Comeback als Jogger

Joschka Fischers neuer Kampf gegen den Jo-Jo-Effekt

Erst war er dick, dann schlank – doch bald waren die Pfunde zurück. Jetzt joggt Joschka Fischer wieder. Wissenschaftler warnen vor gesundheitlichen Folgen des Jo-Jo-Effekts.

Foto: pa/dpa

Joschka Fischer scheint es wieder zu reichen. Der ehemalige Außenminister und Grünen-Politiker hat in Passau gesagt, dass er wieder mit dem Laufen angefangen hat. Er sagte, dass er in der Woche „so auf 50 bis 60 Kilometer“ komme „bei bis zu 10, 11 Kilometern am Tag“.

Viele laufen. Auch viele Politiker laufen. Aber wenn Joschka Fischer das Wort Laufen in den Mund nimmt, dann ist ihm öffentliches Interesse gewiss. Joschka Fischer ist in Lebensführungsfragen ein Radikaler. Radikal übergewichtig, radikal sportlich, radikal verheiratet. Oder radikal jeweils das Gegenteil.

Dass die Öffentlichkeit an seiner Entscheidung, wieder mit dem Laufen anfangen zu wollen, radikal interessiert ist, hängt auch mit seiner Vermarktung seiner selbst zusammen.

Denn Joschka Fischer hatte es schon einmal gereicht. Das war 1996, und damals hatte es was mit Stress zu tun und mit fürchterlichem Übergewicht und mit Beziehungsproblemen. Das Laufen führte dazu, dass er alles gleichzeitig in den Griff bekam.

Er nahm in einem Jahr 40 Kilogramm ab. Er wurde 1999 von seiner dritten Ehefrau geschieden, heiratete im gleichen Jahr das vierte Mal und stellte fest, dass regelmäßiger Sport auch gegen den Dauerstress als Politprominenter resistenter macht.

1998 wurde Fischer Außenminister unter Gerhard Schröder. Da war er schon so schlank und fit, dass er zum Vorbild vieler übergewichtiger Manager geworden war. 1999 erschien dann sein Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“.

Es wurde ein Bestseller. Fischer hat in seinem Buch sehr anschaulich beschrieben, wie schwer es ist, den ersten Schritt zu tun. Seinen ersten Lauf machte er heimlich.

Der verschämte erste Lauf im Kapuzenpullover

Das war 1996, und er versteckte sich in einem Kapuzensweatshirt, damit nur ja niemand, vor allem kein Journalist, den populären Politiker bei seinen ersten Lauf- und Schnaufschritten beobachten und verraten könnte. Es gab bei Fischer im Jahr 1996 einen einzigen Moment der Entscheidung. Er beschreibt ihn so:

„Ich traf diese … Entscheidung in jener einen Sekunde, an die ich mich noch sehr genau erinnern kann, denn in derselben Sekunde wusste ich auch, dass ich zu meiner alten körperlichen Verfassung, zu meinem idealen „Kampfgewicht“ des Jahres 1985 zurückwollte, als ich noch nicht fett, schwer und kurzatmig war.“ Er hielt sechs Jahre lang durch.

Doch 2002 merkte er, dass selbst dauerndes Dauerlaufen nicht so viel Stress abbauen kann, wie er ihn als Außenminister hatte. Er stellte den Laufsport ein. Ob es wiederum einen entscheidenden Moment, ein Schlüsselerlebnis gab wie bei der Entscheidung, mit dem Laufen anzufangen, ist nicht bekannt.

Aber wieder stellte ihm das Leben parallel entscheidende Weichen: Wieder war eine Beziehung gescheitert. Fischer ließ sich 2003 zum vierten Mal scheiden und heiratete 2005 zum fünften Mal. Er zog mit seiner neuen Ehefrau in den großbürgerlichen Grunewald in Berlin und gab im gleichen Jahr sein Amt als Außenminister auf.

Und ungefähr ab dann nahm er wieder zu. Jedes Jahr ein paar Kilo. Bis er sich der Statur von vor 1996 wieder angenähert hatte, als er 112 Kilo gewogen hatte. Bei einer Körpergröße von 1,81 Metern.

Wie viel er auf die Waage brachte, bevor er seine Entscheidung verkündete, wieder mit dem Laufen anzufangen, ist nicht bekannt, aber soweit man es äußerlich beurteilen konnte, hat er sich wieder an jenem Punkt befunden, an dem er sich im Jahr 1996 „fett, schwer und kurzatmig“ gefunden hatte.

Wieder angefangen mit Alkohol, Fleisch und Fett

Was in der Zwischenzeit mit Joschka Fischer geschah, ist in keiner Autobiografie festgehalten worden. Bekannt ist es aber doch. Gemeinhin nennt man das Zunehmen, das nach dem Abnehmen kommt: Jo-Jo-Effekt. Der Jo-Jo-Effekt ist das, was eintritt, wenn die Motivation wieder weg ist.

Wenn der Alltag und die Gewöhnung wieder stärker geworden sind als alle guten Vorsätze. In seinem Buch schrieb Fischer nichts über den Jo-Jo-Effekt. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, denn es liegt im Wesen der Motivation, dass sie den Motivierten vollkommen blind macht für die Möglichkeit des Scheiterns.

Jo-Jo bedeutet, dass man aufhört, stark zu sein. Dass man aufhört aufzuhören. Fischer hatte aufgehört. Mit dem Alkohol, mit dem Fleisch, mit dem Fett. Und dann, offensichtlich, wieder angefangen. Mit dem Alkohol, mit dem Fleisch, mit dem Fett.

Aus wissenschaftlicher Sicht hat Fischer sich fehlernährt. Wer den Jo-Jo-Effekt vermeiden will, der muss mager essen und eiweißreich und salzig. Süßes und Fettes, also Zucker und Butter (und damit genau die Bestandteile der Nahrung, die Genuss transportieren), müssen gemieden werden.

Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Realismus und Geduld

Wer nicht wieder zunehmen will, muss den Glykämischen Index im Griff haben. Und zwar nachhaltig. Was jeder, der schon mal abgenommen und wieder zugenommen hat, intuitiv wusste, das haben die Ernährungswissenschaftler Thomas Meinert Larsen und Arne Astrup von der Universität Kopenhagen 2010 in einer Massenstudie nachgewiesen.

Auch wenn Fischer nichts über den Jo-Jo-Effekt schrieb, so war er ihm doch sehr gut bekannt. In einem Interview mit dem damaligen Außenminister aus dem Jahr 1997 ist nachzulesen:

„Der Jo-Jo-Effekt, das ist so ziemlich das Schlimmste, was man erleben kann, weil das immer wieder stattfindende Scheitern zu unheimlich negativen Rückkopplungen führt. Es eskaliert zur Fresssucht, eine Form der Selbstzerstörung. Ich habe mein Leben geändert, ein neues Programm geschrieben und das alte weggeworfen.“

Vielleicht war Fischer damals ein wenig zu motiviert. Er hatte vier Grundsätze (Belüge dich niemals selbst, meide deine Leistungsspitze, gib niemals auf und unterschreite niemals eine einmal erreichte Entfernung) und vier Tugenden (Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Realismus und Geduld).

Alle diese guten Vorsätze haben Fischer nicht vor dem Rückfall bewahrt. Sie konnten ihm nicht die Kraft zur Kontinuität geben, zum Durchhalten über das Motivationshoch und durch das Motivationstief hinweg.

Fischer ist jetzt 63 Jahre alt. 2005 wurde er zum ersten Mal Großvater. Er hat sich aus der Politik zurückgezogen. Er ist verheiratet.

Woher Fischer diesmal die Motivation nimmt, bliebt der Spekulation überlassen. Jedenfalls hat er sie, die Kraft zum ersten Schritt, über den er selbst schrieb: „Es geht. Man muss nur bereit sein, die ersten Schritte zu tun, und dann immer weiter laufen.“

Im Berliner Grunewald, wo Fischer noch immer wohnt, wird er dafür immerhin geeignete Laufrouten finden.