Ekelshow

RTL-Dschungelcamp - In der Hölle der Trostlosigkeit

Hellmuth Karasek hat das RTL-Dschungelcamp gesehen. Hier schreibt er, warum er es nie wieder tun wird. Er entdeckte wackelnde Brüste und den Abgrund der privaten Fernsehunterhaltung und stellte zugleich fest, was die Privaten Gutes zu bieten haben.

Sie heißt Giulia, nein, nicht Julia, und sie heißt Siegel, also ist ihr Beruf Tochter (Tochter des Musikproduzenten), und da sie eine attraktive Frau ist, vor allem weil sie Mittel und Wege hatte, ihren Körper, ihr Gesicht, ihre Lippen, ihre Brüste dort, wo sie nicht ihren fotogenen Wunschvorstellungen entsprachen, vorübergehend zu einer Baustelle der Schönheitschirurgie mit den erwarteten Ergebnissen zu verwandeln, kann sie im Dschungelcamp mit den verbesserten Brüsten wippen. Sie ist ein trauriges Beispiel für die Kunst, die dem Leben mit dem Skalpell zu Leibe rückt.

Alle anderen Frauen oder solche, die es geworden sind, wie Lorielle London, die noch vor kurzem Lorenzo hieß und jetzt das Attribut „Die Frau mit dem Penis“ mit sich trägt, alle anderen Frauen wippen auch mit den Brüsten, um zu zeigen, dass auch Silikon dem Signal der Muskeln gehorcht. „Mausi“ Christina, die Ex des Baulöwen und Wiener Opernball-Mäzens „Mörtel“ (wie sich der Bau- und Partylöwe nennt, eine bescheidene österreichische Ausgabe des New Yorker Bauherrn Trump), wippt ebenfalls. Und auf einmal ist es, als ob nicht Spinnen und Kakerlaken, Schlangen und Käfer die beweglichsten Tiere sind, sondern die „Möpse“, die die Dschungelcamp-Frauen mit verzweifelter Fröhlichkeit hoch- und niederschaukeln lassen.

Nico Schwanz lässt nichts wippen. Er, dessen Name Moderator Dirk Bach immer wieder zu öden Kalauern von Glied und Schwanz inspiriert (man argwöhnt, er sei nur wegen seines Namens überhaupt eingeladen), bekommt im Camp einen Brief seiner Eltern zum Geburtstag: „Bleib, wie du bist.“ Tränen der Rührung laufen über sein Gesicht; er wird sich nicht wie Lorenzo zu Lorielle transformieren lassen. Sein Name verpflichtet, denn er heißt schließlich Nico.

"Du hast keine Chance, nutze sie“

Dirk Bach, einst ein dicker, freundlicher Komiker voller Selbstironie, wirkt inzwischen wie eine ausgebrannte Version von Hape Kerkelings Schwulen-Parodie: Man glaubt es wirklich nicht, was er gerade von sich gibt.

Günther Kaufmann, einst Fassbinder-Star, der den gutartigen Kraftprotz spielte, um dann für seine Frau einen Mord im Knast abzusitzen, den er nicht begangen hatte, ist inzwischen ein traurig verfetteter Underdog, und Ingrid van Bergen, die eine Eifersuchtstötung, die sie begangen hatte, absaß, auch sie ist im Dschungel so hoffnungslos von vorgestern wie Peter Bond, ein verflossener Softporno-Darsteller, der dann das „Glücksrad“ drehte und moderierte. Sie alle gehorchen dem Achternbusch-Prinzip: „Du hast keine Chance, nütze sie.“ Hätte ich das nicht für diese Zeitung sehen müssen, hätte ich die Erfolgssendung, die vierte Staffel der Reihe „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, abgeschaltet, noch ehe mich die große Depression erfasst hätte. Aber dem Niedergang und dem damit verbundenen Aufbäumen von lauter Nichtsen und lauter Nichtigkeiten zuzuschauen hatte ich anzuschauen zugesagt, und so hatte ich des Fernsehens ganzen Jammer eine Stunde lang von 22.15 bis 23.15 Uhr vor Augen. Vor allem die greise Ingrid van Bergen, einst ein Kraftweib und ein gefährlicher Kurzschluss der blinden Affekte, wirkte hier so erloschen – eine Beckettsche Endspiel- und Endzeitfigur –, dass man eine fürsorgliche Wohlfahrtsorganisation wünschte, die sie hier rausholte. Obwohl sie längst jenseits des Punkts angekommen war, an dem man noch eine Würde zu verlieren hat.

Doch wie die Gruppendynamik von Niedergetretenen lehrt, hat noch der Niedergeschlagenste die Niedertracht, auf anderen herumzutrampeln. Und so hackte auch van Bergen, ein grauer Unglücksvogel des Schreckens, ihren Schnabel in Giulia Siegel, die vorher unter ihren Insekten-, Ekel- und Wasserphobien zusammengebrochen war. Im Dschungelcamp ist man unter Geiern. Unter Aasgeiern!

Platsch! Das haste nun davon!

Die vierte Staffel des Ekelpakets steht im Zeichen des Jubiläums der Privaten. 25 Jahre RTL. Und so zündete in der Eigenwerbung mancher Prominente eine Kerze auf der Geburtstagssahnetorte oder warf sie in Slapstick-Manier einem anderen ins Gesicht. Platsch! Das haste nun davon! Auf der Banane ausrutschen ist komisch, und Kakerlaken den anderen in die Unterwäsche zu pressen, ist, das wissen wir schon seit „Max und Moritz“, die dem Onkel Fritz Maikäfer unter die Decke steckten, ein Anlass zur Schadenfreude. Zum Jubiläum der Privaten wurde viel von ihrer innovativen Wirkung gesprochen.

Am Abend des Dschungelcamps, das ich sehen musste, habe ich mich mit Freude durch Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ geraten. Und habe diese Innovation, die schon in die Jahre geht, wirklich genossen. Gegen Jauchs persönliche Begegnungen und Psychoschlachten mit den Kandidatinnen wirkt das Erste mit Pilawa oberflächlich privat. Ein Abklatsch im Harmlosen. Ich habe mir auch anschließend Rachs Kochsendung angesehen. Auch sie ist gegen die Kochlöffelschwingerei und Rezeptangeberei in den Öffentlich-Rechtlichen innovativ.

Da kommt der Hamburger Sternekoch als Erste Hilfe in eine Küche, in der es nach ranzigem Fett stinkt und Fertiggerichte in der Mikrowelle aufgewärmt werden. Pfui Teufel. Und es hat etwas vom Märchen von der Zauberfee, wie er den Unbedarften, aber Gutwilligen auf die köchelnden Sprünge hilft. Auf keine großen, aber doch. Aber dann kam das „Dschungelcamp“ in Australien. Ein absoluter Abgrund der privaten Fernsehunterhaltung. Eine Verständigung auf niedrigstem Niveau. Unter Kellerasseln, die schon Jahre lang ans Licht wollen und es nicht können. Mehlwürmer der Fernsehunterhaltung, die sich fressen und gefressen werden.

Eine Hölle der Trostlosigkeit

Was das von „Deutschland sucht den Superstar“ und der Suche nach dem Supermodel unterscheidet? Die Sendungen (Leuchttürme des privaten Fernsehens) sind zwar sozialdarwinistisch wie die Wirklichkeit und dabei auch noch ungerecht. Aber sie sind in die Zukunft gerichtet. Junge Menschen, die Karriere machen wollen, und die Dieter Bohlens oder Heidi Klums, die Karriere gemacht haben, gnadenlos begleiten oder abschrecken. Daumen rauf, Daumen runter! Wie im Kolosseum, wie bei den Gladiatoren. Nur dass man am Ende nicht den Löwen zum Fraß vorgeworfen wird, sondern für wenige der Hoffnungsschimmer einer Karriere winkt. Weg von Hartz IV.

Dagegen ist das Dschungelcamp eine Hölle der Trostlosigkeit, und hier entdeckt man, dass die Privaten in Wahrheit nur eine einzige Entdeckung gemacht haben. Die der Quote! Die der Mehrheit auf Teufel kommt raus! Nur ist es hier keine Quote, die irgendeine Hoffnung verheißt. Außer der der Niedertracht. Nichts an den Staffeln ist innovativ, außer zehn Millionen (aus der ersten Staffel und 6,5 Millionen jetzt) zynisch schadenfroher Zuschauer. Man serviert einen Cocktail mit dem Bestandteil Känguru-Penis. Es ist nicht nur infantil, es ist buchstäblich zum Kotzen. Unterschichtenfernsehen sagt man, sagt Harald Schmidt. Man meint Heruntergekommene und kommt selbst herunter, wenn man ihnen ein zuschauender Komplize wird. Alles, was dabei herauskommt, ist abgekupfert, verflacht, um seine Idee gebracht, auf Riesenquoten ausgewalzt. Zum Beispiel Rüdiger Nehbergs Überlebensstrategien, ohne die Hilfe der Supermärkte und Superzivilisation mit Eiweiß von Würmern zu überleben. Wie überlebt man in der Natur, wenn man total auf sie zurückgeworfen wird?

Ein Disney-World des Ekelhaften

Hier im Dschungelcamp taucht man in Plastikwannen in den Schlamm, frisst Kakerlaken und Würmer, um Sterne für ein Fast-Food-Kantinenessen zu gewinnen. Die Abenteuerurlauber, die Sehnsucht der Welteroberer und Weltentdecker („die Vermessung der Erde“) wird auf einem Plastikspielplatz nachempfunden. Disneyworld des Ekligen. Auch früher gab es Schlammschlachten im Bikini, Jahrmarktattraktionen gefährlicher Achterbahnen. Es gab Terror von Gruppen in Internaten oder Militärcamps. Heute, bei RTL, freuen sich Abgehalfterte hämisch, wenn man andere Abgehalfterte mit Spinnen oder Ratten übergießt, wobei sie im Fernsehen nicht mal mit dem Gestank der Ekelhaftigkeit behaftet sind. Fernsehen riecht nicht, Fernsehen ist nicht unerträglich heiß, voller Dämpfe und Gefahren. Es ist von trostloser Banalität.

Als Giulia (für ihr Comeback oder auch nur, um ihre Miete in München bezahlen zu können) mit Ungeziefer überschüttet wurde, das offenbar zur Herzlosigkeit gedopt war, als sie in jenem Plexiglasmöbel steckte, jenes absurde durchsichtige Plastikmöbel, in dem ihr Ratten, Spinnen, Kakerlaken in die Pofalte und den Büstenhalter und in den Gummizug des Schlüpfers krochen, sang sie in einer Art verzweifelter Selbsttherapie wie ein Kind im Wald, was ihr gerade in den Sinn kam. Die Nationalhymne und das kitschige Erfolgslied ihres Herrn Papa: „Ein bisschen Frieden“. Und Dirk Bach, der sich um ihre Panik betrogen sah, kommentierte das: „Nun wird sie auch noch für die Tantiemen ihres Vaters tätig.“

Nein, wenn ich nicht muss, schaue ich mir das nie mehr an. Über so platte und niedrige Instinkte wie die, an die die Sendung appelliert, möchte ich nicht verfügen. Jedenfalls möchte ich es nicht wissen. Dschungelcamp bitte nicht mit mir. Nicht einmal aus der TV-Ferne!

Alles rund um das Dschungelcamp finden Sie hier.

Die wöchentliche Morgenpost-Kolumne von Hellmuth Karasek finden Sie hier.