65. Geburtstag

Achim Mentzel - das Naturereignis

Für die einen ist er der absoluten Ost-Trash, für die anderen ein netter Kerl: Achim Mentzel. Heute wird die Stimmungskanone 65. Morgenpost Online sprach mit ihm über grölende Parteibonzen, seine Flucht in den Westen, Nina Hagen und "Kalkofes Mattscheibe".

Der Hausherr empfängt in Muskelshirt, Shorts und Badelatschen, alles farblich aufeinander abgestimmt, weil alles schwarz. Die Goldkettchen an Hals und Armgelenk sind nicht zu übersehen. Er führt durch den pico gepflegten Vorgarten auf die Terrasse: „Oder woll’n wir’s lieber drin machen?“ Ja, drin, im Einfamilienhaus ist besser, ist ja heute eher kühl.

Am Tisch in der holzvertäfelten Essecke ist man, ohne dass man es bemerkt hätte, sofort per Du. Dann kommt Achim Mentzels vierte Ehefrau, seit mehr als 30 Jahren sind die beiden verheiratet, serviert Café Crème mit Kondensmilch, und der Hausherr lacht laut und kehlig. Das wird er in den nächsten Stunden noch oft tun, die Gesprächslautstärke ist von Beginn an beachtlich. Nun aber mal los.

Morgenpost Online: Herr Mentzel, kokettieren Sie eigentlich damit, dass Sie Minipli und Schnauzbart tragen?

Achim Mentzel: Moment, das ist kein Minipli. Das sind Naturlocken, auch wenn alle was anderes schreiben. Scheint keiner zu begreifen, dass es einen Lockenkopf gibt. Und nein, ich kokettiere nicht. Ich laufe einfach so rum.

Morgenpost Online: Als es noch die Volksmusiksendung „Achims Hitparade“ gab, schrieb der „Spiegel“ über Sie: „Es wird geschunkelt und gesoffen, bis der Kassenarzt kommt.“ Wie lebt es sich, wenn sich Millionen Menschen über einen erhaben fühlen?

Mentzel: Na, das sind ja nur die einen. Die anderen stehen bei meinen Auftritten vor der Bühne und jubeln. Und rauchen und trinken tu ich gar nicht.

Morgenpost Online: Erinnern Sie sich noch, wann Sie das erste Mal auf einer Bühne standen?

Mentzel: Bühne kann man das nicht nennen, aber als ich so neun, zehn Jahre alt war, gehörten mir immer die letzten fünf Minuten des Musikunterrichts. Ich komm ja aus Ost-Berlin, aber wir haben immer den Westsender Rias gehört, von der ganzen Verbotsarie haben wir nichts mitgekriegt.

Den Schlager der Woche hab ich dann immer auf dem Katheder vorgetragen. Und wenn da Caterina Valente kam, dann musste ich singen (steht auf): „Tipitipitipso, beim Calypso ist dann alles wieder gut, ja, das ist mexikanisch.“ Ich spielte auch gut Fußball, aber meine Familie sagte: „Musike, die kannste länger machen.“ Da hatten sie recht.

Morgenpost Online: Es ist ja nicht bei Caterina Valente geblieben. In den Sechzigern spielten Sie in Klubs und Kneipen bald Elvis, Beatles und Stones …

Mentzel: ... ja, und 1965 hat man mein Diana-Schau-Quartett verboten. Die DDR-Kulturbürokraten hatten den Lipsi erfunden (steht auf, singt): „Im Lipsi-Schritt tanzen alle mit.“ Nicht zu glauben. Die Jugend sollte keine langen Haare tragen. Uns haben sie wegen nicht gezahlter Steuern rangekriegt. Ich musste zur Armee, da hat man die Bandmitglieder über die gesamte DDR verteilt, damit wir bloß nicht mehr zusammen spielen.

Morgenpost Online: Als Rock’n’Roller bei der NVA, wie kommt man da klar?

Mentzel: Irgendwer muss mich erkannt haben. Nach zwei Wochen krabbel ich auf meinem Panzer rum, da kommt ein Stabsfeldwebel und fragt: „Wer ist hier Mentzel?“ Ich, reichlich flau: „Na hier, icke.“ Darauf er: „Na kommse mal her, wir haben hier ne Band vom Transportbataillon. Da machen Sie mit.“

Da ging’s wieder los. Wenn der Stabsfeldwebel einen drin hatte, dann sagte er: „Achim, mach ma was.“ Ich natürlich wieder voll losgesägt. Wenn das einer von den Genossen gesehen hat, wurde gleich Meldung gemacht: „Die spielen nur West-Lieder.“

Morgenpost Online: Klingt aber trotzdem nicht wirklich schlimm.

Mentzel: Nee, wir durften, wenn wir lange spielten, auch länger schlafen. Und damit’s keinen Ärger gab, hab ich für die anderen die kalten Platten vom Abendbuffet in meinem Gitarrenkasten rausgeschmuggelt. Die Waffe musste ich nie reinigen, da fand sich immer einer.

Morgenpost Online: Und dann?

Mentzel: Musste ich als Polsterer im Betrieb meines Schwiegervaters ran. Das war aber nichts für mich. Eines Tages kommt Manfred Lindenberg rein, der hatte ne Band, da hatte ich auch wieder eine.

Morgenpost Online: Wenn Sie anfangs Beatles und Stones sangen, konnten Sie denn Englisch?

Mentzel: Kein Wort, wir haben im Radio auf Tonband mitgeschnitten und dann rausgehört: Für „I love you“ stand bei uns ein „Ei law ju“. Okay, das haben wir kapiert. Aber den tieferen Sinn haben wir gar nicht geschnallt. Das Publikum tobte, das reichte uns.

Das Telefon klingelt. Mentzel meldet sich per Namen, zückt seinen Kalender und brüllt in den Hörer: „Ne private Feier? Das ist mir doch egal … Nicht so schnell, ich bin Schlagersänger. Ja, dann halb zwölf? Wenn Sie schon alle blau sind? War ein Spaß! Danke.“

Morgenpost Online: Erstaunlich, dass Sie so viel von Rock’n’Roll erzählen. Später machten Sie ja fast nur noch in volkstümlicher Musik. Wie passt das zusammen?

Mentzel: Beim Manfred-Lindenberg-Sextett fing es an, mir richtig gut zu gehen, wir waren ständig ausgebucht. Das war Stimmungsmusik, ich war offiziell ein Kapellensänger. Dann kam die neue Rockwelle in der DDR auf. Entstand aus der Singebewegung der FDJ, so’n Mist, so (singt): „In der Mokkamilcheis-Bar, da ist es geschehen.“

Wenn mich jemand von früher fragte, was mit mir los ist, hab ich gesagt: „Na hör dir bitte mal unsere Rockmusik an.“ Die Bands mussten jeden Text vorlegen und gelebt haben sie von Milch und Brötchen. Da hatt ich aber zufällig gar keine Lust drauf. Ich entwickelte gerade ein Repertoire, Roy Black, Flippers, ich hab alles gesungen. Unser Kapellenchef musste sich sowieso oft genug entschuldigen.

Morgenpost Online: Sie sangen Stimmungsmusik, heute bezeichnen Sie sich auf Ihrer Website als Stimmungskanone. Wie macht man Stimmung?

Mentzel: Da gehste auf die Bühne, und dann sagste: „Hier, alles aufstehen!“ Da kommt jeder vom Sitz, dann sagste: „Hinsetzen und unterhaken!“ Machen alle. Dann: „Schunkeln, immer hin und her!“ Dann ein paar Witze auf eigene Kosten, dann haste die Leute. Hat damals geklappt, klappt heute, klappt immer, garantiert, ich krieg jeden. Wenn die drei oder vier getrunken haben, krieg ich auch die Intellektuellen.

Morgenpost Online: Wenn alles so prima lief, warum sind Sie dann 1972 in den Westen geflohen?

Mentzel: Ich war damals Sänger bei Alfons Wonneberg, der ist heute Professor. Der hatte zehn Blechbläser in der Band, das war was für mich. Wir haben in West-Berlin gespielt. Der Rest der Truppe vertritt sich die Beine, packt der Schlagzeuger plötzlich aus seiner Trommel Papiere und Klamotten zum Wechseln aus.

Er sagt: „Ich bleib hier.“ Ich hatte gerade Mist bei meiner zweiten Frau gebaut, ich sag: „Bleib ich auch.“ Weißes Hemd an, fünf Mark in der Tasche. Ich kam dann schnell ins Saarland, wo mein Cousin lebte. Ich geh zum Arbeitsamt, will der Typ von mir wissen, was ich kann. Ich: „Gitarren spielen und singen.“ Er: „Gaukler und Fallensteller haben wir hier genug.“

Morgenpost Online: Sind Sie deswegen schnell wieder in die DDR zurückgekehrt?

Mentzel: Ja, ich hab dann im Saarland auch bald wieder gemuckt, tagsüber musste ich Auspuffs zusammenschweißen. Na wunderbar – bis vier Uhr in der Kneipe aufgetreten, ab sechs Uhr zur Schicht. Mit meiner Mutter habe ich wieder viel telefoniert. Sie sagt: „Der Staatsanwalt meint, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Bin ich zurück.

Wieder klingelt das Telefon. Wieder eine Anfrage, wieder eine Notiz. Mentzel sagt: „Mach ich gut, wa? Rufen genug Leute an, während du hier bist. Handy besitze ich übrigens nicht.“

Morgenpost Online: Was erwartete Sie in der DDR?

Mentzel: Na, die haben mich schon gequält. Sind mit mir, als ich aus der Vernehmungszelle kam, an meiner Wohnung in Pankow vorbei und dann eiskalt weiter nach Magdeburg ins Auffanglager gefahren. Wonneberg hat dann die Verantwortlichen überzeugt, dass ich nichts Schlimmes mache und mich wieder genommen. Obwohl ich später noch zu zehn Monaten Haft auf Bewährung wegen Republikflucht verurteilt worden bin.

Bei Wonneberg tauchte eine junge Sängerin auf, so’ne richtige Göre. Die hieß Nina Hagen. Wir merkten sofort, dass wir beide ne leichte Schacke hatten, das passte. Aber der Wonneberg hat Sachen zu mir gesagt wie: „Achim, ich hab jetzt Durst, hol mir mal’n Bier.“ Da bin ich zu einer Bigband an die Ostsee gewechselt, die machten Count Basie und so.

Steht in Binz plötzlich wieder die Nina vor der Bühne. Sie hat nen Schlapphut auf, ich sag: „Nina, was willst du’n hier?“ Sie sagt: „Ich hab mich mit Alfons verkracht, wir können was zusammen machen.“

Morgenpost Online: Wie hat man sich das denn vorzustellen?

Mentzel: Ich hatte gerade eine Anfrage aus Berlin. Ich zu ihr: „Die Band heißt Fritze Fritzen und die Riesen – der Michael Fritzen, das war so’n ganz Kleiner –, machen wir doch das.“ Wir nach Berlin, da haben wir Fritzens Dampferband aus der Taufe gehoben. Wir waren die Solisten, die vorn rumgesprungen sind. Nina wollte aber bald allein auf die Bühne. Ihre Mutter Eva-Maria Hagen war damals mit Wolf Biermann zusammen, die sind alle in den Westen.

Morgenpost Online: Haben Sie heute noch Kontakt?

Mentzel: Ich wollt was mit Nina machen, aber die hatte nen Vertrag unterschrieben, dass sie nicht künstlerisch frei entscheiden kann.

Morgenpost Online: Ihr Stern ging in der DDR immer weiter auf. Sie waren Solokünstler, moderierten die Show „Ein Kessel Buntes“. Wie war Ihnen zumute, wenn Sie mit den Mächtigen zu tun hatten?

Mentzel: Jetzt sag ich dir mal was: Wenn du einmal gesehen hast, wie Egon Krenz mitten in der „Polonäse Blankenese“ rumhopst oder die Parteioberen inklusive Erich Honecker im Palast der Republik „In München steht ein Hofbräuhaus“ grölen, dann verlierst du den Respekt.

Morgenpost Online: Wie haben Sie die Wende erlebt?

Mentzel: Ich war gerade im Norden engagiert, als mich Kollegen anriefen: „Hier in Berlin ist die Mauer offen.“ Ich hab geantwortet: „Das war’s dann für uns, jetzt will uns keiner mehr sehen.“

Morgenpost Online: Aber Sie blieben präsent.

Mentzel: Glück, reines Glück. Ich hatte schon vor dem Mauerfall einen Vertrag mit dem Fernsehen unterschrieben: Eine Show mit volkstümlicher Musik. Die ging im November auf Sendung, im ZDF lief die erste Sendung erst im Dezember. Die DDR wollte ja mal wieder vorne liegen. So blieb ich einmal pro Monat auf Sendung und im Gedächtnis. Aber ich hatte damals auch mit einem Cousin aus dem Westen hier in Cottbus eine Dachdeckerfirma eröffnet. Ich wusste ja nicht, wie es weiterging.

Mentzel bemerkt, dass sein Gegenüber zur Uhr blickt. Er sagt: „Wann willste denn weg? Ich bring dich gleich noch zum Zug, da brauchste kein Taxi.“ Und genau so wird es in seinem Siebener-BMW geschehen.

Morgenpost Online: Das Echo bei den Kritikern auf „Achims Hitparade“ war verheerend.

Mentzel: Kann man wohl sagen. Ich war ja einer der ersten Kunden des Bezahlsenders Premiere. Da sitz ich eines Abends mit meiner Frau, und es kommt „Kalkofes Mattscheibe“, wo Kalki immer in Sendungen reinschneidet und sie dann als Moderator lächerlich macht, das war unverschlüsselt. Er schneidet bei mir rein und sagt: „In der Zone gibt’s nen Moderator, der ist ne Mischung aus überfahrenem Hamster und Tony Marshall.“

Also, der hat echt noch Zone gesagt. Meine Frau wird kalkweiß, ich sag: „Gitti, das ist wunderbar. So eine Ansage unverschlüsselt auf Premiere, jetzt kennt mich im Westen doch jeder!“ Bei der nächsten „Hitparade“ hatten wir ne Schuldekoration, hab ich „Kalki ist doof“ auf eine Tafel schreiben lassen. Das fand er super. Heute sind wir Freunde, wir treten zusammen auf, am Ende tobt das Publikum bei mir am lautesten.

Morgenpost Online: „Achims Hitparade“ gibt es nicht mehr. Sie stehen meistens auf der Bühne.

Mentzel: Genau, das ist wunderbar. Ich kann meine Familie ernähren, und ich bringe Menschen dazu, mal ein paar Stunden ihren Alltag zu vergessen.

Morgenpost Online: Können Sie einen Mann wie Wolfgang Petry verstehen, der auf dem Höhepunkt seines Erfolgs aufhörte?

Mentzel: Nein, kann ich nicht. So einer kann kein echter Musiker sein. Man sagt, Rex Gildo sei aus dem Toilettenfenster gesprungen, weil er in Möbelhäusern singen sollte. Ja ist das denn vielleicht ein Grund? Ich will, dass die Leute sich freuen, die freuen sich doch im Möbelhaus nicht weniger als in der Stadthalle.

Ich hatte aber auch nie ein Management, das mir einredet, wie großartig ich bin. Ich habe immer alles selbst gemacht. Ich kann nicht aufhören, ausgeschlossen. Es wird weniger werden, das schon, ich bin jetzt 65, Rentenalter, aber aufhören werde ich nie.

Morgenpost Online: Es muss doch etwas geben, das Sie nervt.

Ich hab den Pisa-Test bei Jörg Pilawa gewonnen. Da hat es niemand vom Sender für nötig befunden, mir zu gratulieren. Ich war wohl nicht der Richtige.

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