Fernsehen

Stephan Grossmann über den neuen „Tatort“ und seinen Kiez

Am 26. Dezember spielt Stephan Grossmann im neuen Weimarer „Tatort“ neben Tschirner und Ulmen einen Fleischereierben. In Berlin erfüllte sich der gebürtige Dresdner einen lang gehegten Traum.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Etwa 100 Fernsehfilme hat Stephan Grossmann nach eigener Schätzung bis zum heutigen Tag gedreht. Er war der junge Helmut Kohl in „Der Mann aus der Pfalz“, und Hans-Dietrich Genscher in „München 72 – Das Attentat“. Trotzdem gehört der 42-Jährige zu den Schauspielern, bei dessen Namen man immer erst kurz überlegen muss, bis man ein Bild vor Augen hat.

Das liegt weniger am Charakter seiner Projekte als an der Medienscheu des Wahlberliners. Obwohl seit mehr als zehn Jahren im Filmgeschäft hat sich Stephan Grossmann erst vor Kurzem dazu entschieden, eine Agentur zum Eigenwerbezweck zu engagieren. Mittlerweile könnte er sich sogar eine Homestory vorstellen, wenn es darum ginge, ein eigenes Herzensprojekt zu promoten.

Nun also ein Interview zu seiner Rolle als Fleischereierbe Sigmar Hoppe im ersten Fall von Christian Ulmen und Nora Tschirner als Weimarer „Tatort“-Kommissare (26. Dezember, 20.15 Uhr, ARD). Stephan Grossmann bittet zum Gespräch in seinen Pankower Kiez. Genauer gesagt: ins hauptsächlich von älteren Bürgern frequentierte Café einer großen Bäckereikette.

Berlin-Mitte war Grossmann zu szenig

Der Treffpunkt ist ihm im Nachhinein dann doch irgendwie unangenehm. Also lieber ein Spaziergang im nahe gelegenen Schlosspark. Nach Pankow ist der gebürtige Dresdner einst wegen einer Frau gezogen und dann dort hängen geblieben, wie er sagt. In dem Kiez fühlt er sich wohl – wenn nur der Fluglärm nicht wäre. Vorher hat er in Mitte gewohnt, doch das war ihm zu szenig.

Stephan Grossmann kommt eigentlich vom Theater. Nach einer ungeliebten Ausbildung zum Kaufmann ging er nach dem Fall der Mauer nach Potsdam, um an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg zu studieren. „Bereits in meiner Jugend mit 16 Jahren verspürte ich den Wunsch, den Beruf des Schauspielers zu erlernen. Aber im Osten musste ich damals nach meiner Schulausbildung zunächst eine Lehre absolvieren“, sagt er.

Angekommen in seinem neuen Leben stürzte er sich in die Arbeit und die Kulturszene: „Unzählige Male bin ich Abend für Abend nach Berlin ins Theater gefahren und habe mir Aufführungen, die mich begeisterten, mehrmals angesehen.“ Besonders angetan hatte es ihm das Deutsche Theater, an dem er Jahre später selbst ein Engagement erhalten sollte.

Von Studentenverbindung bis Scientology

Zunächst ging es jedoch nach Frankfurt am Main ans Schauspielhaus. „In dieser mir damals unbekannten Stadt sind mir allerlei Abenteuer passiert. Von Studentenverbindung bis Scientology“, erinnert er sich. Die Studentenverbindung habe ihm ein günstiges Zimmer versprochen und Scientology Selbsterkenntnis. Doch beides habe sich für ihn sehr schnell als der falsche Weg erwiesen.

Die nächste Station Berlin war für ihn die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Viele seiner Vorbilder spielten damals am Deutschen Theater. Doch mit den Jahren kam der Alltag und es wurde Zeit, etwas Neues auszuprobieren. So ist Stephan Grossmann vor die Kamera gekommen. „In meinem ersten Film hatte ich gerade mal drei Sätze und musste eine zu kleine rote Badehose anziehen“, erinnert er sich.

Doch davon ließ er sich nicht abschrecken. Die erste Fernsehhauptrolle folgte 2008 in einem „Polizeiruf 110“. „Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher spielen zu dürfen, zählt zu meinen bisher wichtigsten Erfahrungen“, sagt er heute im Rückblick. Dass er als Junge aus Dresden einmal diesen Mann verkörpern würde, den er 1989 vor der Frauenkirche gesehen hatte, schien ihm damals unvorstellbar.

Dauerpräsenz und Schlagfertigkeit seiner Kollegen

Für dieses Jahr kann sich Stephan Grossmann zurücklehnen. Die letzten Dreharbeiten hat er gerade beendet und die ersten Reaktionen auf den Weimarer „Tatort“ bei der Publikumspremiere waren vielversprechend. Auch er selbst ist mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Am Set habe er sich jedoch zunächst mit der Dauerpräsenz und -schlagfertigkeit seiner Kollegen Christian Ulmen, Nora Tschirner und Palina Rojinksi – alles ehemalige MTV-Moderatoren – gewöhnen müssen.

„Ich brauche vor der Szene immer ein wenig Ruhe und Konzentration“, sagt er. „Diese kreative Unruhe hatte aber auch zum Ergebnis, das man seine Konzentration hellwach halten musste. Es war vor und hinter der Kamera nicht eine Sekunde langweilig. Am Ende haben wir von unseren unterschiedlichen Energien profitiert.“

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