Kinderkliniken

Anstieg der Lungenerkrankungen: Kinderkliniken am Limit

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Miguel Sanches
Covid-19, Grippe oder Erkältung: Diese Unterschiede gibt es

Covid-19, Grippe oder Erkältung: Diese Unterschiede gibt es

Erkältung, Grippe und Covid-19 ähneln sich stark. Welche Unterschiede gibt es bei Ansteckung, Symptomen und Dauer?

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Die Kinderkliniken arbeiten längst am Limit. Nun steigt auch noch die Zahl der Atemwegsinfektionen. Sind sie eine Spätfolge von Corona?

Berlin. Nichts geht mehr in Münster. "Hier ist die Hölle los", sagt der Kinderarzt. "Wir lagern einzuweisende Kinder schon nach Rostock aus.“

"Wir schaffen es nicht, unsere Kinder altersadäquat zu versorgen", klagte Beatrix Schmidt, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Berliner St. Joseph Krankenhaus schon im März.

Zwischen beiden Alarmrufen liegen 500 Kilometer Luftlinie und acht Monate Abstand. Der Notstand in der Pädiatrie ist nicht neu, sondern Dauerzustand. Er ist keine regionale Ausnahme, sondern bundesweit Realität. Für Fachleute war seit Monaten vorhersehbar, dass sich die Lage zuspitzen würde. An Warnungen fehlte es nicht.

Nun laufen zwei Entwicklungen zusammen: der anhaltende Bettenmangel in den Kliniken und ein verfrühter Anstieg von Atemwegserkrankungen. Wie Reinhard Berner, Direktor der Dresdner Kinderklinik, der "Tagesschau" berichtete, sind die meisten Kinder, die deshalb ins Krankenhaus kommen, mit dem so genannten Humanen Respiratorischen Synzytial-Virus infiziert, kurz: RSV.

Es ist ein weitverbreitetes Virus und vergleichsweise harmlos. Für Erwachsene fühlt sich die Erkrankung wie eine leichtere Erkältung an. Kinder reagieren da schon empfindlicher. Unter sechs Monaten ist das Risiko für einen schweren Verlauf am größten. Bei Kindern rächt sich nicht zuletzt, dass ihr Abwehrsystem während der Corona-Pandemie, sagen wir mal: nicht trainiert wurde.

RSV-Infektion: Warum Kinder besonders anfällig sind

Darauf macht Robin Kobbe aufmerksam, der als Kinderarzt am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und dem Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg forscht. Vor Corona hätte die überwiegende Mehrheit der Kinder schon in den ersten zwei Lebensjahren eine RSV-Infektion durchgemacht, zum Teil mehrmals. Nun aber werden viele im Kindergartenalter erstmals infiziert.

Der Anstieg der Infektionen macht sich deshalb vor allem auch in den Kinderkliniken bemerkbar – viele Krankenhäuser können schon jetzt keine neue Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen. "Wir sehen aktuell eine deutliche Zunahme der Atemwegsinfektionen", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch, gegenüber unserer Redaktion. Das Coronavirus spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle, den größten Anteil würden Infektionen mit dem RS-Virus ausmachen, so Dötsch.

"An einem Großteil der Tage sind die Klinken so voll, dass keine Kinder mehr aufgenommen werden können und neue Fälle in andere Kliniken verlegt werden müssen", sagt der Mediziner. Auf die Eltern kämen aktuell durch lange Wartezeiten, Verlegungen oder Absagen von verschiebbaren Behandlungen große Unannehmlichkeiten zu. Dennoch könne aktuell garantiert werden, dass Kinder mit schweren oder sogar lebensbedrohlichen Erkrankungen vorgezogen und schnell behandelt werden könnten.

Entspannung der Situation an den Kinderkliniken nicht in Sicht

Laut RKI-Wochenbericht wird derzeit bei 58 Prozent aller null- bis vierjährigen Kinder, die mit einer schweren Atemwegserkrankung in Kliniken behandelt werden müssten, eine Infektionen mit der RS-Virus festgestellt. Ein Grund für die hohen Infektionszahlen sei laut Dötsch die Tatsache, dass es durch die Corona-Schutzmaßnahmen vor zwei Jahren kaum RSV-Infektionen gegeben habe und es deshalb immer noch zu einem gewissen "Aufholeffekt" komme.

Eine Entspannung der Lage ist aktuell nicht in Sicht. "Wir erwarten, dass die Situation noch eine ganze Weile so bleiben wird", sagt Dötsch. "Wir sind aktuell erst am Beginn des Winters und damit der Zeit der Atemwegsinfektionen." Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sei auch die Frage, wann und wie stark die Grippewelle in diesem Winter komme. "Die Hoffnung ist natürlich, dass wir zu dem Zeitpunkt den Gipfel der RSV-Infektionen überschritten haben werden", so Dötsch.

RSV-Infektion: Was sie mit Corona zu tun haben könnte

Die Virologin Isabella Eckerle warnt allerdings via Twitter vor der Vorstellung, es gebe ein "Infektions-Konto", dass man abarbeiten müsse, damit man am Ende des Jahres bei null sei. Wer sich weniger anstecke als der Durchschnitt, müsse das nicht später nachholen.

Mitunter vermuten Fachleute, dass Corona im Immunsystem Schäden verursacht hat, die sich als Spätfolgen bemerkbar machen. Den Verdacht gibt es auch bei Erwachsenen; viele machen darin eine Ursache für die zuletzt überraschend gestiegenen Sterbezahlen.

Entspannung ist in den Kinderkliniken nicht in Sicht. Berner geht davon aus, dass die Fallzahlen steigen werden – schon wegen des grassierenden Influenza-Erregers. Die Grippewelle, die meist im späten Winter einsetzt, nimmt Fahrt auf, sodass gleich drei Viren die Kinderkliniken auf Trab halten: Covid-19, RSV und Influenza.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de