Katastrophe

Wie der Todesflug vom Bodensee Angehörige bis heute prägt

| Lesedauer: 4 Minuten
Jonas Erlenkämper
So wahrscheinlich ist ein Flugzeugabsturz

So wahrscheinlich ist ein Flugzeugabsturz

Viele Menschen sind von Flugangst geplagt. Dabei wissen Sie, dass diese Angst eigentlich unbegründet ist, da das Flugzeug als das sicherste Verkehrsmittel gilt. Warum das so ist, sehen Sie im Video.

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Überlingen gedenkt einer Jahrhunderttragödie: Vor 20 Jahren kollidierten zwei Flugzeuge. Eine Katastrophe mit mörderischen Folgen.

Überlingen. Es ist Nacht geworden über dem Bodensee, als plötzlich ein unheimliches Grollen die Menschen in ihren Betten hochschnellen lässt. Ein Feuerball erhellt den Himmel, bald darauf regnet es brennende Wrackteile – und menschliche Körper.

Wie sich nach und nach herausstellt, sind damals, am 1. Juli 2002, bei Überlingen eine russische Passagiermaschine und ein DHL-Frachtflugzeug in der Luft zusammengestoßen.

Dass sich über ihren Köpfen eine Jahrhunderttragödie ereignet hat, wird vielen erst klar, als die Sonne aufgeht. Bergetrupps durchstreifen Wiesen und Wälder. Sie entdecken eine aus einem Garten ragende kohlende Tragfläche, unter einem Apfelbaum liegen Koffer. Überall sind Leichen. Ein Opfer hängt in einem Baugerüst, in einem Getreidefeld finden die Helfer eine tote Frau in Stewardess-Uniform.

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Kollision am Bodensee: Fluglotse begeht Fehler

Am Freitag, dem 20. Jahrestag des Unglücks, gedenkt Überlingen der Katastrophe. Der 78-jährige Hans-Peter ­Walser, damals Polizeidirektor in Friedrichshafen, erinnert sich an Treffen mit Hinterbliebenen: „Das war so ergreifend“, berichtet er. „Das waren sehr berührende Begegnungen.“

71 Menschen sterben in den beiden Maschinen, es gibt keine Überlebenden. Unter ihnen sind 49 Schulkinder aus der russischen Millionenstadt Ufa auf dem Weg in den Badeurlaub in Spanien. Sie verlieren ihr Leben aufgrund einer bedrückenden Verkettung von menschlichem Versagen und technischen Pannen: Minutenlang waren das Boeing-Frachtflugzeug und die russische Tupolew aufeinander zugeflogen, doch der zuständige Lotse am Flughafen Zürich, ein damals 34-jähriger Däne, reagiert zunächst nicht.

Entgegen der Vorschriften ist er alleine im Kontrollraum, sein Kollege holt gerade Kaffee. Radar und Telefon funktionieren wegen Wartungsarbeiten nicht richtig. Das drohende Unglück bemerkt der Mann zu spät. Als der Fluglotse 45 Sekunden vor der Kollision endlich handelt, sind seine Kommandos an die Piloten missverständlich. Es kommt zum Crash.

Katastrophe von Überlingen: Hinterbliebener ersticht den Fluglotsen

Der Fluglotse verursacht ein Desaster mit mörderischen Folgen. Der russische Bauingenieur Witali Kalojew (66) reist nach der Schocknachricht umgehend nach Deutschland, um nach seiner Familie zu suchen. Er findet seinen zehnjährigen Sohn, seine 42-jährige Frau und seine vierjährige Tochter – das Mädchen hängt in einem Baumwipfel.

Den Verlust kann der Mann nicht verwinden, er sucht nach einem Schuldigen. Zwei Jahre später fährt er von Rachedurst getrieben in die Schweiz, fragt sich zum Wohnhaus des Fluglotsen durch und ersticht ihn vor den Augen seiner Frau und Tochter.

Kalojew kommt in Haft und macht in seiner Heimat nach der vorzeitigen Entlassung Karriere: Er wird Vizebauminister der Kaukasusrepublik Nordossetien-Alanien. 2018 heiratet Kalojew erneut, mit seiner zweiten Frau hat er zwei Kinder.

Angehöriger sieht seine tote Schwester als Schutzengel

Ob er zur Trauerfeier nach Überlingen kommt, ist unwahrscheinlich. „Ich rechne eigentlich nicht damit, dass mehr als zwei Familien zu den Gedenkveranstaltungen anreisen“, sagt Nadja Wintermeyer, die als Vorsitzende des Vereins Brücke nach Ufa an die Opfer der Flugzeugkata­strophe erinnert.

Einer, der unbedingt kommen möchte, ist Taras Kostenko. Der 42-Jährige verlor vor 20 Jahren seine Schwester. Ein Schicksalsschlag, der Kostenko bis heute prägt. Vor Kurzem führte ihn das nächste Fiasko ausgerechnet in jene Region, in der die Schwester ums Leben kam: Bis der Krieg kam, lebte er mit seiner Frau und zwei Söhnen in der Ukraine. Unlängst flüchtete die Familie an den Bodensee. Nadja Wintermeyers Verein hat dabei geholfen.

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„Meine Schwester ist jetzt so etwas wie ein Schutzengel für unsere Familie. Sie hat uns hergeführt“, glaubt Kostenko. Und er findet: „Das hat etwas Schicksalhaftes.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.