Interview

Wann wird die Liebe langweilig, Juliette Binoche?

Juliette Binoche ist eine der erfolgreichsten französischen Schauspielerinnen. Ein Gespräch über Kreativität, das Gespräch mit Engeln und die Dinge, die im Leben wirklich wichtig sind.

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Das Kleidungsstück wirkt symptomatisch: Juliette Binoche trägt einen weiten Rollkragenpullover, dessen Kragen sie während des Gesprächs immer wieder nach oben zieht. Hier scheint jemand zu zeigen, dass er Schutz sucht und sich verkriechen möchte. Kein Wunder angesichts des aufreibenden Rollenprogramms, das die 49-Jährige absolviert.

Im vergangenen Jahr war sie bei der Berlinale mit einem Film über studentische Prostituierte zu Gast – Masturbationsszenen inklusive –, dieses Jahr präsentierte sie einen Film über die traumatisierte Bildhauerin Camille Claudel, in dem sie gemeinsam mit geistig Kranken spielte.

Doch selbst wenn die Oscarpreisträgerin Grenzsituationen sucht, sie scheint gleichzeitig über ihnen zu stehen. Denn das herausragende Merkmal der Binoche, das auch während des Gesprächs unverkennbar ist, ist ihr lustvolles Lachen. Rüdiger Sturm hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie mögen es bei Ihren Rollen häufig sehr extrem. Haben Sie nicht Angst, wenn Sie sich auf solche Grenzerfahrungen einlassen?

Juliette Binoche: Ja und nein. Als Schauspielerin möchtest du immer Bereiche betreten, die du noch nie zuvor erlebt hast. Du willst wissen, wie sich das anfühlt. Und wenn du dich in deine eigenen Ängste vorwagst, ist das eine enorm befreiende Erfahrung.

Brauchen Sie nach solchen Erlebnissen dann eine Pause?

Der Gedanke kommt mir gar nicht. Denn ich brauche auch die Arbeit. Nach dem Camille-Claudel-Film stand ich gleich als Miss Julie auf der Bühne. Verzweifelte Frauen zu spielen, ist auch Seelennahrung.

Was machen Sie, wenn es Ihrer Seele mal schlecht geht? Werfen Sie eine Pille ein?

Nein, meine Pille ist Kreativität. Meine persönlichen Probleme und Schwächen verwandle ich in etwas Höheres, nämlich Kunst.

Es kann ja sein, dass Sie mit einer Tiefstimmung aufwachen. Da können Sie nicht gleich einen Film drehen.

Wenn ich mich schlecht fühle, dann male ich eben. Ich will auch meine Tiefs auf keinen Fall verleugnen, nur sie helfen mir, mich zu wandeln und weiterzuentwickeln.

Gibt es eigentlich auch nicht-verzweifelte Frauen in Ihrem Portfolio?

Wir sind alle verzweifelt, nur nicht jeder erkennt das. Wir wissen nicht, warum wir hier sind. Wir werden eines Tages sterben. Wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, zu überleben. Da lässt sich kaum eine verzweifeltere Situation vorstellen. Das Einzige, was wir zu unserer Erleichterung tun können, ist zu lachen.

Gab es Zeiten, wo Sie nicht lachen konnten?

Meine Erinnerungen sind eher traurig. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich meine Eltern scheiden ließen, und ich zwischen beiden hin und her pendeln musste. Aber am schlimmsten war das katholische Internat, in das man mich steckte. Ich gehörte nicht in diese Welt aus Regeln und Noten. Ich fühlte mich nur glücklich, wenn ich im Schulhof irgendwelche Rollen nachspielen konnte. Das Reich der Fantasie war mein einziger Fluchtpunkt. Nur deshalb habe ich überlebt. Und wahrscheinlich aus diesem Grund bin ich auch Schauspielerin geworden.

Sie haben selbst Kinder – einen 19-jährigen Sohn und eine 13-jährige Tochter. Sehen die eigentlich Ihre Filme?

In der Regel nicht. Aber sie müssen das selbst entscheiden. Es ist auch nicht ganz einfach, wenn ein Kind mitbekommt, was sein Elternteil alles auf der Leinwand durchmacht, wenn etwa seine Mutter weint. Das eine sehr emotionale Erfahrung. Für meinen Sohn ist es bislang zu viel. Einmal habe ich ihn zu einer Vorführung eingeladen, aber an dem Abend hatte er Zahnschmerzen. Und das war wahrscheinlich sehr gut. Das Leben hat mir dieses Problem abgenommen! Es reicht ja schon, wenn ich mich selbst auf der Leinwand sehen muss. Da schaue ich mich noch lieber am Morgen im Spiegel an. Aber das ist eben eine der Herausforderungen meines Berufs. Ich muss mich meinen Ängsten stellen.

Sie sprechen immer wieder vom Überleben. Spielt dieses Thema eine so zentrale Rolle für Sie?

Jeder muss seine eigenen Stärken finden können. Welche Erfahrung du genau überleben willst, musst du dir selbst aussuchen.

Was haben Sie sich ausgesucht?

Meinen Beruf eben. Die Schauspielerei bringt große Risiken mit sich. Und das in jeder Hinsicht. Bei meinem ersten Film, „Rendezvous“ drehte ich im Regenmantel bei 20 Grad unter Null. Ich war ganz erstaunt, dass ich am Ende der Dreharbeiten noch auf meinen Füßen stand. Gleich darauf lag ich zwei Wochen lang mit hohem Fieber im Bett. Wie ich „Die Liebenden von Pont-Neuf“ überlebt habe, weiß ich bis heute nicht. Zweieinhalb Jahre lang arbeiteten wir daran, obwohl wir kein Geld hatten. Ich lebte unter Obdachlosen auf der Straße, ohne vergewaltigt oder ermordet zu werden. Danach dachte ich mir, ich werde nie wieder einen Film drehen.

Ganz so schlimm kam es ja dann doch nicht mehr.

Das nicht, aber es gab verschiedenste Filme, wo ich am Rand des Nervenzusammenbruchs stand. Bei der „Englische Patient“ zum Beispiel war ich in den ersten vier Wochen total nervös, weil ich dachte, ich könnte nicht auf Englisch spielen. Und in der Szene, wo mich Ralph Fiennes um eine tödliche Spritze bittet, wurde ich fast paranoid. Als wir seine Einstellung drehten, klappte alles perfekt, und sobald ich an der Reihe war, schien alles gegen mich gerichtet. Es gab keine beruhigende Bach-Musik im Hintergrund wie bei Ralph, der Kameraassistent ließ dreimal seinen Lichtmesser fallen, dann brach ich auch noch eine Ampulle in meinen Händen, und ich rastete aus. Letztendlich kämpfte ich mich dann durch alle Umstände durch. Du überlebst eben, weil dir keine andere Wahl bleibt.

Woher haben Sie eigentlich diese dramatische Weltsicht?

Vielleicht hat das mit meiner Familiengeschichte zu tun. Ich bin eine Tochter von Überlebenden. Meine Großmutter stammte aus Polen, und während des Zweiten Weltkriegs war sie erst Gefangene der Deutschen, dann der Russen; schließlich gelang ihr gemeinsam mit meinem Großvater, der Franzose war, die Flucht nach Paris. Aber andere Teile meiner Verwandtschaft wurden im Konzentrationslager ermordet.

Angesichts so einer Familiengeschichte – hatten Sie da nicht das Bedürfnis, sich stärker in der Welt zu engagieren anstatt sich auf die Schauspielerei zu konzentrieren?

Das tue ich ja, ich unterstütze seit vielen Jahren verschiedene gemeinnützige Organisationen. Andererseits fühle ich mich angesichts der Probleme auf der Welt völlig machtlos. Nehmen Sie die Situation im Nahen Osten – als Europäer tragen wir alle Schuld daran, weil wir das Öl aus diesen Ländern brauchen. Und ich fühle mich dafür mitverantwortlich. Aber das einzige, was ich tun kann, ist Filme zu drehen. Vielleicht helfen diese, zumindest die richtigen Gespräche anzustoßen.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Nicht religiös im strengen Sinne. Ich mag es nicht, in einer Konfession gefangen zu sein. Es gibt in allen religiösen Richtungen wunderbare Gedanken, ob im Taoismus oder im Sufismus. Ich würde mich eher als spirituell bezeichnen. Ich habe ein Buch, das ich vor rund 20 Jahren gelesen habe, als ich schwere Zeiten durchmachte und mich für solche Erkenntnisse öffnete. Seither nehme ich es überall mit. Es nennt sich „Talking With Angels“ und enthält die Berichte, wie vier junge Ungarn im Jahr 1943 mit Engeln sprachen. Eine Frau zeichnete das damals auf. Das ist so etwas wie meine persönliche Bibel. Wenn ich sie nicht hätte, würde ich geistig ersticken.

Können Sie selbst mit Engeln sprechen?

Ja. Aber mehr will ich dazu nicht sagen.

Dann sprechen wir jetzt über die Liebe. Gibt Sie Ihnen Stabilität in den Verwerfungen dieses Lebens?

Sie wollen wohl, dass ich mich hier bei Ihnen auf die Couch lege. (lacht) Aber für mich gehören Liebe und Kunst zusammen. Sie sind eins. Ich empfinde Liebe bei meiner schauspielerischen Arbeit, und gleichzeitig versuche ich in einer Beziehung kreativ zu sein.

Sie hatten ja einige Beziehungen mit prominenten Kollegen wie Daniel Day-Lewis. Wie steht es jetzt um Ihr Liebesleben?

Ich bin sehr glücklich – mehr möchte ich nicht im Detail sagen. Ich bin in jedem Fall auf einer anderen Stufe angelangt. Ich habe auf verschiedene Weise nach Liebe gesucht. Denn ich wollte mein Ideal von Liebe auch in der Realität wiederfinden. Ich war richtig verzweifelt, und ich habe da manche Albträume erlebt, und dann war ich wieder im siebten Himmel. Doch jetzt bin ich reifer und stabiler geworden. Für einen Liebenden ist das ein großer Vorteil. Ich habe begriffen: Liebe steht über allem, sie ist viel mehr als nur körperliche Anziehung.

Aber wenn diese wilde Leidenschaft nicht mehr dabei ist, ist dann Liebe nicht langweilig?

Das heißt ja nicht, dass ich keine echten Emotionen mehr zulasse. Ich gebe mich ihnen preis, und das ist sehr intensiv. Ich fühle mich, als würde ich ertrinken. Meine spontane Reaktion bei so heftigen Gefühlen ist es, eine zu rauchen. Aber das versuche ich zu unterdrücken, lieber koste ich meine Regungen aus.

Sie klingen so, als hätten Sie nach Liebe gesucht. Gab es denn nicht Fälle, wo Männer ganz verrückt nach Liebe zu Ihnen waren? Oder ist Ihnen das nicht aufgefallen?

Aber natürlich. Ich bin doch nicht blöd. Oder zumindest nicht so blöd (lacht).

Wie oft haben Sie im ganzen Auf und Ab ihres Beziehungslebens Glück gefunden?

Glück habe ich immer gefunden. Denn das ist nicht von äußeren Umständen abhängig – und auch nicht von einem Partner. Ich habe es immer in mir selbst entdeckt.