Nachruf

Bei Kurt Felix konnten auch die Opfer lachen

Mit seiner versteckten Kamera und der Sendung "Verstehen Sie Spaß?" führte er viele hinters Licht. Jetzt erlag Kurt Felix einem Krebsleiden.

Ein Bäckergeselle kommt mit dem Fahrrad zur Arbeit, kettet es an einen Laternenmast und verschwindet in der Bäckerei. Ein Herr im dunkelgrauen Trenchcoat öffnet das Vorhängeschloss mit einem Nachschlüssel und reicht es zwei Männern auf einer Hebebühne. Sie nehmen das Rad mit in etwa vier Meter Höhe und stülpen es über die Laterne, lassen es anschließend wieder herunter. Der Fahrradrahmen umschließt den Mast. Unmöglich, es mit einfachen Mitteln zu befreien.

Kurze Zeit später kehrt der Geselle zurück und steht zunächst fassungslos vor seinem gefangenen Rad. Er müht sich eine Viertelstunde mit Werkzeug ab, holt schließlich eine Leiter und ein Seil, will mit einem Flaschenzug sein Rad den Mast entlang nach oben über die Laterne zurückbugsieren. Während er zwischen Leiter und Laterne herumturnt, kommt der Mann im dunklen Trenchcoat zurück, schaut nach oben und fragt den jungen Mann: „Verstehen Sie Spaß?“

Es ist der erste Streich mit der versteckten Kamera, den Kurt Felix an einem Sonnabend 1983 zur besten Sendezeit in seiner ersten großen Abendshow in der ARD präsentiert. An seiner Seite Ehefrau Paola, im Publikum Richard von Weizsäcker, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, wo die Filme für die erste große Show produziert wurden. Der Bäckergeselle etwa wurde in Steglitz vor die versteckte Kamera gelockt.

ARD-Gesicht zur besten Sendezeit

Mit solchen harmlosen Späßen, die einfache Mitmenschen ebenso wie Prominente treffen können, wird Kurt Felix das ARD-Gesicht für die beste Sendezeit an den Sonnabenden der 80er-Jahre, der Gegenpart zu Frank Elstner und Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“ im ZDF. Unter seiner Moderation stieg „Verstehen Sie Spaß?“ zu den erfolgreichsten Unterhaltungssendungen des deutschen Fernsehens auf. Bis zu 23 Millionen Zuschauer schalteten ein (das machte oft einen Marktanteil von 48 Prozent aus), wenn der vornehme Herr mit dem Schweizer Akzent seine mit der versteckten Kamera gefilmten Clips präsentierte. Die klassische Familiensendung, die es heute so nicht mehr gibt.

Dem damals am Anfang seiner Karriere stehenden Komiker Hape Kerkeling bereitete Kurt Felix beispielsweise einen „Albtraum“, als er dessen Publikum immer an der falschen Stelle lachen ließ. Bergsteiger Reinhold Messner geriet gar in Rage, als er hoch oben in der Matterhorn-Wand plötzlich einen Kiosk mit Souvenirs und Klatschpresse vorfand: „Ich werde mich beim Bürgermeister beschweren!“, ereiferte sich Messner, bis auch er gefragt wurde: „Verstehen Sie Spaß?“ Selbst heute ist diese Episode im Gedächtnis der Fernsehnation noch präsent.

Die Stärke von Felix' Humor ist dabei sicherlich immer sein feines Gespür dafür gewesen, einerseits seine Opfer zu veralbern, sie aber andererseits nicht bloßzustellen oder vorzuführen. Witze unter der Gürtellinie waren ausgeschlossen. „Das Opfer muss am Ende mitlachen können“, erklärte Felix sein Konzept. Kritiker warfen ihm einen Hang zur Langeweile vor. Seine Fans liebten ihn für seine freundliche, zurückhaltende Art.

1990 erhielt er den Bambi für die erfolgreichste Fernsehunterhaltung im Deutschland der 80er-Jahre. Da hatte er die Goldene Rose von Montreux für sein Lebenswerk 1985 schon lange erhalten. Denn bevor ihm in Deutschland der Durchbruch gelang, war er in seiner Heimat bereits für die Entwicklung der ersten interaktiven Fernsehsendung „Stöck-Wys-Stich“ und der bis heute in der Schweiz erfolgreichsten Show „Teleboy“ bekannt geworden. „Teleboy“ war der Vorläufer für „Verstehen Sie Spaß?“, das ab 1980 als halbstündiges Format in Deutschland lief und 1983 zur großen Show wurde. „Fernsehen ist mein Leben“, sagte Felix einmal, schon als Junge habe er gewusst, dass er einmal dort arbeiten wolle. Dabei wird er zunächst Lehrer, gibt den Beruf aber bereits Mitte der 60er-Jahre auf – der Liebe zum Fernsehen wegen.

1990 verabschiedete er sich schließlich zusammen mit Ehefrau Paola von der Moderation von „Verstehen Sie Spaß?“ und wechselte wieder hinter die Kamera. Drehbücher schreiben, Gags austüfteln, Filme umsetzen, das habe ihm mehr Freude bereitet, als vor der Kamera Beifall zu bekommen, sagte Felix. „Gerade deshalb konnte ich an meinem 50. Geburtstag ohne Entzugserscheinungen als Protagonist vor der Kamera abtreten.“

Ohne Paola undenkbar

An seiner Seite blieb auch in dieser Zeit seine Frau Paola. Allein war Kurt Felix seit seinem Erfolg mit „Verstehen Sie Spaß?“ zumindest in Deutschland ohnehin nicht vorstellbar. Schließlich hieß es meist nur „Paola und Kurt Felix“, nicht nur, wenn die beiden zusammen sonnabends vor ihr Publikum traten. Für ihn war es die zweite Ehe, die er zeit seines Lebens als die Erfüllung seines privaten Glücks pries. „Wir sind seelenverwandt, ohne Zoff in idealster Zweisamkeit“, schwärmte Felix über Paola.

Wichtig war ihm auch immer Daniel, sein Sohn aus erster Ehe. Zwei große Leidenschaften teilte Felix mit ihm: die Liebe zu Eisenbahnen – und natürlich die für das Fernsehen. Und so fing sein Sohn zu der Zeit, als sich Felix von „Verstehen Sie Spaß?“ verabschiedete, beim Schweizer Fernsehen an, wo er heute als Sendeleiter arbeitet. 2003 erkrankte Felix an Krebs. Nach einer Operation und einer Chemotherapie schien er zunächst geheilt zu sein. Doch 2010 kehrte der Krebs zurück. Seine Familie schrieb dazu: „Die ganzen Jahre hindurch hatte er mit allen Kräften und einer stets eindrücklich positiven Einstellung dagegen gekämpft.“

Doch die Krankheit war schließlich stärker. „Es war für ihn eine Erlösung, für immer einschlafen zu dürfen, bis zur letzten Sekunde liebevoll begleitet von seiner Frau Paola.“ Bereits am Mittwoch starb der Schweizer Fernsehmoderator in St. Gallen im Alter von 71 an seinem langjährigen Krebsleiden, er wurde bereits beigesetzt. „Mit Kurt Felix haben wir einen der ganz Großen verloren“, so ARD-Programmdirektor Volker Herres in München. „Wir trauern um einen begnadeten Entertainer. Er hat Fernsehsendungen entwickelt, die Millionen Menschen Spaß und Freude bereitet haben.“

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