US-Schauspielerin

Maggie Gyllenhaals Geschmack ist nicht gerade massentauglich

| Lesedauer: 11 Minuten

Foto: Bryan Bedder / Getty Images for Estee Lauder

Im Kinofilm „White House Down“ spielt Maggie Gyllenhaal eine Agentin des Secret Service im Kampf gegen Terroristen. Doch einen Namen machte sie sich in erster Linie mit ungewöhnlichem Kunstkino.

Wer Maggie Gyllenhaals Stimmung kennen will, muss ihr nur in die großen, blauen Augen schauen. Wirkt der Blick geistesabwesend, leicht verschleiert oder stumpf, dann ist das kein gutes Zeichen für ein Interview.

Doch in diesem Fall ist ein lebendiges, leicht träumerisches Leuchten zu sehen. Ein eindeutiges Indiz für Gesprächsbereitschaft. Und das, obwohl sich die 35-Jährige über „White House Down“ äußert, einen Film, der auf den ersten Blick gar nicht so recht zu ihren Sensibilitäten zu passen scheint.

Denn einen Namen machte sie sich in erster Linie mit ungewöhnlichem Kunstkino. Aber die zweifache Mutter hat hier keine Scheuklappen, denn sie hat auch so nichts dagegen, wenn ihre Welt mal auf den Kopf gestellt wird.

Berliner Morgenpost: Sie sind eine der Königinnen des amerikanischen Independent-Films, aber aktuell lassen Sie es in Roland Emmerichs „White House Down“ krachen. Würden Sie sie sich so einen Action-Blockbuster privat ansehen?

Maggie Gyllenhaal: Doch, doch, wenn er Witz und Humor hat und dich noch ein wenig zum Nachdenken bringt, dann schon. Ich will schließlich auch mal meinen Spaß haben. Aber dass man mich fragt, ob ich bei so etwas mitmachen möchte, das ist die Ausnahme.

Könnten Sie sich als Sicherheitschefin des Weißen Hauses vorstellen – so wie in diesem Film?

Das muss ich wohl, schließlich bin ich Schauspielerin. Aber meine sechsjährige Tochter hat mich gefragt, was ich für eine Rolle in diesem Film habe. Ich sagte zu ihr, um es etwas etwas vereinfacht auszudrücken: „Ich spiele eine Polizistin, die keine Kinder hat. Würdest du mir das zutrauen?“ Und sie meinte: „Nein.“

Aber auf der Leinwand strahlen Sie enormes Selbstbewusstsein und gelegentlich auch Härte aus.

Ich bin aber wesentlich weniger hart als ich wirke. So sehr ich meinen Beruf und diese Branche mag, ich finde das auch sehr verwirrend. Ich habe Phasen, wo mein Selbstbewusstsein ganz oben ist, und dann rauscht es wieder in den Keller. Aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich mich zu meinen Überzeugungen bekennen soll. Wovon ich zum Beispiel fest überzeugt bin, ist, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben, was in Hollywood nicht immer so akzeptiert wird.

Das heißt, da gab es Meinungsverschiedenheiten?

Keine offenen Konfrontationen. Die Ungleichheit und der Sexismus in der Branche manifestieren sich eher auf subtile Weise. Wenn du zum Beispiel nicht einfach nur der Befehlsempfänger deines Regisseurs sein willst, dann musst du als Frau aufpassen, wie du deine Einwände äußerst. Männer brauchen da nicht so vorsichtig zu sein. Als ich jünger war und glaube, ich wisse alles besser, bin ich da schon angeeckt. Da habe ich einige Lektionen auf die harte Weise gelernt. Aber wenn mir etwas künstlerisch wichtig ist, dann bestehe ich auch darauf. Oder zumindest bestehe ich darauf, dass der Regisseur das mit mir bespricht. Ich bin nicht einfach jemand, der bloß sein Geld verdienen will. Wer so denkt, dem ist das alles egal.

Gibt es Situationen, in denen Sie so richtig auf den Tisch hauen können?

Bei kreativen Fragen ja. Aber eigentlich bin ich kein großer Fan des Auf-den-Tisch-Hauens. Ich hasse es ja auch, wenn das jemand mir gegenüber tut. Denn dann werde ich rebellisch. Ich will eine konstruktive Zusammenarbeit. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand mich dazu bringt, meine Meinung zu ändern. Das ist ein ganz spannender Prozess und schafft eine besondere Intimität.

Wie häufig passiert das?

Sehr oft sogar. Ich habe bestimmte Vorstellungen zu meiner Arbeit, und dann merke ich, dass mein Regisseur etwas ganz Anderes will. Manchmal reicht auch schon das Wissen, dass er etwas Unterschiedliches möchte, um dich auf ganz neue, noch interessantere Gedanken zu bringen.

Sie sind auch schon politisch angeeckt. Als Sie vor einigen Jahren den USA eine indirekte Mitverantwortung für den Terrorangriff des 11. September zuschrieben, sorgte das in den Staaten für Aufruhr. Dann aber ruderten Sie wieder zurück.

Ich habe versucht, mich sehr nuanciert und spezifisch auszudrücken, aber das alles wurde auf vereinfachte Weise veröffentlicht. Das Einzige, was rüberkam, war: „Ihr tut es leid.“ Ich dachte mir: „Interessiert sich eigentlich jemand dafür, was ich wirklich sagen will?“ Seither äußere ich mich in Interviews nicht mehr über komplizierte moralische und politische Themen. Das ist einfach nicht der geeignete Rahmen.

Sie bleiben aber weiterhin politisch aktiv. Zuletzt traten Sie in einem Video zur Unterstützung des Informanten Bradley Manning auf. Sehen Sie keine Ironie darin, dass Sie in „White House Down“ den Präsidenten beschützen, während Sie die Politik der realen Regierung kritisieren?

Ich kritisiere die Regierung nicht per se, sondern bestimmte Regierungen oder einzelne Aspekte ihrer Politik, die ich für falsch halte.

Sie haben Barack Obama speziell bei seiner ersten Wahl unterstützt, sehen Sie ihn immer noch in einem so positiven Licht?

Einige meiner Hoffnungen hat er erfüllt, wofür ich dankbar bin, andere dagegen enttäuscht. Ich habe auch bei der letzten Wahl für ihn gestimmt und versuche ihn zu unterstützen, obwohl ich durchaus kritisch gestimmt bin. Es ist sehr irritierend, dass er das Problem mit Guantanamo noch nicht gelöst hat, andererseits hat er viel Positives bei der Gesundheitsreform bewirkt, und er machte einen ernsthaften Versuch, die Waffengesetzgebung zu verändern.

Halten Sie es für richtig, wenn sich Schauspieler politisch äußern?

Ich finde, jeder hat die Verantwortung, zu den Dingen Stellung zu beziehen, die er für falsch hält – ob zu großen oder zu kleinen Themen. Das gilt auch für Schauspieler, so sehr ich auch das Bedürfnis habe, anonym zu bleiben. Die Zuschauer sollen ja nicht zu viel über mich wissen, damit sie mir abnehmen, wenn ich in verschiedene Rollen schlüpfe.

So gesehen hätten Sie nicht Hollywoodschauspielerin werden dürfen.

Das war auch nie mein Ziel. Mein Geschmack ist nicht besonders massentauglich. Die meisten Sachen, die ich drehe, eignen sich eher für ein kleines Publikum. Früher dachte ich mir, ich würde auf den Off-Broadway-Bühnen auftreten, in einem winzigen New Yorker Apartment leben und cool sein.

Und jetzt drehen Sie Filme wie „White House Down“, leben in einer großen Wohnung und sind nicht mehr cool?

Sie sagen, ich sei nicht mehr cool.

Das war eine Frage.

Offen gestanden, auf das Leben, das ich mir mit 14 für mich ausmalte, kann ich gut verzichten. Das wäre ein wenig unpraktisch.

Zumal Sie eine sechsjährige und eine einjährige Tochter haben. Wie sehr stellen Sie Ihre Karriere für Ihre Familie hintan?

Ich versuche weiterhin, Projekte zu machen, die mich künstlerisch vorwärtsbringen. So gesehen gerät meine Karriere nicht ins Hintertreffen. Durch meine Familie entwickle ich mich als Mensch weiter – und damit wiederum als Schauspielerin. Kinder zu haben ist ein Gefühl, als würde dir jemand dein Herz aufstemmen. Und je älter sie werden, und je mehr du hast, desto stärker wird es. Ich kann somit noch kompliziertere und erwachsenere Rollen meistern. Aber ich gebe zu, ich fühle mich sehr hin und hergerissen. Manchmal entscheide ich mich für die Arbeit, selbst wenn ich weiß, dass das den Rhythmus meiner Kinder durcheinander bringt. Nach „White House Down“ habe ich etwas ganz Verrücktes gemacht: Ich drehte sofort danach einen Film in Irland und New Mexico.

Eine wiederholungsbedürftig Erfahrung?

Mit zwei Kindern zu reisen und für sie jedes Mal ein neues Heim zu schaffen, war schon eine Belastung. Und das auch noch im Winter. Prompt sind beide krank geworden. Was uns gerettet hat, war, dass wir in Irland im absoluten Idyll wohnten – in einer Farm am Meer. Meine Sechsjährige hat dieses Naturleben richtig genossen; sie hat miterlebt, wie eine Sau sechs Ferkel geworfen hat. Und für mich war es künstlerisch eine großartige Erfahrung. Andererseits bekam ich dieses Jahr ein Angebot für ein Projekt, das in drei Ländern gedreht werden sollte. Die Rolle wäre so interessant gewesen, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich das auf die Reihe bringen soll.

Wie ist es mit Ihrem Mann und Kollegen Peter Sarsgaard. Könnte er sich nicht um ihre Töchter kümmern?

Das tut er auch. Wir versuchen es zu vermeiden, dass wir gleichzeitig drehen, aber das ist nicht immer möglich. Und ich mag es, wenn die beiden bei mir sind. Es ist dann eher so, dass er uns besucht oder wir ihn. Aber jetzt mache ich sowieso eine Pause; bis zum Frühjahr spiele ich nur in New York Theater.

Auf der Bühne sind Sie mit Ihrem Mann schon ein paarmal gemeinsam aufgetreten. Ist der gemeinsame berufliche Einsatz keine Belastung fürs Privatleben?

Absolut nicht. Ich liebe es mit ihm zu spielen. Wir haben einen ganz ähnlichen Geschmack. Und ich würde wahnsinnig gerne mit ihm drehen. Ich finde, dass wir uns noch stärker beruflich austauschen sollten.

Wann ist es Ihnen zum letzten Mal passiert, dass Sie nicht weiter wussten?

Das passiert immer wieder, und ist auch ganz normal. Bei meinem letzten Film dachte ich, ich bereite mich nicht auf die Rolle vor, sondern schaue mal, wie sich das entwickelt. Das war ganz schön furchterregend. Und bei „White House Down“ ging es mir wie meiner Figur: Ich habe versucht, alle Herausforderungen professionell zu meistern, aber als sie am Schluss ihren Zusammenbruch hatte, bin ich auch ein bisschen zusammengeklappt. Ich dachte: „Ich bin auch so müde, und ich trage die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern.“ Wobei Letzteres natürlich nicht stimmte.

Aber fühlen Sie sich oft so am Boden?

Manchmal schon. Da habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen, ich passe nicht in meine Kleider, weil ich ein Baby bekommen habe, und die ganze Welt überwältigt mich. Aber das ist nicht tragisch. Das gehört dazu. Du kannst nicht immer die Kontrolle behalten. Wenn die Welt auf dem Kopf steht, fühlst du dich so richtig lebendig.

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