Giulia Siegel & Co

Das RTL-Dschungelcamp ist eine Bad-Taste-Party

Winfried Menninghaus ist Ekelforscher. Doch "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" findet er eher harmlos. Für den Berliner Wissenschaftler ist das Dschungelcamp vielmehr eine Bad-Taste-Party. Auch an den Ekel bei den Fernsehzuschauer will er nicht glauben. Und er kann von historischen Beispielen berichten.

Den Berliner Ekelforscher Winfried Menninghaus kann die RTL-Serie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ nicht schockieren. „Das ist ja alles perfekt harmlos, ein Arzt steht daneben, die armen Leutchen sind darauf getrimmt, ab und zu eine Träne fließen zu lassen“, sagte der Professor.

Er glaube auch nicht, dass sich beim Anblick der Dschungelprüfungen Ekel auf den Fernsehzuschauer übertrage. “Es führt eher zum Lachen. Diese kuriose Sauerei kann man aus sicherer Perspektive Chips essend beobachten."

Menninghaus verglich die Sendung mit einer Bad-Taste-Party. „Darin steckt immer der infantile Impuls, etwas zu tun, was man eigentlich nicht darf – was die Eltern oder die Gesellschaft insgesamt geschmacklos finden – und so einen Kick zu suchen“, sagte er.

Schon vor 200 Jahren habe es in künstlerischen Kontexten den Versuch gegeben, durch das Benutzen von Ekel-Phänomenen einen solchen neuen Kick zu erzeugen. „Und das wurde damals schon von der Kulturkritik abgewatscht als das äußerste an Geschmacklosigkeit.“ So gebe es Beispiele in der Literatur aus dem 18. Jahrhundert, in denen die Vorstellungskraft des Lesers durch Beschreibung von „extrem widerlichen“, ekelerregenden Begebenheiten „malträtiert“ werde. Dagegen sei diese Dschungelshow „wirklich harmlos".

Man sehe aber am Beispiel der Kandidaten, wie gut Ekelgefühle in vielen Fällen überwunden werden könnten. Dies könne einerseits wie bei Ärzten oder Pflegeberufen das Ergebnis längeren Trainings sein. „Man kann so etwas aber auch situativ generieren, indem man sich intellektuell darauf einstellt. Indem man sich also sagt: Das sind Maden, die werden mir schon nicht schädlich sein, ich mache das jetzt und das war’s dann„, erklärte der Wissenschaftler. In bestimmten Fällen sei dies allerdings nicht so leicht möglich: “In Hundekot würde man seine Nase nicht stecken.„

Menninghaus nannte die RTL-Sendung “einfach langweilig„. Möglicherweise werde er wissenschaftlich untersuchen, wie die Zuschauer ihre “Sehlust“ begründen. „Das würde mich interessieren“, sagte er.

Menninghaus ist Professor für Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Autor des Buchs “Ekel – Theorie und Geschichte einer starken Empfindung„.

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