Dschungelcamp

Peer Kusmagk - Es war einmal ein König

Vor einem Jahr verließ Peer Kusmagk das Dschungelcamp als Gewinner. Was hat er hinter den Kulissen der RTL-Show erlebt? Wir haben uns mit ihm zum Fernsehgucken verabredet.

Alles so schön grün hier. Sein Blick wandert von den Pappe-Palmen an der Decke über die Stuhlreihen zur Leinwand, dort, wo ein Dickicht aus Neid und Neurosen gerade als Kulisse für Deutschlands erfolgreichste Soap herhalten muss: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus.“ Wie lange wird es dauern, bis ihn die anderen Zuschauer erkennen? Ein paar Sekunden? Minuten? Oder erkennt man ihn überhaupt noch, ein Jahr, nachdem er das Dschungelcamp als Sieger verlassen hat?

Die „Bar zum Schmutzigen Hobby“ ist schon bis auf den letzten Stuhl besetzt, als Peer Kusmagk in einer verregneten Nacht im Januar zur Tür hereinplatzt. Ein Freund hat ihm den Tipp gegeben, dass man sich hier das Dschungelcamp mit anderen auf einer Leinwand anschauen kann. Public Viewing auf dem Gelände einer ehemaligen Eisenbahnerwerkstatt in Friedrichshain – mit der Dragqueen Nina Queer als Moderatorin. Das Publikum ist Mitte zwanzig, überwiegend männlich und trotz später Stunde hellwach. Der Showdown steht bevor: die tägliche Mutprobe. Eine Kandidatin streift sich eine Taucherbrille über. Gleich wird ihr jemand einen Kübel mit einer braunen Pampe über den Kopf gießen.

Doch bevor ihr der glibberige Schleim vom Kinn tropft, haben zwei Jungs den Mittdreißiger erkannt, der zu spät kommt und aus dem Augenwinkel die Reaktionen der Zuschauer scannt. Die Kinnpartie verschwindet unter Bartstoppeln, das Haar ist verwuschelt. So kennt man ihn aus dem Dschungelcamp. Bloß den Wollschal und das Sakko hat er dort nicht gebraucht.

Ein Schrei zerreißt die Stille: „Peeeer!“ Und spätestens jetzt haben ihn auch die anderen erkannt. Es ist eine Stimmung wie beim Finale der Fußball-WM. Jubeln, Pfiffe, Applaus. Peer Kusmagk zuckt im ersten Moment unmerklich zusammen. Dann hebt er die Hände und strahlt. Er hatte beinahe schon vergessen, wie sich das anfühlt, so ein Bad in der Menge.

Dabei ist es erst ein Jahr her, dass sich die Medien auf ihn stürzten. Sein Name war plötzlich wie ein Pop-up-Fenster aufgeploppt, ohne dass sich jemand daran erinnern konnte, den dazugehörigen Button angeklickt zu haben. Peer Kusmagk, das war der Blonde mit dem schwarzen Zylinder, der mit einem abgewetzten Stoffaffen namens Schotti in den Menschen-Zoo von RTL gezogen war.

Vom Radar der Medien verschwunden

Freunde der Vorabend-Soap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ (GZSZ) erinnerten sich vielleicht noch an ihn. Da spielte er seine erste Hauptrolle – und vorläufig auch seine letzte. Danach sah man ihn noch als Moderator des Sat.1-Frühstücksfernsehens. Er heiratete seine Kollegin Charlotte Karlinder und nahm einen Doppelnamen an. Man hörte etwas von einer Scheidung und davon, dass er sich mit einem französischen Restaurant einen Traum erfüllt hatte, im Wrangelkiez, an dem Ort, wo er vor 36 Jahren zur Welt gekommen war und wo er auch heute noch lebt, mit seiner neuen Freundin Bella. Dann war er vom Radar der Medien verschwunden.

Keiner hatte ihn als Favoriten auf dem Zettel, als er im Januar 2011 ins Dschungelcamp zog, im Schatten von Kandidaten, die sich im Blitzlichtgewitter zu Hause fühlten. Peer Kusmagk sagt heute, er habe sich keine Chance gegen seine Konkurrenten ausgerechnet. Gegen Rainer Langhans, den Alt-68er, gegen Katy Karrenbauer aus der RTL-Knastsoap „Hinter Gittern“ und auch nicht gegen Mathieu Carrière, den Berufsprovokateur. „Sogar meine große Schwester hatte sich darauf eingestellt, dass ich als einer der ersten aus dem Camp herausfliege.“

Es kam anders. Als Nobody zog Peer Kusmagk in den Dschungel, als Everybody's Darling kehrte er zurück: Ausgehungert, um sechs Kilo leichter als bei seinem Einzug, die Nerven blank gescheuert – eine aus Palmenblättern geflochtene Krone auf dem Kopf.

Ein Scheinwerfer, der ihn anstrahlt. Er bringt die Erinnerung an diesen Tag zurück. Ein Mikrofon schiebt sich ins Bild. „Peer, kann ich Dich mal was fragen?“ Ein TV-Journalist von „Stern TV“ (RTL), der an diesem Abend auch in der „Bar zum Schmutzigen Hobby“ ist, um einen Beitrag über den Hype um das Dschungelcamp zu drehen, nutzt die Gelegenheit für ein Interview. In einer Werbepause gesellt sich auch die Gastgeberin dazu: Nina Queer, pechschwarze Perücke, Dekolletée bis zum Bauchnabel. Sie kennt Peer Kusmagk nur aus dem Fernsehen, doch sie begrüßt ihn wie einen verschollen geglaubten Bruder.

Peer der I. genießt sein Heimspiel

Peer der I. genießt sein Heimspiel – heute vielleicht noch mehr als vor einem Jahr. Der Dschungelkönig sagt, er sei kaum aus dem Urwald heraus gewesen, da seien schon die Fragen der Journalisten auf ihn eingeprasselt. Da hatte er nun vierzehn Tage lang an einem Ort ausgeharrt, von dem er sagt, er habe nicht gewusst, was ihn dort erwartet: „Ganz ehrlich: Ich hatte die Sendung noch nie gesehen, als mich die Produktionsfirma gecastet hat.“ Als Chef eines Restaurants habe er zum Fernsehen keine Zeit.

Er hat viel geweint in dieser Zeit. Er sagt, er habe sich eben oft alleine gefühlt. Vielleicht musste er erst ans andere Ende der Welt reisen, um zu erkennen, wie weit er sich schon von dieser Branche entfernt hatte, die ihn nie mehr richtig losgelassen hat – bis heute nicht.

Zwar wird er nicht müde zu versichern, es sei weder die öffentliche Aufmerksamkeit noch das Geld gewesen, das ihn ins Camp gelockt habe. „Nach fünf Jahren am Herd hat mich eine neue Herausforderung gereizt.“ Doch das eine schloss das andere ja nicht aus. Er sagt, die anderen Kandidaten hätten den Dschungel als Bühne genutzt, um ihr eigenes Netz aus Liebe, Lügen und Intrigen zu spinnen. „RTL brauchte das nicht zu inszenieren.“ Er selber spielte das Spiel nicht mit. Konsequent weigerte er sich bis zum Schluss, sich auf die Seite derer zu schlagen, die sich gegen ein Mädchen verbündet hatten, das ihnen die Show zu stehlen drohte: Sarah Dingens.

Peer Kusmagk sagt, nach seinem Auszug habe er sich kaum vor Angeboten retten können. Eine Möbelhauseröffnung hier, ein Fototermin da. Doch die Anfragen ebbten schneller wieder ab, als die Palmenblätter seiner Dschungelkrone vertrockneten. Erst jetzt, ein Jahr danach, taucht er plötzlich wieder in den Medien auf. Vergangenen Montag sah man ihn bei „Hart, aber Fair“. Es ging nicht um die Grenzen des Reality-TV, es ging um Fastfood. Er kam nicht als König, sondern als Koch. Nächste Woche ist er bei Markus Lanz zu Gast. Und dann ist da noch die Krimiserie „Soko Leipzig“ . Das ZDF hat ihm eine Episodenrolle angeboten. Das war's.

Im anderen Film

Peer Kusmagk steht noch immer mit seinem Bier vor der Leinwand in der „Bar zum Schmutzigen Hobby“, doch die Bilder vom Kampf gegen die glibberige Pampe gehen an ihm vorbei. Er sagt, er sehe einen anderen Film als die übrigen Zuschauer.

Das Dschungelcamp, featuring Peer Kusmagk. Er sieht sich wieder selber, wie er meditiert, auf einem Bein stehend, die Hände vor der Brust zusammengepresst. Er sagt, das habe ihm Rainer Langhans beigebracht. Der einzige Kandidat, zu dem er heute noch Kontakt hält.

Überhaupt, der Rainer. Unter normalen Umständen wäre ihm der Apo-Opa mit seinen Geschichten über das Pudding-Attentat vielleicht auf die Nerven gegangen. Im Camp waren sie seine Rettung. Wie hätte er die vierzehn Tage im Camp bloß ohne sie überstanden. Die bleierne Langeweile, den Regen, der an den Nerven zehrte und das bohrende Gefühl im Magen, das ihm beinahe den Verstand geraubt hätte. „Der Hunger war echt die Hölle.“

Die Dschungelcamp-Party bei Nina Queer ist jetzt vorbei. Wir fahren in seinem klapprigen Renault zurück nach Kreuzberg, dort, wo er sich 2005 den Traum vom eigenen französischen Restaurant erfüllt hat: „La Raclette“. Es regnet noch immer, die Scheibe ist ein bisschen beschlagen. Der R 4 hat jetzt über 160000 Stundenkilometer auf dem Tacho und ein kaputtes Gebläse. Er ist ein Souvenir aus der Zeit nach dem Abitur.

Kusmagk brach nach Frankreich auf und blieb in einem Dorf in der Bretagne hängen. „Die Liebe“, sagt er und grinst. Er schlug sich durch mit Jobs in der Küche und als Animateur. Er sagt, so sei er erst zum Straßentheater und dann zum Schauspielstudium am berühmten Lee-Strasberg-Theatre in L.A. gekommen.

Restaurant ausgebrannt

Den Renault hatte er noch für 5000 Francs in Frankreich geschossen. In Berlin ist er bekannt. Vor einem Jahr erschien ein Foto von ihm in der Boulevard-Presse. Es zeigt ihn mit Plattfuß im Halteverbot vor dem Hauptbahnhof, ein Dutzend Knöllchen hinterm Scheibenwischer. Die Presse spekulierte damals über Schulden.

„Völliger Quatsch“, sagt Peer Kusmagk. Er parkt den R 4 vor seinem Restaurant. Bevor er aussteigt, greift er noch auf den Rücksitz. Dort liegt sein Talisman. Es ist die vertrocknete Krone des Dschungelkönigs. Über Geld redet er nicht. Aber mindestens 50.000 Euro soll ihm RTL gezahlt haben.

Eine Summe, die er gut gebrauchen konnte. Drei Monate zuvor war „La Raclette“ ausgebrannt. Es ist ein kleines, aber gemütliches Restaurant mit eigener Bar. Schwarz-Weiß-Bilder von Brigitte Bardot und Louis de Funès an den Wänden. Kaminholzscheite im Ladenfenster.

Obwohl Mittwoch ist, fliegen Teller mit warmem Ziegenkäse oder Zander hin und her. Der Chef geht von Tisch zu Tisch, um Hände zu schütteln. Das ist sein Reich, hier ist er der König. Fragt man den König nach der aktuelle Staffel und wie sie ihm gefällt, sagt er: „Na ja, interessante Kandidaten, aber es passiert kaum was.“ Er sagt, die Erwartungshaltung der Zuschauer sei noch nie so hoch gewesen, und daran seien die Kandidaten der letzten Staffel mit ihrem Intrigantenstadl Schuld. „Seither fragt man sich bei jeder Träne: Ist die echt?“