Ulrich Wickert

Die Vorteile eines "Start-over-Dads" mit fast 70

TV-Legende Ulrich Wickert bekommt Nachwuchs – mit fast 70. Eine Seltenheit ist das nicht, die Zahl der späten Vaterschaften steigt. Und damit auch die Vorurteile.

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Zuletzt war es Fritz Wepper, der für Schlagzeilen sorgte. An Dieter Bohlen und Jean Pütz kann man sich auch noch gut erinnern. 70, 57 und 73 waren sie jeweils, als ihre Vaterschaft bekannt wurde. Späte Väter also.

Nicht zu vergessen: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der derzeit mit 56 Jahren zum dritten Mal Vaterfreuden erlebt – zumindest wenn er zwischen all den Euro-Krisensitzungen mal zu Hause weilt. Nun erwarten also auch Ulrich Wickert (69) und seine 29 Jahre jüngere Frau ein Baby.

Erstaunlich ist dabei vor allem, dass Prominente als späte Väter immer noch für Schlagzeilen sorgen. Denn längst sind sie keine so große Ausnahme mehr. Statistisch gesehen hat bereits jedes 20. Kind, das heute in Deutschland zur Welt kommt, und jedes 10. in den USA einen Vater über 50.

Alte Väter sind meist Zweit- oder Drittväter

Das liegt am demografischen Wandel und den hohen Trennungsraten. Die Menschen werden älter, fühlen sich länger jung, wechseln häufiger die Lebensgefährten und haben dann den Wunsch, auch mit dem neuen Partner noch einmal eine Familie zu gründen. „Daher sind viele der älteren Väter auch nicht Erst-, sondern Zweit- und Drittväter“, sagt Francois Höpflinger, Altersforscher an der Universität Zürich.

Diese so genannten „Start-over-Dads“ wie etwa Franz Beckenbauer wollen es beim zweiten Mal einfach besser machen. „Ich habe meine Vaterpflichten total vernachlässigt. Jetzt habe ich noch einmal zwei Kinder geschenkt bekommen. Wenn ich die wieder vernachlässige, dann habe ich alles verkehrt gemacht“, sagte der Fußball-Kaiser einst.

Und tatsächlich sind die Voraussetzungen, einiges besser zu machen, bei vielen späten Vätern gut. „Sie haben mehr Erfahrung, sind emotional stabiler und haben vor allem oft mehr Zeit, sich zu engagieren“, sagt Höpflinger. Kinder profitierten daher vom späten Vater – nicht zuletzt auch, weil dieser finanziell gesicherter sei. Für die Kinder selbst spiele es psychologisch gesehen keine so große Rolle, wie viele meinten, wenn der Vater vom Alter her auch der Großvater sein könnte. „Auseinandersetzungen und Reibungen haben Kinder und Jugendliche auch mit jüngeren Vätern.“

Junge Frau und Kind als Frischzellenkur

Und doch sind die Vorurteile alten Vätern gegenüber groß. Egoistisch und verantwortungslos seien sie. Hätten Angst vorm Altern, missbrauchten jüngere Frauen als Frischzellenkur und hinterließen im schlimmsten Fall schon nach wenigen Jahren Witwen und Waisen.

Solche Kommentare in Internetforen und Zeitschriften hat Ulrich Foerster zuhauf gefunden, als er anfing sich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen – auch aus persönlichem Antrieb. Foerster ist selbst zwei Wochen vor seinem 60. Geburtstag Vater geworden. Über die Erfahrung, ein „Geronto-Vater“ zu sein, hat er ein Buch geschrieben (" Alte Väter. Vom Glück der späten Vaterschaft ").

Als „oberflächlichen Unsinn“ bezeichnet er die Vorurteile gegenüber alten Vätern: „Gerade diejenigen, die in einer späten Lebensphase plötzlich wieder alles vor sich haben, werden sich sehr intensiv mit existenziellen Fragen nach ihrer Verantwortung und Endlichkeit auseinandersetzen“ Und das gleiche gelte für ihre Partnerinnen, die womöglich früher als andere Alleinverantwortung für das Kind tragen müssten.

Geständnisse eines Lustmolchs

Dass alte Väter noch immer schlagzeilentauglich sind, dafür macht Foerster auch Prominente wie den früheren Moderator Jean Pütz verantwortlich. Der prahlte zu seiner Vaterschaft mit 74: „Ich bin eben auch ein kleiner Lustmolch“ und ließ sich in Talkrunden willig über den Koitus alter Männer aus. „Was viele Männer tatsächlich bewegt, im Alter ein Kind zu wollen und die Motive der Frauen, das geht dabei völlig unter“, sagt Foerster.

Für ihn selbst hatte sich die Frage nach Kindern lange gar nicht gestellt. Er war beruflich erfolgreich, Ressortleiter beim „Spiegel“, hat „Spiegel Online“ mit aufgebaut und letztlich kam die Frage nach einem Kind auch erst auf, als sich seine zweite Frau, die 18 Jahre jünger ist als er, der 40 näherte. „Mit dem drängenderen Wunsch nach einem Kind bei ihr wuchs er auch bei mir.“

Einmal dazu entschlossen, sah er sich jedoch mit Studien konfrontiert, die die Ängste älterer Väter zusätzlich befördern. Im Sperma älterer Männer, hieß es darin, fänden sich häufiger Genmutationen, die zu einer Form des Zwergenwuchses, zu Missbildungen, zu Autismus und sogar Schizophrenie bei ihren Kindern führen könnten.

Defekte Spermien und Mutationen

„Tatsächlich hat das väterliche Alter viel weniger Einfluss auf Krankheiten oder Missbildungen als das Alter der Mütter“, sagt dazu Sabine Kliesch, Chefärztin der Andrologie (Männerheilkunde) an der Uniklinik in Münster. All diese Häufungen von Defekten befänden sich im Bereich von maximal einem Prozent.

Was auch daran liege, dass die natürliche Selektion bereits vorher stattfände: mit defekten Spermien befruchtete Eizellen gingen in den meisten Fällen spontan ab. In ihrer Sprechstunde für Paare mit Kinderwunsch, würden sie daher älteren Vätern nur in den seltensten Fällen zu einer genetischen Untersuchung raten.

Ulrich Foerster kam schließlich zu dem Schluss: „Risiken lassen sich nie vollständig ausschließen – aber das gilt eben auch für jüngere Paare.“ Seine Tochter Cäcilie ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt und Foerster hat sein Leben vollständig verändert. Aus der täglichen Arbeitsmühle ist er ausgestiegen, er arbeitet heute nur noch projektbezogen als freier Autor und Medienberater.

Er sei zwar ein alter Vater, aber eben auch einer der viel geforderten „neuen Väter“ – mit viel Zeit und Geduld für sein Kind. „Die Entscheidung für unsere Tochter, war die beste unseres Lebens“, sagt er. Und ansonsten hält Foerster es mit dem Spruch: „Wie bringst du Gott zum Lachen? Erzähl ihm deine Pläne.“