Gesundheit

Klimawandel: Wie Stadtplanung vor Hitzetoten schützen kann

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Sebastian Kohler
Der Sommer 2022 war extrem heiß und trocken

Der Sommer 2022 war extrem heiß und trocken

Hitzewellen bis in den hohen Norden, ausgetrocknete Flüsse und verdorrte Felder: Deutschland hat in diesem Jahr laut einer ersten Bilanz des Deutschen Wetterdienst (DWD) einen der trockensten und heißesten Sommer seit Aufzeichnungsbeginn erlebt. IMAGES AND SOUNDBITES

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Ständig neue Hitzerekorde hat Deutschland in den letzten Jahren erlebt. Die Folge: viele Hitzetote. Bäume könnten die Gefahr senken.

Berlin. Frostig war es Mitte Dezember 2015 als die Weltgemeinschaft zusammen kam, um das Pariser Klimaabkommen zu verabschieden. Statt wie damals beschlossen, steuert die Erde nicht auf eine durchschnittliche Temperaturerhöhung von 1,5 Grad Celsius zu, sondern droht laut den schlimmsten Prognosen drei bis vier Grad wärmer zu werden.

Die vergangenen Sommer gaben eine Vorahnung davon, wie künftige Hitzewellen aussehen könnten. Der und seine Folgen kosten bereits jetzt regelmäßig Tausende Menschen hitzebedingt das Leben. Zumindest in deutschen Städten erscheint eine Maßnahme geeignet, heißes Terrain effektiv abzukühlen.

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Neuesten Erkenntnissen zufolge können Bäume im urbanen Raum echte Lebensretter sein. Eine im medizinischen Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass die Zahl der Hitzetoten um 40 Prozent gesenkt werden könnte. Voraussetzung dafür wäre eine Verdoppelung der Baumfläche von derzeit rund 15 Prozent des Stadtgebiets auf 30 Prozent. Das grüne Blätterdach sorgt laut den Studienautoren demnach für eine Abkühlung um durchschnittlich 0,4 Grad.

Tod durch Hitze: Gefährliche Inseln und wie Bäume dagegen helfen

Dass begrünte Stadtgegenden Entspannung von sommerlichen Höchsttemperaturen bieten, ist bereits seit längerem bekannt. Innovative Stadtplanung und Architektur haben sich auf die Gegebenheiten immer neuer Rekordtemperaturen eingestellt und mit Prestige-Projekten wie dem "Bosco Verticale", zu Deutsch: Senkrechter Wald, nachgewiesen, wie effektiv klimaresiliente Architektur sein kann.

Künftige Architektengeneration sollten aus der Innovation dringend Inspiration ziehen. Denn gerade in urbanen Ballungsräumen können sich aufgrund mangelnder Vegetation und klimaschädlicher Baumaterialien sogenannte Hitzeinseln bilden. Eine Studie der Universität Bologna zeigt auf, dass sich städtische Hitzeinseln in Bodennähe um zehn bis 15 Grad mehr aufheizen als nahegelegene Grünflächen.

Hitzewelle 2018 kostete 8700 Leben – Stadtplanung kann vorbeugen

Alleine während der europäischen Hitzewelle 2018, die Deutschland 18 Tage in Serie Temperaturen über 30 Grad Celsius bescherte, starben einer Beobachtungsstudie von Wissenschaftlern des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Deutschen Wetterdienstes (DWD) rund 8700 Menschen an den Folgen extremer Hitze. Noch folgenreicher waren die Hitzewellen in den Jahren 1994 und 2003. Jeweils 10.000 Hitzetote ermittelten die Wissenschaftler jeweils. Zahlreiche weitere Menschen litten unter gesundheitlichen Folgen der Hitze.

Da Mediziner als Todesursache in der Regel ein Herz-Kreislauf-Kollaps oder ähnliche kardiologische Erkrankungen diagnostizieren, stützt sich die Studie auf eine rechnerische Annäherung anhand von Hitzekurve und Sterblichkeitsrate. Besonders anfällig sind ältere Menschen sowie Patienten mit Vorerkrankungen, vor allem des Herz-Kreislaufsystems.

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Ein gutes städtplanerisches Werkzeug, um Hitzeinseln herunterzukühlen, ist also bereits vorhanden. Bäume spenden nicht nur angenehmen Schatten und damit Schutz vor gleisender Sommersonne. Wie der Mensch scheidet auch der Baum Wasser aus, um den Organismus zu kühlen. Im Durchschnitt verdunstet ein herkömmlicher Stadtbaum rund 400 Liter Wasser pro Tag. Die evaporierte Flüssigkeit kühlt dabei die Umgebungsluft ab und sorgt so für Linderung bei hohen Temperaturen.

Deutsche Bäume äußerst wertvoll: Bis zu 12 Grad kühlere Luft

Am Institut für Atmosphäre und Klima in Zürich haben sich Wissenschaftler angeschaut, wo der Luftkühler-Effekt durch Bäume in Europa besonders wirksam eingesetzt wird. Das Forscherteam verglich in der Studie von 2021 anhand von Wärmebildern aus Satellitendaten, wie effektiv Bäume die Umgebungsluft in verschiedenen Regionen abkühlen. Mit acht bis zwölf Grad Temperaturdifferenz schnitt dabei der mitteleuropäische und alpine Raum am besten ab.

Analysiert wurden unter anderem 36 deutsche Städte. Lediglich die Slowakei und Österreich zeigten einen noch wirksameren Kühlfaktor auf, dabei wurden in beiden Ländern nur zwei beziehungsweise vier Testproben herangezogen. Besonders wirksam kühlen Bäume die Umgebungsluft dort, wo sie in einem Grünstück wurzeln. Klimaresistente Baumarten wie die Robinie, die Große Küstentanne oder die Japanische Lärche erweisen sich als besonders wertvoll, denn sie entziehen dem Boden wenig Wasser und sind vor Hitzeschäden besser geschützt als typisch deutsche Bäume.

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Weniger glücklich dürften Stadtplaner im Süden Europas über die Forschungsresultate sein. Im mediterranen Raum und in der Türkei beobachteten die Züricher Wissenschaftler eine durchschnittliche Abkühlung um null bis maximal vier Grad. Als effektiver erweisen sich Bäume in Bewaldungen, hier ist der Kühlfaktor südeuropäischer Bäume deutlich stärker ausgeprägt. Besonders angenehm für Mitteleuropäer: Hiesige Bäume laufen angesichts brütender Hitze zu Topform auf. Solange es im Frühling und Herbst noch frischer zugeht, ist ihr Kühleffekt dem südeuropäischer Bäume nicht gewachsen.