„Wir sind die Millers“

Jennifer Aniston hat kein Problem, jenseits der 40 und nackt zu sein

Die amerikanische Schauspielerin Jennifer Aniston spielt in ihrem neuen Film eine Stripperin. Im Interview spricht sie über das harte Training für die Rolle

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Hotel de Rome zwischen Hedwigkirche und Staatsoper. Jennifer Aniston verspätet sich etwas zum Interview für ihre neue Komödie „Wir sind die Millers“ (Starttermin: 29. August), in der sie eine Stripperin spielt, die, mit ihrem Nachbarn als Familie getarnt, in einem Campingwagen eine riesige Menge Drogen über die mexikanische Grenze in die USA schmuggeln will.

Die Entourage des 44-jährigen Filmstars wird schon etwas nervös, bis sie schließlich doch noch um die Ecke biegt und alle mit einem strahlenden „Hallo, wie geht es Ihnen? Was für ein schöner Tag heute, oder?“ begrüßt.

Berliner Morgenpost: Frau Aniston, lassen Sie uns mit der nächstliegenden Frage beginnen: Wo haben Sie so verdammt gut Stripteasetanzen gelernt?

Jennifer Aniston: Oh, vielen Dank! Ich hatte eine fabelhafte Choreografin, Denise, und sie hat mir alles, was Sie da sehen, beigebracht. Ohne sie würde ich als Stripperin erbärmlich aussehen, sie war eine exzellente Lehrerin. Wir haben einfach sehr hart trainiert, und ich habe mir viel von ihr abgeguckt.

Wie schwierig ist es denn, beim Tanzen wirklich sexy zu wirken?

Na ja, erst einmal muss man die Schritte und Bewegungen lernen, erst dann kann man Sinnlichkeit reinbringen. Das ist im Grunde nichts anderes als beim Textlernen. Man muss erst seine Sätze auswendig können, bevor man sie mit Emotionen und Bedeutung füllt. Das muss man sich Schritt für Schritt aneignen. Und es schadet nicht, einen guten Cutter zu haben, der die Szene am Ende so zusammenschneidet, dass man dabei sehr viel besser aussieht, als man tatsächlich war.

Es ist schön zu sehen, dass Sie nicht mehr 30 Jahre jung sind.

Das bin ich in der Tat nicht mehr.

Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte man in Hollywood wohl kaum eine Schauspielerin in ihrem Alter als Stripperin besetzt. Ändert sich da gerade etwas?

Absolut! Und ich glaube, das Alter ist nicht mehr so entscheidend, wenn man ein bisschen auf sich achtgibt. Ich habe das in letzter Zeit öfter gehört: ‚Also für Ihr Alter sehen Sie aber gut aus’, als ob ich schon zerbröckeln und Gliedmaßen verlieren sollte. Aber das ist der Druck der Gesellschaft, die sehr jugendfixiert und altersdiskriminierend ist. Ich finde, es ist überhaupt kein Problem, jenseits der 40 und nackt zu sein! Schauen Sie sich Helen Mirren an, sie ist 68 und eine verdammt sexy Lady. Es kommt alles von innen. Ich hätte mich in meinen Zwanzigern nie wohl genug gefühlt, vor der Kamera meine Klamotten auszuziehen. Erst mit den Jahren bekommt man das nötige Selbstbewusstsein.

Aber in Hollywood sind es doch vor allem Produzenten und Regisseure, die Frauen ab einem gewissen Alter für Kassengift halten...

Eine engstirnige Denke! Aber Sie haben Recht, es beginnt sich zu ändern. Nehmen Sie Sandra Bullock, sie ist 49 und sieht fantastisch aus. Wir sind eine Generation von Frauen, die einfach gesünder und bewusster leben. Wir achten darauf, was wir zu uns nehmen und unseren Körpern antun. Was haben wir früher für Mist in uns reingestopft, wir hielten uns für unsterblich. Burger und Fritten ohne Ende und wir dachten, es würde uns nichts schaden. Falsch!

Ihr Film handelt von vier Menschen, die so tun, als seien sie eine Familie und Drogen schmuggeln. Würden Sie uns verraten, ob Sie jemals Drogen probiert hätten?

Nein! (lacht)

Nicht mal was geraucht?

Klar, wir haben doch alle schon mal „was“ geraucht! Oh, stopp! Ich sehe schon die Schlagzeile: Jennifer Aniston: „Ich habe ‚was’ geraucht“ – na, toll! Bitte verhindern Sie das. Ich hatte wirklich genug beknackte Schlagzeilen in meinem Leben.

Apropos: Wie gehen Sie denn mit all den Klatschnachrichten um, die permanent über Sie kursieren? Mal sind sie angeblich verlobt, dann wieder getrennt, dann plötzlich schwanger...

Oh, glauben Sie mir, ich möchte wirklich niemanden ermüden! Ich will nur meine Arbeit machen. Und ganz ehrlich: Diese Gerüchteküche ist ein totaler Horrortrip. Aber es gibt tatsächlich Leute, die so eine Präsenz wollen. Wer in einer Realityshow mitmacht, will genau das. Aber wer als Schauspieler seinen Unterhalt verdient und ein stinknormales Leben führt, hat schlicht nichts Skandalöses, über das es sich zu berichten lohnt. Keine Ahnung, warum dann Zeug erfunden wird, vielleicht gibt es nicht genug Schlechtes in dieser Welt und manche Medien glauben, ein bisschen nachhelfen zu müssen. Vor allem das Internet ist ein ziemlich schrecklicher Ort, wo sich solcher Quatsch wie ein Lauffeuer verbreitet.

Im Abspann des Films gibt es einen kurzen Ausschnitt einer Szene, in der Ihnen Ihre Kollegen einen Streich gespielt haben und sie statt des geplanten Songs den Titelsong Ihrer Kultsitcom „Friends“ anstimmen. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob Sie sich gefreut haben oder genervt waren.

Ich erkläre es Ihnen: Ich war zuerst überrascht, dann geschockt und dann bin ich ganz sentimental geworden. Ich weiß nicht, warum es mich so gerührt hat. Es war ein sehr langer Drehtag, wir hatten die Szene bereits unzählige Male gedreht und ich konnte den anderen Song schon nicht mehr ertragen. Und dann hieß es: Noch einmal! Und ich meinte nur: Wollte Ihr mich auf den Arm nehmen? Wir haben das jetzt echt aus jedem Blickwinkel gefilmt, reicht das nicht? Aber gut, wenn es denn sein muss. Und dann kommt plötzlich der „Friends“-Song an und alle fangen an mitzusingen. Sie hatten extra geübt und den Text gelernt, ich fand es so süß!

Geht Ihnen das nicht auf die Nerven, immer wieder auf eine Serie angesprochen zu werden, die es seit fast zehn Jahren nicht mehr gibt?

Im Gegenteil! Ich habe das Gefühl, dass ich Teil von etwas ganz Besonderem war. Die Serie hat den Menschen viel Freude und Lachen beschert, was könnte es besseres geben? Wenn sich Leute heute noch daran erinnern, ist doch toll! Moment mal, ich bin etwas abgelenkt... (schaut aus dem Hotelfenster) Was fahren denn da draußen dauernd für Busse vorbei? Sind das Doppeldecker? Auf welchem Stockwerk sind wir hier?

Im ersten. Das sind Stadtrundfahrten. Wir sind hier Unter den Linden, im touristischen Herzen Berlins. Aber zurück zu „Friends“: Würden Sie bei einer Kinofortsetzung mitmachen?

Ich glaube nicht, dass „Friends“ als Film funktioniert. Es war immer dafür gedacht, im Fernsehen zu laufen und wir quasi ins Wohnzimmer der Zuschauer kommen, wie gute Freunde eben. Ich würde viel eher die Serie wiederbeleben als einen Film zu machen.

Nur für „Friends“ oder ist TV generell eine Option für Sie?

Bei einer guten Serie würde ich ganz sicher mitmachen. Im Fernsehen passieren doch gerade viel interessantere Sachen als im Kino. Die Filmindustrie ändert sich dramatisch. Es sind entweder sündteure Eventblockbuster und Comicadaptionen oder ganz kleine Lowbudgetfilme, dazwischen gibt es nichts mehr. Und ich liebe diese kleinen Filme, weil man mehr Freiheiten hat und sich viel mehr erlauben kann.

Vor einer Weile hatten Sie gesagt, Sie würden gerne eine Weile pausieren? Hat das geklappt? Und was haben Sie stattdessen gemacht?

Ich habe mich verliebt, das war ganz schön fabelhaft! Justin Theroux und ich verbrachten viel Zeit miteinander, ich bin sogar aus meinem Haus in Los Angeles und eine Weile zu ihm nach New York gezogen. Mittlerweile sind wir aber wieder zurück. Dann habe ich bei einem Kurzfilm Regie geführt, was wirklich eine wundervolle Erfahrung war. Und ich habe einfach meine Freizeit genossen, habe viel gelesen und bin gereist, wenn auch nicht so viel wie ich gerne hätte. Und irgendwann war es dann wieder Zeit, zur Arbeit zu gehen.

Ist Regie eine zweite Karriereoption?

Oh ja! Und ich werde wieder Regie führen. Ich muss nur den passenden Stoff finden. Was ganz Simples über zwischenmenschliche Beziehungen, nichts Abgehobenes. Nächstes Jahr wäre super.

Wollen Sie selbst schreiben?

Nein, dazu habe ich wirklich kein Talent! Aber Justin ist ein brillanter Autor, und er hat ein unglaublich gutes Drehbuch geschrieben, dass wir nächstes oder übernächstes Jahr verfilmen werden. Und Justin wird Regie führen.

Warum arbeiten Sie in letzter Zeit so gerne mit Nachwuchsfilmemachern zusammen?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil sie so begeistert und engagiert bei der Sache sind. Und sie trauen sich, mich zu besetzen, die Tante aus „Friends“, weil sie den Kontrast spannend finden. So ein bisschen wie damals Robert Redford, der die TV-Komikerin Mary Tyler Moore in „Eine ganz normale Familie“ besetzte. Vielen etablierten Regisseuren fehlt einfach die Vorstellungskraft, etwas anderes in dir zu sehen, als was sie bereits kennen. Sie wollen selbst die Stars sein und neue Talente entdecken anstatt herauszufinden, was in den Schauspielern steckt, die schon so lange im Geschäft sind wie ich.

Vielen Dank fürs Gespräch. Haben Sie denn jetzt noch Zeit, sich Berlin anzuschauen?

Ich habe noch genau eine Stunde. Aber leider keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Haben Sie einen Tipp für mich?

Sie müssen eigentlich nur aus der Hoteltür fallen. Unter den Linden, Brandenburger Tor, Reichstag ist alles in Fußnähe. Oder lieber Shopping?

Ich würde lieber was sehen als shoppen. Vielleicht spring ich einfach hier aus dem Fenster und auf einen dieser Doppeldeckerbusse!

Das Interview führte Thomas Abeltshauser