Imitierter Sex

Laurel Nakadates grenzwertige Erwartungsspielerei

Sie tanzt mit Männern, die sie nicht kennt, sie weint 365 Tage am Stück und lässt sich in einen Käfig sperren: Laurel Nakadate ist eine Grenz-Künstlerin.

Zwei wildfremde Menschen in einem Zimmer. Ein alter Mann, eine junge Frau. Sie tanzt um ihn herum, wackelt mit den Hüften, schüttelt die langen braunen Haare. Er blickt starr geradeaus, in die Kamera. Das Gesicht ist ausdruckslos, weder ihre aufreizenden Bewegungen noch die Musik im Hintergrund können ihm eine Regung abringen. Ein wenig Ratlosigkeit blitzt momentweise in dem faltigen Gesicht auf, als frage sich der alte Mann, was will diese Frau von mir? Die Frau, die mich auf der Straße angesprochen hat, um mit mir zu tanzen, bei mir zuhause, in meiner Wohnung? „Ich bin fasziniert von der Idee, dass zwischen zwei fremden Menschen wirklich alles passieren kann“, sagt die junge Frau.

Der ausdruckslose Mann ist nicht der einzige, den Laurel Nakadate auf der Straße angesprochen hat. Die Amerikanerin hat mit dutzenden Männern – alle älter, alle unattraktiv – getanzt und sich dabei gefilmt. Keinen von ihnen kannte sie vorher. Da ist dieser Dicke im Bild, mit dem sie in eine schäbige, unaufgeräumte Wohnung gegangen ist, mit dem sie tanzt und der all ihre Bewegungen imitiert. „Es ist nicht, wonach es aussieht“, sagt Nakadate, „ich spiele mit Erwartungen – mit meinen eigenen, mit denen der Männer, mit denen des Betrachters.“

Die Künstlerin führt die Männer vor, ein bisschen zumindest, und trotzdem bedanken sie sich am Schluss für die Aufmerksamkeit, die die Frau ihnen geschenkt hat, für die Zeit, die sie mit ihnen verbrachte, indem sie gemeinsam zu Britney Spears tanzten.

Imitierter Sex

Nakadate hat keine Angst, sich in Situationen zu begeben, vor denen sie als Kind gewarnt wurde: fremde Männer anzusprechen, mit ihnen nach Hause zu gehen, sich verletzlich zu machen. Für ihre „Oops“-Videos lässt sich Nakadate in einen Käfig sperren, sie lässt sich verfolgen und am Strand filmen. „Die Videos bringen den Betrachter zwangsläufig dazu, seine Vorurteile und Ansichten zu überdenken“, sagt die 35-Jährige.

Damit meint sie sowohl zwischenmenschliche Beziehungen als auch die Erwartungen. „Ich wollte Situationen schaffen, die es ohne die Anwesenheit meiner Kamera nicht gegeben hätte“, sagt sie.

Viele der Gäste in der Londoner Zabludowicz-Collection, die derzeit Laurel Nakadates Werke zeigt, reagieren zunächst befremdet: „Sie meinen oft zu wissen, worum es geht“, sagt Kuratorin Ellen Mara de Wachter. „Viele kommen auch mit der Nacktheit nicht zurecht.“ Laurel Nakadate zeigt sich in ihren Arbeiten oft nackt oder nur wenig bekleidet, sie imitiert Sexszenen und inszeniert Momente vermeintlicher Nähe zwischen Menschen.

Was als Projekt an der „ School of the Museum of Fine Arts “ in Boston begann, wurde zur Berufung für das Mädchen aus Austin, Texas. Laurel Nakadate ist heute eine in den USA und in Großbritannien bekannte Künstlerin, sie hält Vorträge in Harvard und stellt New York und London aus, im P. S. 1, dem Moma-Ableger für junge Kunst, in der Saatchi Galerie und in der Zabludowicz Collection im Nordwesten Londons. Noch immer beschäftigt sie das Verhältnis zwischen Erwartung, Inszenierung und Zufall.

365 Tage Tränen

„A Catalogue of Tears“ zeigt die Künstlerin, 365 Tage hintereinander, weinend. In Hotelzimmern, in Flugzeugen, nackt im Bad. Die Fotos sind alle im Jahr 2010 entstanden – jeden Tag weinte Laurel Nakadate und fotografierte sich dabei selbst. „Ich wollte Traurigkeit inszenieren, so wie Fremde und Freunde Glück inszenieren, indem sie jeden Tag tausende, Glück suggerierende Bilder bei Facebook posten“, sagt Nakadate. Ihr war nicht jeden Tag zum Heulen zumute, trotzdem schaffte Nakadate es, an jedem der 365 Tage zu weinen. „Ich habe traurige Musik gehört, traurige Bücher gelesen und mir traurige Geschichten angehört, damit die Tränen kamen“, sagt sie.

Nakadate lebt in New York und reist viel, um die Inszenierungen von Realität und Fiktion zu beobachten. Das jüngste Werk, das in London zu sehen ist, ist die Star-Serie. Sie zeigt eine Handvoll junger Frauen, alle zu Anfang ihrer Karriere, die sich nachts in der amerikanischen Wüste fotografieren lassen, über ihnen nur die Sterne – und die noch ungelebte Zukunft, all die Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche, Ängste.

Laurel Nakadates erste Solo-Ausstellung in Großbritannien ist noch bis zum 11. Dezember in der Zabludowicz-Collection in London zu sehen.