"Ich lege meine Hände auf deine Schenkel"

Silvio Berlusconi tröstet sich mit Schnulzenalbum

Italiens Ex-Premier startet seine neue Karriere – als Schlagersänger: Dabei macht Silvio Berlusconi keinerlei Geheimnis aus seinen Gefühlen und Begierden.

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Es gibt in der Musikgeschichte Liedtexte, bei denen es Glaubenskriege darum gibt, was eigentlich gemeint ist – haben die Beatles etwa in ihrem Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ LSD verherrlicht?

Oder: Gibt es eine satanische Botschaft in „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin, die sogenannte Rückwärtsbotschaft nämlich „Oh here’s to my sweet satan“?

Diskussionen von ähnlicher Brisanz sind nun von einer CD zu erwarten, die jetzt in den Musikläden von Bozen bis Palermo ausliegt. Sie heißt „Il vero amore“ – „Die wahre Liebe“ – und die Texte stammen von Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Nach dem Ende seiner politischen Karriere hatte er schließlich beschlossen, „den Mut nicht zu verlieren und sich mit der Musik ernst zu beschäftigen“.

Angela statt Ruby

„Ein weiterer Tag mit Wind und Regen, ein weitere Nacht ohne Dich.“ Mit diesen anrührenden Worten beginnt etwa – nach einigen Takten melancholischer Klaviermusik – das dritte Lied auf dem Album. Hm, fragt sich der Zuhörer: Welche Erlebnisse hat Silvio Berlusconi damit verarbeitet?

Man macht sich an die Auslegung und findet etwa das Datum des 11. Januar 2011: Staatsbesuch Berlusconis an einem kalten, nassen Wintertag in Berlin – „ein Tag mit Wind und Regen“, anstrengende Gespräche mit Bundeskanzlerin Merkel statt „einer weiteren Nacht“ mit Ruby und den Bunga-Bunga-Freundinnen. Das könnte passen. Schnell weiterklicken! Sind ja schließlich neun Lieder auf der CD.

Silvio Berlusconi und die Musik – das ist bis heute die einzige Beziehung, welcher der „Cavaliere“ wirklich die Treue gehalten hat. Bis heute heißt es, dass Berlusconi an eine Karriere als Sänger gedacht hat, bevor er die Laufbahn als Medienunternehmer und Politiker einschlug – er sang erfolgreich auf Kreuzfahrtschiffen im Mittelmeer.

In der Folge soll ihn seine Band rausgeworfen haben, weil er wegen seiner zahlreichen Verehrerinnen zu viele Auftritte verpasst hatte. So nahm Berlusconi die Musik einfach mit in die Politik.

"Zum Glück gibt es Silvio“

2008 zog er mit dem Lied „Meno male che Silvio c’è“ in den Wahlkampf – „Zum Glück gibt es Silvio“. Man muss zugeben: Dieses Lied ist ein Ohrwurm, der einfach nicht mehr weggeht, hat man es einmal gehört.

Lied 9 – zeigt es die Zielstrebigkeit Berlusconis? Kann es erklären, wie er zum reichsten und zeitweise mächtigsten Mann Italiens wurde?

„Ich beeile mich, du weißt gar nicht, wie sehr“, schreibt Berlusconi da, „meine Straße führt immer zu dir.“ Es ist bezeichnend, dass keine Frauenstimme antwortet – was Berlusconi will, erreicht er auch ohne ein „Ja“: „Du küsst meinen Mund und meine Hände – und ich will nicht, dass es irgendwann Morgen wird. Ich lege meine Hände auf deine Schenkel. Ich vergöttere dich – und doch fehlst du mir schon.“

Eins kann man Silvio Berlusconi nicht vorwerfen: Er macht kein Geheimnis aus seinen Gefühlen.

Der Mann, der in Noten umsetzt, was Silvio Berlusconi – manchmal auch mit Hilfe eines Mundart-Wörterbuchs – schreibt, ist Mariano Apicella.

"Im Grunde sind wir Kollegen“

„Berlusconi versteht es, seine Gefühle in Wörter umzusetzen“, sagt er. „Er ist ein sehr guter Texter.“ Apicella, 49 Jahre alt, stammt aus einer Musikerfamilie. Als 18-Jähriger war Apicella als Alleinunterhalter durch Ägypten, Saudi-Arabien, China und Südkorea gereist, bis er in den 90er-Jahren als Hausmusiker im Hotel Vesuvio in Neapel landete.

Im Mai 2001 traf er dort auf den Mann, der ihn in ganz Italien berühmt machen sollte: Silvio Berlusconi. „Für mich war es ein großes Glück. Berlusconi kam auf die Bühne und sagte: Darf ich mich vorstellen? Im Grunde sind wir Kollegen.“

Ihre erste gemeinsame Platte erschien 2003 unter dem Titel „Meglio ’na canzone“ (Besser ein Lied), 2006 folgte die zweite namens „L’ultimo amore“ (Die letzte Liebe).

Einen tiefen Einblick in seine Seele gibt Silvio Berlusconi mit Lied 6. Auch wenn er eigentlich „Cavaliere“ genannt wird, weil er einmal den Titel „Ritter der Arbeit“ verliehen bekommen hat – in Lied 6 gibt sich Berlusconi wirklich als Kavalier – oder als Aufreißer?

Klaviermusik setzt ein, die jedem Hotelbarpianisten zu kitschig wäre, dann singt Mariano Apicella das, was Berlusconi wohl schon zu vielen Frauen gesagt haben dürfte: „Wir tauschten doch nur einen Blick – und schon war es Liebe“.

„Das schönste ist es, eine Frau zu erobern"

Unwillkürlich kommt einem da eine legendäre Pressekonferenz von Silvio Berlusconi im September 2009 auf Sardinien in den Sinn, als Berlusconi sagte: „Das schönste ist es doch, eine Frau zu erobern. Ich würde niemals für die Liebe einer Frau bezahlen.“

Lied 3 – es scheint, großzügig interpretiert, etwas von der Zerrissenheit Berlusconis zu reflektieren – eine Zerrissenheit, in der er mit seinen zahlreichen Prozessen und dem Ende seiner zweiten Ehe steckt.

„Ich würde gerne mit einem Lächeln aufwachen und wieder die Ruhe in mir finden, die es einmal gab“, schreibt er. Die Sologitarre spielt verrückt auf diesen Zeilen. Mariano Apicella scheint das Innenleben Berlusconis bestens in Musik umsetzen zu können.

Im Refrain singt er: „Wenn Du nicht wärst, wäre es besser gewesen“. Viele Italiener glauben auch, dass das auch für das Land besser gewesen wäre.