Graf George Percy

Pippa Middletons Alter ist auch ihr Neuer

Zwei Wochen nachdem sich Philippa Middleton und Alex Loudons getrennt haben, wird ihr Ex ihr neuer Freund: Graf George Percys Genealogie überragt selbst die der Windsors.

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Da gleitet sie über die Eisfläche im Somerset House, zwischen dem Strand und der Themse gelegen. Dort, in den zentralen Innenhof dieses klassizistischen Architekturjuwels, den Sitz des Instituts für Kunstgeschichte, zieht jährlich zum beginnenden Winter ein sportverdächtiges Volksvergnügen ein.

Man sieht und will gesehen werden, lässt sich die kalte Brise um die Nase wehen und trägt auf schlanken Kufen seinen Namen umher, sofern man einen hat, oder die dazu passende Figur, sofern auch diese im Angebot ist.

Philippa – alias Pippa – Middleton absolviert die Runden im strahlenden Bewusstsein, mit beidem aufwarten zu können – der Figur und einem Namen, der zur weltweiten Währung der globalen Klatschsucht geworden ist. Seitdem sie am 29. April in der Westminster-Abtei mit huldvoller Erotik die Schleppe ihrer älteren Schwester Catherine anhob und das kostbare Gewand feierlich durchs Kirchenschiff bis zum Traualtar begleitete, begleiten die Linsen des globalen Dorfes sie wie eine frisch entdeckte Spezies des Homo sapiens in weiblicher Ausfertigung.

Alex Loudon konnte den Presserummel nicht ertragen

In welchen Hafen mag die derzeit begehrteste Unverheiratete Britanniens einlaufen?, fragt der internationale Voyeurismus. Der Medienzirkus, der sich um die 28-jährige Pippa Middleton gebildet hat, war jedenfalls dem begüterten City-Financier Alex Loudon, 31, zunehmend schwer erträglich, und so trennte er sich Anfang November nach achtzehn Monaten von ihr. Doch lange hat man nicht suchen müssen nach einem Nachfolger.

Seit Langem taucht in Pippas Freundeskreis ein Name auf, der zu den klangvollsten der englischen Gesellschaft gehört, mit einer Genealogie, die selbst die Windsors überragt: George Graf (Earl) Percy, ältester Sohn des 12. Herzogs von Northumberland. Altes aristokratisches Blut. Schon vor der Beziehung mit Alex Loudon soll sie mir Percy liiert gewesen sein.

Die Percys sind französischen Ursprungs, stammten wie Wilhelm der Eroberer aus der Normandie und folgten ihm 1067 auf die Insel, wo sie bald ihre Spur in den mittelalterlichen Annalen Englands und danach hinterließen.

Immer an der vorderen Front von Schlachten und politischen Kabbalen, stehen die Percys für eine raue, teilweise blutige Geschichte. Percy – das besaß für Marcel Proust, der dem Odeur versunkener Größe nachhing, „eine Art donnernde Qualität“. Die Familie kann mit Helden, Verschwörern und Königsmachern wie Königsopfern aufwarten, auch mit einem Märtyrer, den der Vatikan im 19. Jahrhundert selig sprach.

Das ist eine andere Berühmtheit als der Goldstaub einer frischen Celebrity-Karriere. Und so muss, wer in die Geschichte der Percys eintaucht, nicht fragen, ob ein Mann aus diesem Stamm einer Pippa Middleton gewachsen ist, sondern umgekehrt: ob diese mithalten kann mit einem Namen von solch historischer Ausstrahlung.

Die beiden teilten sich einst eine Studentenwohnung

Dabei ist George Percy, 27, ein höchst umgänglicher Geselle, der Pippa schon kennt aus der gemeinsamen Zeit an der Universität Edinburgh, wo sie zeitweilig ein Studentenapartment teilten. Er studierte Geografie, spezialisierte sich auf erneuerbare Energien und gründete vor Kurzen mit einem Kompagnon ein Unternehmen, das geothermische Vorräte in der Grafschaft Durham anzapfen will zur Gewinnung von Energie mit niedrigem Kohlegehalt. In den einschlägigen Nachtclubs von Chelsea und Mayfair wird man diesen jungen Aristokraten eher selten antreffen. Keine Karriere mit Sex-Appeal, so scheint es.

Dem haben die katholischen Eltern Ralf und Jane, das Herzogspaar, rechtzeitig vorgebeugt, indem sie per Gerichtsorder die vollen Vermögensansprüche des Erben – sie haben noch zwei Töchter und einen zweiten Sohn – zurückstellen ließen, damit George nicht frühzeitig aus der Bahn getragen werde.

Stabilität spricht auch aus den Mauern des tausend Jahre alten Schlosses Alnwick in Englands nördlichster Grafschaft Northumberland, das die Familie seit 700 Jahren im Besitz hält. Alnwick ist nach Windsor Castle die größte Burganlage der Insel – wir kennen sie aus den „Harry Potter“-Filmen, als Sitz der Zauberschule Hogwarts. In dieser Grenzregion zu Schottland gelten Herzog und Herzogin kurzweg als „royals“; man sagte schon immer von den Einheimischen, „sie kennen keine Prinzen außer einem Percy“.

Die Windsors haben allen Grund, sich zu verneigen

In der Tat ist der Duke mit der königlichen Familie „on kissing terms“, was etwas heißen will in der adligen Rangordnung. Die Windsors haben allen Grund, sich zu verneigen: Dem Herzog steht als einzigem Aristokraten das Recht zu, in der Westminster Abbey bestattet zu werden. Die Percys hatten lange Zeit über, von Wilhelm dem Eroberer zu Baronen erhoben, größere Länderein in Yorkshire besessen, und es war Richard de Percy, der zur „Partei der Barone“ gehörte, die 1215 König Johann zur Annahme der Magna Charta zwang, dieses ersten Dokuments der Unabhängigkeit von königlicher Willkür.

Bald aber machte sich die Familie an anderer Front verdient – als Statthalter der Könige im ewigen Kampf gegen die aufsässigen, unabhängigen Schotten. Es war der 8. Baron Percy, der Schottlands Helden, Sir William Wallace („Braveheart“ in Film und Legende), 1305 gefangen setzte und dem Tod überantwortete. Edward I. „der Hammer der Schotten“, überließ den Percys als Lohn Alnwick zum Kauf.

1377 mutierten die Barone zu Grafen und wurden zu Aufsehern („wardens“) in den schottischen Grenzlanden bestellt. Das gab ihnen unter anderem das Recht auf eine Privatarmee von 2000 Mann, die sie nicht nur zum Kampf gegen die Schotten, sondern auch zur eigenen Bereicherung einsetzten, zu Raub- und Eroberungszügen, womit sie sich ein wachsendes Portfolio an Länderein zuschanzten.

Noch heute besitzt der Vater von George, der 12. Duke, Latifundien von 100.000 Morgen, einschließlich Gebiete im südenglischen Surrey sowie das prachtvolle Anwesen Syon Park bei London. Man schätzt das Familienvermögen auf mehr als 300 Millionen Pfund.

Im Krieg der Rosen um die Königsherrschaft zwischen den Häusern York und Lancaster standen die Percys einmal auf der einen, dann auf der anderen Seite, aber verhoben sich fatal, als sie einen Aufstand gegen Heinrich IV. Bolingbroke anzettelten, dem sie übel nahmen, dass er sie nicht geehrt hatte für ihre Mithilfe bei der Beseitigung von Heinrichs Vorgänger, Richard II.

Dem jungen Henry Percy, genannt „Hotspur“, Heißsporn, Sohn des ersten Earl, 1403 in der Schlacht von Shrewsbury ums Leben gekommen, hat Shakespeare in seinem Drama „Heinrich IV.“ ein Denkmal gesetzt, indem er ihn durch die Hand von Prince Harry, („Hal“), dem späteren Heinrich V., sterben lässt.

Verrat an Königin Elizabeth I.

In Wahrheit starb Percy Hotspur nicht im Duell, sondern weil er zum Luftholen das Visier seiner Rüstung geöffnet hatte und damit einem gegnerischen Bogenschützen die Gelegenheit gab, ihn mit einem gezielten Pfeilschuss in den Rachen zu töten. Percy Heißsporn findet sich auch im Namen des Nordlondoner Fußballclubs Tottenham Hotspur, dessen Gelände früher zu den Besitztümern der Percys gehörte.

Nur ein Ausschnitt aus einer langen Geschichte: Zweimal noch übten die Percys Verrat im großen Stil. Zunächst im „Aufstand des Nordens“ gegen Elizabeth I., als die katholische Familie mit anderen Adligen Partei für Maria Stuart ergriff – vergeblich, wie man auch in Schillers Drama nachlesen kann.

Der 7. Earl wurde 1572 hingerichtet, während er auf den Primat des Papstes schwor und die Anhänger Elizabeths als Häretiker brandmarkte. Leo XIII. sprach ihn 300 Jahre später als Märtyrer selig.

Ein Cousin des 9. Grafen, Thomas Percy, beschaffte dann das Pulver, mit dem am 5. November 1605 das Parlament und die Familie Jakobs I. in die Luft gesprengt werden sollten. Percy hatte als Constabler von Alnwick keine Mühe, an 2500 Kilogramm Schießpulver zu kommen, welche die Verschwörer in 36 Fässern unter der Westminster Hall verstauten. Doch der „Gunpowder Plot“ flog auf, Thomas Percy musste fliehen, wurde aber wenige Tage später von seinen Verfolgern gestellt und erschossen.

Eher als Burleske registriert die Historie, was dem 6. Grafen widerfuhr: Heinrich VIII. spannte ihm seine Verlobte aus, Anne Boleyn, die den König entflammt hatte. Das stürzte den Gehörnten in ein frühes Ende an der Seite einer ungeliebten Ehefrau.

Ende des 17. Jahrhunderts stand die Percy-Linie vor dem Aussterben, weil männliche Nachfolger ausblieben. Die letzte Erbin heiratete 1682 Charles Seymour, den späteren Herzog von Somerset, dessen Enkelin, Lady Elizabeth Seymour, einen Sir Hugh Smithson ehelichte – und der trat in die Privilegien der Percys ein, änderte seinen Namen, übernahm Alnwick und erhielt 1766 von George III. den Titel eines Herzogs von Northumberland.

Ob Pippa einen Percy, den zukünftigen Duke of Northumberland, auf neue Wege alternativer Energien führen könnte, lassen wir einmal dahingestellt. Aber warum, wenn eine Bürgerliche dereinst Königin werden kann, könnte deren jüngere Schwester nicht auch zur Herzogin aufsteigen? Die englische Geschichte ist reich an überraschenden Wendungen.