Modemacher

Joop würde sich "gern eine Ruhepause gönnen"

| Lesedauer: 6 Minuten
Tina Molin

Foto: Galeria Kaufhof

Seit 30 Jahren ist der Modemacher Wolfgang Joop im Geschäft. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über das Älterwerden, die Treue und das Scheitern.

Natürlich lädt Deutschlands Modepapst nur in standesgemäße Gemächer zum Interview ein. Das Gespräch mit Wolfgang Joop über seine erste Kollektion für Galeria Kaufhof findet deshalb in einer historischen Suite des Hotel de Rome statt. Doch der Paradiesvogel der hiesigen Modelandschaft hat auch andere Themen als seine neuen Entwürfe: Er erzählt vom Älterwerden, von Treue und vom Scheitern. Damit kennt er sich aus, denn die letzten Jahre haben ihm viel abverlangt: Zuerst der zermürbende Familienstreit mit Tochter Jette Joop und dann die Trennungskämpfe rund um sein Modebaby Wunderkind. Doch all diese Auseinandersetzungen haben den 66-jährigen Potsdamer nicht bitter gemacht, im Gegenteil. Er versprüht mehr Elan und Aufbruchsgeist als so mancher junger Mensch. Nur das Hörgerät in seinem Ohr verrät, dass Joop eben doch nicht mehr so jung ist.

Morgenpost Online: Herr Joop, sind Sie sich stets treu geblieben?

Wolfgang Joop: Jetzt kann ich gar nicht mehr anders. Meine Lebenszeit ist zu kurz, um mit anderem zu experimentieren als mit mir selbst.

Morgenpost Online: Sie waren sich also nicht immer treu?

Wolfgang Joop: Ja, und es ist massiv schief gegangen. Es gab Momente, in denen ich zu viel Verantwortung delegiert habe. Es gibt bei allen kreativen Arbeiten auch administrative und rationale Aspekte, die ich launisch übersehen hatte. Das gebe ich zu. Dafür habe ich die dreifache Rechnung gezahlt.

Morgenpost Online: Sie meinen bei Ihrer Fashion-Marke Wunderkind?

Wolfgang Joop: Man merkt ja sehr schnell, ob ein Partner der Richtige ist. Wie im Privatleben auch. Wie lange probiert man da, gerade den Falschen sich hinzubiegen, statt sich rasch zu trennen. Ich bin nicht früh genug gegangen. Abschied zu nehmen ist das Schwierigste in meinem Leben überhaupt.

Morgenpost Online: Fehlt Ihnen dazu die notwendige Härte?

Wolfgang Joop: Ich habe eine Harmoniesucht als Nachkriegskind, wo so viel kaputt gegangen ist. Ich habe so lange auf die Wiedervereinigung gewartet. Früher konnte man ja nicht mal über die Glienicker Brücke fahren – das war sehr schmerzhaft für mich. Aber ich merke an meinen Kindern, dass sie diesen Schmerz gar nicht kennen. Alles, was mir so viel wert war, hat heute eine andere Selbstverständlichkeit.

Morgenpost Online: Alles verändert sich. Aber muss man sich verändern, um sich treu zu bleiben?

Wolfgang Joop: Unbedingt! „Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt“, sagte schon Friedrich Nietzsche. Ich zum Beispiel habe gelernt, konsequenter zu sein und Dinge früher nach Machbarkeit und Sinn zu überprüfen. Ich lerne, die Hände aufzumachen und etwas fallen zu lassen, was ich früher zu lange gehalten hätte. Ich fordere auch nicht mehr Dinge ein, die man mir nicht freiwillig geben will.

Morgenpost Online: Der Streit um Wunderkind und der mit Ihrer Tochter Jette Joop, wie gehen Sie mit diesen Extremsituationen um?

Wolfgang Joop: Ich würde mir gerne eine Ruhepause gönnen, aber danach fragt das Leben nicht. Kommt ein Erdbeben, dann fragt das Leben nicht, ob es noch einen Tsunami schicken darf. Natürlich sagt man sich oft im Leben: „Jetzt habe ich genug Rückschläge erfahren, jetzt ist Schluss.“

Morgenpost Online: Aber es ist nicht Schluss, sondern kommt noch dicker. Was tun Sie dann?

Wolfgang Joop: Man kann hinfallen, aber nicht zu lange liegenblieben. Für das Liegenbleiben habe ich später noch Zeit, und zwar endlos.

Morgenpost Online: Sie stehen also auf und machen etwas Neues, wie jetzt die Kollektion 1879 für Galeria Kaufhof. Was war Ihnen daran wichtig?

Wolfgang Joop: Ich wollte eine Kollektion für Menschen entwerfen, die ich gerne sehen würde. Menschen, die einen natürlichen Charme besitzen, eine natürliche Ausstrahlung. Mir fehlen diese Menschenbilder, daher zeichne ich sie mir.

Morgenpost Online: Welches Menschenbild fehlt Ihnen konkret?

Wolfgang Joop: Coole, sympathische Menschen. Manipulierte Bilder prägen doch inzwischen unsere ganze Wahrnehmung. In den Modemagazinen wirken Models oft wie von einem anderen Planeten, ich will nicht immer die gleichen kalten Posen sehen.

Morgenpost Online: Wie würden Sie die Kollektion beschreiben?

Wolfgang Joop: Was ich persönlich anziehe, könnte geborgt sein, aufgehoben oder geflohmarktet, genauso ist diese Kollektion: sympathisch, urban, ohne modischen Zynismus.

Morgenpost Online: Braucht man Stil, um sich treu zu bleiben?

Wolfgang Joop: Stil ist eine wichtige Sache. Stil zeigt, welche Haltung man zu sich selber und anderen hat. Stil ist, was bleibt, wenn die Mode geht.

Morgenpost Online: Sie mussten sich erst entdecken, um sich dann treu bleiben zu können. Ihre erste Kollektion brachten Sie erst mit 40 Jahren heraus. Warum so spät?

Wolfgang Joop: Ich habe davor viele Kollektionen nicht unter meinem Namen gemacht. Ich hatte nicht das Bedürfnis, meinen Namen in Kleider zu schreiben, den wollte ich mir für meine künstlerische Karriere aufheben.

Morgenpost Online: Warum hat es Sie dann doch ins Rampenlicht gezogen?

Wolfgang Joop: Zu der Zeit hatte ich meine Familie verloren, hatte mich scheiden lassen. Ich bin meinen Weg gegangen, nach New York gezogen, und wenn man sich allein fühlt, holt man sich die Öffentlichkeit dazu.

Morgenpost Online: Inzwischen sind Sie über 30 Jahre Modemacher. Entwirft man im Alter anders?

Wolfgang Joop: Erst mit der Reife ist man bereit, das ganz Selbstverständliche zuzulassen. Man entwirft konsequenter, sei es im praktikablen Sinne oder im avantgardistischen.

Morgenpost Online: Designer, Autor, Illustrator, Künstler – brauchen Sie alle Jobs, um sich auszuleben?

Wolfgang Joop: Einerseits ist mein Leben nie langweilig, und ich finde für jedes Projekt Leute, die sich dafür begeistern. Auf der anderen Seite kommt man sich vor, wie eine Hündin mit 16 Welpen aber nur sechs Nippeln, eins bleibt immer hungrig.

Morgenpost Online: Werden Sie mit dem Alter ruhiger?

Wolfgang Joop: Ich bin nur ruhig, wenn ich erschöpft bin.

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