Hochzeit in Schweden

"Silvia ist für die Deutschen eine Ersatzkönigin"

ZDF-Reporterin Julia Melchior ist Adelsexpertin. Sie kennt sich aus mit royaler Sehnsucht und dem Elend des Prinzgemahls.

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Morgenpost Online: Frau Melchior, fünf Stunden wird das ZDF am Samstag von der schwedischen Hochzeit berichten. Kritiker sprechen schon angesichts des Umfangs von Hofberichterstattung. Ziehen Sie sich diesen Schuh an?

Julia Melchior: Nein, gar nicht. Es ist ein historisches Ereignis, über das es sich zu berichten lohnt. Es ist das erste Mal in der tausendjährigen Geschichte der schwedischen Monarchie, dass eine Thronfolgerin heiratet. Obendrein stammt der Prinzgemahl aus dem Volk.

Morgenpost Online: Das war schon 1976 so, als Carl Gustaf die deutsche Olympia-Hostess Silvia Sommerlath ehelichte.

Melchior: Es macht aber einen Unterschied, ob der bürgerliche Ehepartner ein Mann oder eine Frau ist. Eine Frau, die einen zukünftigen König heiratet, wird auch Kronprinzessin. Sobald der König inthronisiert wird, avanciert sie zur Königin. Ein Mann, der eine Thronfolgerin heiratet, wird dagegen niemals auf Augenhöhe mit seiner Frau stehen.

Morgenpost Online: Deutschland hat im Augenblick eigentlich andere Sorgen als die Frage, ob Prinzessin Victoria bei der Hochzeit Dior oder Dior trägt. Gesucht wird ein neues Staatsoberhaupt. Ist die Hochzeit nicht eher eine nationale Angelegenheit?

Melchior: Nein, sogar in Japan und China wird dieses Ereignis ausgestrahlt. Königshäuser sind ja der Inbegriff von Tradition und Geschichte. Nirgendwo wird das so deutlich wie bei einer Königshochzeit.

Morgenpost Online: Befördern Krisen die Sehnsucht nach monarchischen Events?

Melchior: Ja, dafür gibt es auch gute Beispiele in der Geschichte. Als die Deutsch-Perserin Soraya 1951 den Schah heiratete, da erschien das vielen Deutschen wie ein Märchen, das nach dem Krieg wahr wurde. Ich glaube, dass so eine Hochzeit in Zeiten der Negativschlagzeilen eine Sensation des Guten ist.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt in diesem Fall die deutsche Herkunft der Brautmutter?

Melchior: Sie erklärt, warum das schwedische Königshaus in Deutschland besonders beliebt ist. Hierzulande haben wir keine Hollywood-Stars und eigenen Monarchen, die die Sehnsucht nach Glamour stillen. Insofern ist Königin Silvia für die Deutschen so etwas wie eine Ersatzkönigin.

Morgenpost Online: Mag sein, aber rechtfertigt das eine fünfstündige Live-Übertragung im ZDF?

Melchior: Das müssen Sie den Sender fragen. Aber warum sollte man die Zuschauer an diesem Ereignis nicht im Fernsehen teilhaben lassen? Die Deutschen fiebern auf diesen Tag hin, das zeigt die Berichterstattung im Vorfeld. Es ist das Gesprächsthema Nummer eins. Meine jüngste Dokumentation über das Königshaus hat dem ZDF immerhin einen Marktanteil von 17 Prozent beschert. Vor allem in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen haben viele Zuschauer eingeschaltet.

Morgenpost Online: Es ist also nur ein böses Klischee, dass sich solche Übertragungen in erster Linie eher ältere Leserinnen anschauen?

Melchior: Es schauen schon in erster Linie Frauen zu. An diesem Samstag gibt es aber eine harte Konkurrenz. Fußball-WM gegen Königshochzeit. Da spaltet sich die Nation.

Morgenpost Online : Zur Hochzeit werden über 2000 Journalisten aus aller Welt erwartet. Wie sind Ihre Chancen, bei dem Medienrummel noch einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern?

Melchior : Mir geht es da ganz gut, weil wir mitten im Medienrummel für unsere Berichterstattung ein eigenes Podest haben werden. Ich glaube aber, dass der Kampf um die Bilder am Roten Teppich knallhart werden wird. Es sind fast doppelt so viele Journalisten wie Gäste da.

Morgenpost Online : Ist der Medienrummel bei solchen Events größer geworden seit der Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di?

Melchior: Die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di gilt als erste große Medienhochzeit. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde so ein Ereignis in die ganze Welt ausgestrahlt. Es gab damals 750 Millionen Zuschauer. Bei der Hochzeit des spanischen Kronprinzen Felipe waren es 2004 sogar eine Milliarde. Bei Victoria rechnet man jetzt mit 500 Millionen.

Morgenpost Online : Bei Ihrem ARD-Kollegen Rolf Seelmann-Eggebert hat man gelegentlich den Eindruck, er melde sich von einer Kriegsfront, so staatstragend berichtet er. Dabei ist so eine Hochzeit doch ein freudiges Ereignis. Warum spiegelt sich das kaum in der Berichterstattung wider?

Melchior: Natürlich ist das ein freudiges Ereignis, aber man muss diesen Anlass auch ernst nehmen. Die Königsfamilie ist nicht nur das schönste Aushängeschild Schwedens. Mit Victoria heiratet das künftige Staatsoberhaupt. Insofern muss man der Braut Respekt zollen – auch Victoria als Privatperson. Sie hat schließlich sieben Jahre lang für diesen Tag gekämpft.

Morgenpost Online : Die Gegner der Monarchie sehen das anders. Sie kritisieren, dass die Hochzeit mit Steuern bezahlt wird.

Melchior: Die große Mehrheit hat kein Problem mit den Kosten. Die Hochzeit kostet rund zwei Millionen Euro, die Hälfte davon trägt aber der König. Das ist immer noch verhältnismäßig günstig. Als 2004 der Kronprinz von Brunei geheiratet hat, hat die Party 40 Millionen Dollar verschlungen. Der Brautstrauß bestand übrigens aus Gold und Diamanten.

Morgenpost Online : Mit den zwei Millionen Euro für die Party ist es aber noch nicht getan, oder?

Melchior : Nein, die Hochzeit war ein Anlass, Stockholm herauszuputzen. So wurden die Storkyrkan-Kirche, die Fassade des Königspalastes und die zukünftige Residenz der Thronfolgerin renoviert. Die schwedische Tageszeitung Aftonbladet hat die Gesamtkosten auf zehn Millionen Euro geschätzt.

Morgenpost Online : Wird der Hype um die Hochzeit der schwedischen Kronprinzessin eigentlich künstlich geschürt – oder ist Daniel Westling tatsächlich so etwas wie Schwedens Antwort auf Lady Di?

Melchior: Der Vergleich hakt. Die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di war arrangiert, dagegen feiern die Schweden jetzt eine echte Liebeshochzeit.

Morgenpost Online: König Carl Gustaf soll lange mit seinem Schwiegersohn gehadert haben. Offiziell hieß es immer, es habe ihn gestört, dass der keine akademische Ausbildung hat. Ein Fall von Standesdünkel?

Melchior: Als die Beziehung der beiden im Mai 2002 bekannt wurde, haben sich die Medien natürlich darauf gestürzt. Diese Story hat viele Kritiker auf den Plan gerufen, insbesondere aus dem konservativen Lager. Sie befürchteten, dass die Monarchie ihre Symbolkraft verlieren könne, wenn ein Bürgerlicher ins Königshaus einheiratet. Das Problem des Königs war, dass er sehr konservative Berater hat. Seine Bedenken waren nicht die eines Vaters, sondern die eines Landesvaters.

Morgenpost Online: Dabei ist die Emanzipation doch gerade in Schweden weit fortgeschritten.

Melchior: Das stimmt, aber es brauchte eben sieben Jahre, bis man sich im schwedischen Königshaus mit dieser Idee angefreundet hat.

Morgenpost Online: Von angeheirateten Prinzgemahlen gab es bislang, wenn überhaupt, wenig Positives zu berichten. Der niederländische Prinz Claus litt unter Depressionen, Englands Prinz Philip gilt als Zyniker und Weiberheld. Ist den Männern das Dasein im Schatten der mächtigen Frauen nicht bekommen?

Melchior: Je mehr diese Männer schon vor der Hochzeit auf die Beine gestellt hatten, desto schwerer fiel es ihnen, einen Schritt zurückzutreten. Philip war Leutnant der Marine, Prinz Claus hatte es im Diplomatischen Dienst weit gebracht. Bei ihm kam übrigens eine erbliche Veranlagung zur Depression dazu. Ich denke, auch Daniel Westling wird es nicht leicht haben, sich als Unternehmer aus seiner Fitness-Studio-Kette zurückzuziehen, die er aus eigener Kraft aufgebaut hat.

Morgenpost Online: Die Boulevardpresse berichtet immer wieder von Ehekrisen in Königshäusern. Wann bringt das königlich-rechtliche Fernsehen die erste Sondersendung zum Thema „Scheidung royale“?

Melchior: Wenn so eine Scheidung geeignet wäre, die Monarchie in Frage zu stellen, wäre auch das sicherlich berichtenswert.