Charles’ Bruder

Prinz Andrew seilt sich von Wolkenkratzer ab

Mit einer spektakulären Aktion will Prinz Andrew sein Image aufmöbeln. Für einen wohltätigen Zweck seilt er sich aus 250 Metern ab.

Foto: CTK

Wer hängt denn da in seinen Gurten, in luftiger Höhe von 309 Metern, sorgfältig abwärts begleitet von Royal Marines? Das könnten sich die Zuschauer in London fragen, wenn sich Prinz Andrew, seines Zeichens Herzog von York, gemeinsam mit 39 anderen Tollkühnen an diesem Montag 250 schwindelerregende Meter tief von Europas höchstem Wolkenkratzer Shard („Scherbe“) abseilt. Die Reise geht vom 87. Stockwerk der schimmernden Glasfläche bis aufs Dach des Bahnhofs der London Bridge, das auf Augenhöhe liegt mit dem 20. Stockwerk des letzten Schreis der Londoner Architektur – dem erst im Juli fertiggestellten und schon jetzt ikonischem Shard.

Von Schwindel freilich ist der 52-Jährige offensichtlich nicht befallen, wenn diese Aktion zur Unterstützung zweier Wohltätigkeitsorganisationen anläuft. Prinz Andrew, der zweite Sohn der Queen, Konteradmiral ehrenhalber der britischen Marine, hatte einst bei dieser als Hubschrauberpilot gedient und sich vor 30 Jahren im Falklandkrieg bewährt.

Ein solcher Kerl hat Wagemut in den Knochen, was man dem Prinzen auch in anderer Hinsicht nachsagt, gewagt bis bedenklich, besonders bei gewissen Geschäften, die er als langjähriger Sondervertreter britischer Handelsinteressen oft einzugehen pflegte. Von diesem Posten wurde er vor einem Jahr entbunden, nachdem dubiose Deals mit der kasachischen Regierung und einem wegen sexueller Vergehen verurteilten Florida-Milliardär ans Tageslicht gekommen waren. Seitdem ist „Air Miles Andy“, wie man ihn aufgrund seiner Vorliebe für Flüge vornehmlich zu fernen Gestaden gerne nennt, auf der Suche nach neuen Tätigkeiten. Vierter in der Thronfolge zu sein macht eben noch keinen Lebensinhalt.

Lebensinhalt Wohltätigkeit

Dagegen sich für einen wohltätigen Zweck einsetzen, Fundraising betreiben und das unter Einsatz beträchtlichen Mutes: Das sieht schon ganz nach einer sinnstiftenden Beschäftigung aus, gehört es doch zur wichtigsten Dienstbeschreibung der Royals überhaupt, von der freilich das Ausland kaum Notiz nimmt: dem Einsatz für wohltätige Zwecke, einer Art königlicher Sozialpolitik. Auch Prinz Harry, Andrews Neffe, seiner jüngsten Eskapade in Las Vegas zum Trotz, ist dieser Tradition verpflichtet. Die königlichen Pendelausschläge: Heute spielt einer wie Harry skandalös, im nächsten Jahr wird er eine Gruppe verwundeter Soldaten aus England und dem Commmonwealth auf einem Treck zum Südpol begleiten, um Spenden aufzubringen für einen Trust zur Pflege von im Kriegseinsatz Verletzten.

So auch Andrew: Was gibt es Besseres, sich von negativen Schlagzeilen zu befreien, als sich im Rahmen der „Welfare Monarchy“, wie man sie nennt, zu bewähren? Für die große Zahl an gemeinnützigen Patronaten, denen sich das Königshaus widmet? Eine Tradition mit langer Erblinie. Die Erste Familie gibt damit etwas an die Gesellschaft zurück, um gleichzeitig die Monarchie als Institution zu festigen.

Eine Mutprobe wie die, sich aus 300 Meter Höhe entlang der Glasfassade des Shard abseilen zu lassen, erwartet zwar niemand vom Herzog von York, übrigens auch nicht von Ffion, der Ehefrau des britischen Außenministers William Hague, oder diversen Unternehmern, etwa John Caudwell, dem Mobilfunk-Zar, immerhin bereits 59 Jahre alt. Es geht ihnen allen um den Reiz einer Grenzerfahrung – und um eine Million Pfund Spendengelder, die man für den Outward Bound Trust einzuspielen hofft. Damit sollen Jugendliche schon im frühen Alter die freie Natur erleben, um sich in Selbstständigkeit, Genügsamkeit und Überlebenskunst prüfen zu können. Prinz Andrew leitet den Aufsichtsrat dieser Stiftung, Ffion Hague ist seine Stellvertreterin. Wer solche Namen in seinem Briefkopf führt, darf als karitatives Unternehmen auf verstärktes Spendenaufkommens hoffen. Von dem heutigen Shard-Abenteuer wird als zweiter Begünstigter auch der Royal Marines Charity Trust profitieren, der sich um das Wohlergehen ehemaliger Navy-Angehöriger kümmert.

Erstaunliches weiß die Charity Commission zu berichten, die Aufsicht führt über die Wohlfahrtsaktivitäten im Land: Unter den Royals und ihren gemeinnützigen Patronaten stand zuletzt Prinz Philip an der Spitze, mit 863 Nennungen, gefolgt von der Queen mit 635, Prinz Charles mit 619, seiner Schwester Anne mit 217 und Andrew mit 161. Ein großer Teil der Auftritte der Queen und ihres Mannes hat mit der Wahrnehmung solcher Termine der „Welfare Monarchy“ zu tun. Freilich, das Volumen dieser Einsätze wird nach dem diamantenen Thronjubiläum der Königin und der zunehmenden gesundheitlichen Anfälligkeit ihres Mannes überarbeitet werden müssen. Dabei rücken die beiden nächsten Generationen verstärkt in die Pflicht.

Für sein Abenteuer heute wurden Andrew und die übrigen Teilnehmer durch ein Sicherheitstraining seitens der Royal Marines vorbereitet. Die Queen, so äußerte der Prinz gegenüber einem Freund, mache sich überhaupt keine Sorgen über den Ausgang, sie sei verrückte Dinge gewohnt.