Pandemie

Corona: Müssen sich Infizierte bald nicht mehr isolieren?

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Julia Emmrich
Lauterbach empfiehlt vierte Corona-Impfung auch Unter-60-Jährigen

Lauterbach empfiehlt vierte Corona-Impfung auch Unter-60-Jährigen

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) empfiehlt auch Menschen unter 60 Jahren eine vierte Corona-Impfung. Damit geht er über die Empfehlungen von EU und Ständiger Impfkommission hinaus.

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Die Omikron-Welle führt zu massenhaften Personalausfällen. Die FDP will deswegen jetzt die Isolationspflicht beenden. Das gibt Streit.

Berlin. 
  • Wegen der Ausbreitung des Omikron-Subtyps BA.5 steigen die Corona-Zahlen in Deutschland derzeit wieder an
  • Das trifft auch die Wirtschaft, denn vielerorts fallen Arbeitskräfte aus
  • Die FDP regt daher nun an, die Isolationspflicht für bestimmte Infizierte auszusetzen

Noch nie mit Corona infiziert? Noch nie ein positives Testergebnis? Solche Menschen geraten in diesem Sommer in die Minderheit. Die Omikron-BA.5-Welle erwischt jetzt reihenweise auch diejenigen, die sich bislang schützen konnten, viele andere auch zum zweiten Mal. Die Folge: Mehr Patienten in den Kliniken – und gleichzeitig massive Personalausfälle in nahezu allen Branchen. In der Ampelkoalition bahnt sich deswegen Streit an: Sollte die Isolationspflicht für Infizierte fallen?

Omikron: Wie hoch ist die Sommerwelle wirklich?

Mehr als 30 Millionen Corona-Fälle hat das RKI seit Beginn der Pandemie in Deutschland gezählt. Darunter sind auch Fälle, die ein und dieselbe Person betreffen, weil sich jemand zwei- oder sogar dreimal angesteckt hat. Grob überschlagen lässt sich deswegen sagen: Jeder dritte Deutsche hatte schon Corona. Nach offiziellen Daten.

In Wirklichkeit aber liegt die Quote noch deutlich höher. Denn: Das RKI zählt nur die Infektionsfälle, die per PCR-Test nachgewiesen und dann den Gesundheitsämtern übermittelt wurden. Wer keinen PCR-Test, sondern nur einen Schnelltest macht, wird nicht registriert.

Ein gutes Mittel, um die Dunkelziffer abzuschätzen, sind die Abwasseruntersuchungen: In der Stadt Köln etwa, die an einem EU-Projekt zur Corona-Kontrolle über Abwasseranalysen teilnimmt, wurde in der aktuellen Omikron-Sommerwelle auf diese Weise festgestellt, dass nur die Hälfte der Infektionen über das Meldesystem erfasst wurde.

Ende Juni, als die offizielle Inzidenz bei 800 lag, ergab die Abwasseranalyse eine tatsächliche Inzidenz von über 1500. „Man bekommt ein Echtzeitlagebild von der pandemischen Situation“, sagt Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes und Mitglied im Expertenrat der Bundesregierung.

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Klinikbetten und Personalausfälle: Wie stark ist die Belastung durch BA.5?

Die deutschen Krankenhäuser geraten immer stärker unter Druck: „Die Belastung steigt stetig, der deutliche Mehraufwand durch die Pflicht zur Isolation nimmt zu“, sagte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) unserer Redaktion. In deutschen Krankenhäusern werden derzeit mehr als 1300 Patienten mit Covid-19 auf den Intensivstationen und rund 17.000 auf den Normalstationen behandelt.

Das seien 7,7 bzw. 15,4 Prozent mehr als in der Vorwoche, so Gaß. Die absolute Patientenzahl sei damit doppelt so hoch wie zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Mit steigenden Infektionszahlen steige zudem vor allem auch die Anzahl infizierter Krankenhausmitarbeiter. „In zahlreichen Krankenhäusern müssen planbare Operationen daher verschoben und zeitweise ganze Bereiche abgemeldet werden“, warnte Gaß. Allen sei klar, dass die täglich gemeldeten Infektionszahlen nicht die tatsächlichen Infektionen abbilden und sich dieser Effekt durch verändertes Melde- und Testverhalten sicher noch verschärft hat.

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Doch nicht nur die Kliniken sind stark belastet – auch andere Branchen leiden unter Personalengpässen durch infizierte Mitarbeiter, vor allem dann, wenn sie sowieso schon wegen des Fachkräftemangels unter Druck stehen. Im Hotel- und Gaststättenbereich, in den Kitas, in der Pflege. Die Omikron-Variante des Coronavirus habe so viel Arbeitsausfall verursacht wie keine Corona-Variante zuvor, erklärte die Krankenkasse DAK am Freitag Laut Barmer-Krankenkasse stieg die Zahl der Corona-Arbeitsunfähigen je 10.000 Versicherten von 64 Personen Anfang Juni um fast 100 Prozent auf 123 Personen Anfang Juli.

Streit in der Ampel: Kippt jetzt die Isolationspflicht?

Kassenärzte-Chef Andreas Gassen fordert das seit langem. Am Wochenende legte er nach: Die Isolationspflicht sollte aufgehoben werden, dadurch würde die Personalnot vielerorts gelindert. Wer krank ist, solle zu Hause bleiben, wer sich gesund fühle, zur Arbeit gehen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) widersprach umgehend: „Infizierte müssen zu Hause bleiben. Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen noch mehr, sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko.“

In der FDP sehen das viele komplett anders: „Ich halte es für richtig, über das Ende der Isolationspflicht zu diskutieren“, sagte FDP-Vize Wolfgang Kubicki dieser Redaktion. Es sei überfällig, den Menschen diese Entscheidung wieder zu überlassen – so, wie es andere europäische Länder schon längst getan hätten.

„Der Grundsatz ‚Wer krank ist, soll zu Hause bleiben’ mag für manche revolutionär klingen, war allerdings vor der Corona-Pandemie gesellschaftliche Normalität“. FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann sieht das ähnlich: „Die Isolationsdauer sollte keine staatliche Vorgabe sein, sondern wieder eine medizinische und individuelle Entscheidung.“ Ullmann forderte, das künftig Ärzte die Dauer der Isolation und Krankschreibung festlegen sollten.

Die Grünen dagegen wollen genauso wie Lauterbach im Prinzip an der Isolationspflicht festhalten: „Wer Corona hat, muss zuhause bleiben. Wenn Menschen zur Arbeit gehen, sollten sie nicht der Gefahr ausgesetzt sein, sich anzustecken“, sagte Grünen-Gesundheitspolitikerin Saskia Weishaupt dieser Redaktion. „Wir schlittern in einen Herbst, wo die Quarantäne- und Isolationsregeln besonders wichtig werden und letztlich Menschenleben retten werden.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.