinem Leben so viel arbeiten werde, dass ich mich gut dabei fühle. Denn ich spüre eine große Unruhe in mir, für die ich ein Ventil brauche. Und eines Tages ist dann der Punkt erreicht, wo ich es kaum noch erwarten kann, aus diesem Leben auszusteigen.

Und wohin geht es dann?

Wer weiß? Ins große wilde Unbekannte.