Gefallene Hollywood-Stars

Sheen nimmt Lohan die Skandal-Krone

Drogenexzesse bieten beide. Darüber hinaus fällt Lindsay Lohan aber nur mit Ironie auf. Charlie Sheen hängt sie mit Wahn und Morbidität als Skandal-König ab.

Foto: pa/dpa

Die Sonne schien schon um 8 Uhr morgens. Nur für Lindsay Lohan. Ihr Weg zum Gericht verlief wie gewohnt: Paparazzi-Hubschrauber über der Stadt folgten ihr auf dem Freeway. Dann betrat sie – umzingelt von Mikrofonen und Kameras – das Gerichtsgebäude am Flughafen LAX in Los Angeles in einem spektakulären, beigefarbenen Lederkleid und setzte das Gesicht „es ist ernst“ auf.

Bis vor ein paar Tagen war Lindsay Lohan die Königin der sublimen Inszenierung des Ruhms ohne Film, ohne Werk, ohne Produkt, ohne sogenannte Karriere. Sie war das schöne Problemkind in den neusten Klamotten. Ihre inzwischen neun Auftritte vor Gericht in den letzen zehn Monaten machten jedes Filmprojekt überflüssig. Gekonnt gab Lindsay Lohan jedes Mal eine unterschiedliche Rolle der Verzweifelten in Designer-Mode, mal punkig, mal ladylike. Aber stets fein. Wenn sie nach der Verhandlung durch die Fotografen- und Fantraube lief, hagelte es „Lindsay, du Schöne, Lindsay, wir lieben dich!“

Die Kunst der Lohan-Inszenierung galt als Messlatte, sie als Profi dieser Stilform. Doch seit einigen Wochen hat die Entertainment-Hauptstadt eine neue Form des Skandals. Lohans Aufführungen erhalten harte Konkurrenz. Falls auf dem Fernsehbildschirm unten das sogenannte „Breaking News“-Zeichen erscheint, handelt es sich derzeit nicht mehr um Lindsay Lohans Straftaten-Register. Auch nicht darum, ob in Libyen Bomben fallen. Dort steht nun „Polizei bei Charlie Sheen“.

Der Schauspieler hat innerhalb weniger Wochen eine „Droge namens Charlie Sheen“ (Charlie Sheen über sich) kreiert, die Lindsay Lohans Gerichtsbesuche mit möglichem Gefängnisgang wie bürgerliche Klassik-Konzerte aussehen lassen: hübsch anzusehen und zu hören, aber harmlos, weil das Gute und Schöne am Ende erwartet wird.

Es geht darum, ein bisschen vom Tod zu sehen

Was Sheen in den letzen Tagen jedoch an Skandal-Entertainment bot, war eine neue Dimension. Selbst Hollywood weiß gerade nicht so genau, ob es über Sheens Drogenfalten im Gesicht lachen oder weinen soll. Sheen hat einen öffentlichen Höllentrip begonnen. Gut enden soll der, wenn es gut läuft, nicht. Worte wie „rehab“ oder „Entzug“ fallen nicht mehr. Kontrollinstanzen wie Eltern, Ehefrauen oder Agenten sind außer Kraft gesetzt.

Es ging los mit Sheens getwittertem Hass auf seinen Boss bei CBS, dem Sender, der seine Erfolgsserie „Two and half Men“ produziert (Sheen verdiente 1,8 Millionen Dollar pro Folge). Darauf folgte ein TV-Interview in seinem Beverly-Hills-Anwesen. Sheen rauchte Kette und gab damit an, ein paar Gramm Kokain locker wegstecken zu können. Er lobte Pornostars, sprach von „ Tigerblut “, das er besitze, und empfand sich selbst als „Jet“, nicht mehr unbedingt als Mensch. Sein Gesicht schien nicht mehr das eines Lebendigen zu sein. Es ging nun darum, ein bisschen vom Tod zu sehen.

Damit erreichte er eine Menge Menschen in der Stadt. Und darüber hinaus. So viele, dass Sheen vergangenes Wochenende zu einer unerwarteten Investitionsquelle wurde: Ein texanischer Milliardär bot ihm an, in einem Internet-TV-Sender aufzutreten. Ein paar „Sendungen“ liefen: Sheen in seinem Wohnzimmer mit seiner Pornostar-Freundin, Sheen lästernd über „Trolls“, seine Gegner (also alle, außer seiner Freundin und ein paar Untertanen), Sheen als wahnsinniger Koch, der mit Messern fuchtelte und Steaks mit den „Tränen eines Jaguars“ briet. Schließlich hatte seine alte TV-Heimat CBS genug und feuerte ihn. Daraufhin holte der Schauspieler zum Gegenschlag aus und verklagte Warner Brothers im Namen seiner Crew auf die wahnsinnige Summe von 100 Millionen Dollar. Arbeitslosengeld in Hollywood.

Seine Selbsteinschätzung: Er sei jetzt ein „Performancekünstler“. Einer, der allerdings bald pleite sein könnte. Angeblich muss sich Sheen auf eine Finanzkrise einstellen. Er muss einige Ex-Frauen durchbringen, Unterhalt für seine fünf Kinder zahlen, die er voraussichtlich bald nicht mehr zu sehen bekommt.

Die drei Jungs, die an diesem Mittag vor seiner „gated community“ kampieren, interessieren sich allerdings für etwas ganz anderes: Sie sind seiner Ausschreibung im Internet gefolgt und wollen „Social media“-Praktikant bei ihm werden. „Falls er dann noch lebt“, sagt einer. Der andere: „Toll wäre es schon. Ich meine, wer will nicht so leben wir er? Den ganzen Tag nichts machen, Auto fahren und feiern.“

Die Jugend glaubt tatsächlich an Charlie Sheens Zukunft: 74.000 haben sich für das achtwöchige Praktikum beworben, 2,4 Millionen folgen ihm auf Twitter. Selbst Literaten fühlen sich ihm nahe: Bret Easton Ellis schwärmt geradezu von Sheen. Täglich parken TV-Trucks vor Sheens Haus, Paparazzi kurven in ihren Autos herum. Denn angeblich lässt Sheen in regelmäßigen Abständen einen Auserwählten in sein Haus. Irgendjemand muss ja Aufnahmen von der Hölle und seinem Kokain-Hirn machen.

Charlie Sheen als eine Art Klaus Kinski auf Performance-Tournee

Dagegen bleibt Lindsay Lohans feine Ironie beinahe unbemerkt. Ihr Lederkleidchen (725 Dollar wert), in dem sie zuletzt vor Gericht erschien, stammte von Raquel Allegra, einer jungen Designerin, die sonst Shirts aus der Kluft von Insassen des L.A.-County-Gefängnisses fertigt. Ein subtiler Hinweis, dass Lindsay Lohan in wirklich allem, also auch in Gefängniskleidung, gut aussieht?

Bis zum 25. März hat sie nun noch Zeit zu entscheiden, ob sie ihre Strafsache außergerichtlich beenden will oder ob sie auf „nicht schuldig“ plädiert. Sollte Letzteres der Fall sein, muss sie sich am 22. April wegen schweren Diebstahls und Verstoßes gegen ihre Bewährungsauflagen verantworten. Zur Erinnerung: Sie soll eine Kette bei einem Juwelier gestohlen haben. Da bleiben Lindsay Lohan, wie es aussieht, noch mindestens zwei Gelegenheiten, per Kleidung zu kommunizieren – bevor es sehr wahrscheinlich ins Gefängnis geht. Denn selbst die außergerichtliche Einigung, das hatte der Richter klargestellt, sieht eine Haft vor.

Charlie Sheen dagegen hält sich lieber an Macheten und Flaschen mit „Tigerblutsaft“ als Kommunikationsmittel. Vor ein paar Tagen konnte man ihn, mit beidem herumfuchtelnd, auf dem Dach der Firma Live Nation sehen. Offenbar hat er als Performancekünstler einen Tournee-Vertrag bei dem Konzertveranstalter unterschrieben. Titel: „My violent torpedo truth“. Premiere: 2. April in Detroit.

Wahrscheinlich muss man sich auf der Bühne eine Art Klaus Kinski vorstellen. Und zwar einen, der sich mit dem Publikum prügeln wird und dennoch vor ausverkauftem Haus spielt. In Charlie Sheens Show siegt Härte über Ironie. Und damit passt er ja dann doch ganz gut nach Hollywood.