Gesundheit

Studie: Vitamin D könnten Tausende Krebstote verhindern

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Kai Wiedermann
Darmkrebs-Heilung bei allen Probanden: US-Studie macht Hoffnung

Darmkrebs-Heilung bei allen Probanden: US-Studie macht Hoffnung

In einer Medikamenten-Studie gelang es US-Forschenden, alle Teilnehmenden von ihrer Darmkrebs-Erkrankung zu heilen. Ist das der lang ersehnte Durchbruch? Wir klären auf.

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Lebensmittel lassen sich mit Vitamin D anreichern. Das könnte laut Studie Tausende Krebstote verhindern. Verbraucherschützer warnen.

Berlin. Das systematische Anreichern von Lebensmitteln mit Vitamin D in Europa könnte mehr als hunderttausend krebsbedingte Todesfälle pro Jahr verhindern. Das haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) berechnet. Die Ergebnisse ihrer Studie sind im Fachmagazin „European Journal of Epidemiology“ erschienen.

Die Analysen großer randomisierter Studien haben den Angaben zufolge gezeigt, dass die Einnahme von Vitamin D-Präparaten die Sterberaten an Krebs um etwa 13 Prozent senkt. „Vitamin D verringert nicht das Krebserkrankungsrisiko, aber es verringert das Risiko, an einer Krebserkrankung zu versterben“, sagt Tobias Niedermaier, einer der Studienautoren aus der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am DKFZ in Heidelberg.

Vitamin D unterdrückt krebsfördernde Faktoren und Entzündungsreaktionen

Vitamin D hat Niedermaier zufolge vielfältige Effekte auf das Immunsystem. Es unterdrücke krebsfördernde Faktoren, sogenannte Onkogene, und chronische Entzündungsreaktionen. „Die Annahme ist, dass durch die Effekte von Vitamin D auf das Immunsystem und insbesondere auf Krebszellen die Wahrscheinlichkeit steigt, eine Krebserkrankung zu überleben - immer ergänzend zu den etablierten Therapien, keineswegs als Ersatz.“, sagt Niedermaier weiter. Lesen Sie auch: Biontech meldet Fortschritte im Kampf gegen Krebs mit mRNA

Für die Untersuchung sammelte das DKFZ zunächst Informationen über die Richtlinien zur Nahrungsmittelergänzung von Vitamin D aus 34 europäischen Ländern. Zudem ermittelten die Wissenschaftler aus Datenbanken die Anzahl krebsbedingter Todesfälle und die Lebenserwartung in den einzelnen Ländern.

Diese Informationen verknüpften sie dann mit den Ergebnissen der Studien zum Einfluss der Vitamin D-Gabe auf die Krebssterberaten. Mit statistischen Methoden schätzten sie daraus die Anzahl der krebsbedingten Todesfälle, die in den Ländern mit Lebensmittelanreicherung bereits verhindert werden. Zudem errechneten sie die Zahl der Todesfälle, die zusätzlich vermieden werden könnten, wenn alle Länder in Europa die Anreicherung von Vitamin D in Lebensmitteln einführen würden. Einige Länder wie Finnland, aber auch die USA und Kanada, reichern Lebensmittel bereits seit längerem mit einer Extraportion Vitamin D an. Die meisten anderen Nationen tun das bislang nicht. Auch interessant: Neue Studie: Medikament befreit Patienten vom Darmkrebs

Krebstote in Europa: Anreicherung würde etwa 130.000 Fälle pro Jahr verhindern

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Vitamin D-Anreicherung aktuell etwa 27.000 Krebstodesfälle in allen betrachteten europäischen Ländern pro Jahr verhindert. „Würden alle von uns betrachteten Länder Lebensmittel mit angemessenen Mengen Vitamin D anreichern, könnten nach unseren Modellrechnungen etwa 130.000 oder etwa neun Prozent aller Krebstodesfälle in Europa verhindert werden“, sagt Studienleiter Hermann Brenner. Das entspreche einem Gewinn von fast 1,2 Millionen Lebensjahren.

Die Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D kann wissenschaftlichen Studien zufolge die Vitamin D-Spiegel in ähnlicher Weise erhöhen wie die Einnahme entsprechender Präparate. „Doch nur eine Minderheit in der Bevölkerung nimmt Vitamin-D-Tabletten ein“, sagt Tobias Niedermaier. Bei einer Anreicherung von Lebensmitteln würden die Menschen fast automatisch aus ihrem Vitamin-D-Mangel herauskommen. „So ähnlich wie jodiertes Speisesalz längst alltäglich ist und den früher weit verbreiteten Jodmangel und seine Folgen stark eingedämmt hat“, so Niedermaier. Die Anreicherung der Lebensmittel wäre ein einfacher, kostengünstiger und wirkungsvoller Weg, die Vitamin-D-Spiegel in der Bevölkerung zu verbessern. Lesen Sie auch: Krebsforschung: Hilft Methadon bei der Therapie?

Vitamin D: Verbraucherzentralen warnen vor einer Überversorgung

„Die aktuellen Daten zur Senkung der Krebssterblichkeit zeigen das immense Potenzial, das eine Verbesserung der Vitamin D-Versorgung auch, aber nicht nur für die Krebsprävention, haben könnte“, erläutert Hermann Brenner. „Das sollten wir künftig besser nutzen.“

Die Verbraucherzentralen sind beim Thema Lebensmittel-Anreicherung mit Vitamin D deutlich zurückhaltender. Dadurch könnten vor allem Kinder schnell in eine gesundheitsgefährdende Überversorgung kommen, warnen sie. Bei einem Rechenbeispiel für ein zehnjähriges Kind mit 40 Kilogramm Körpergewicht, welches Vitamin-D-angereicherte Lebensmittel zu sich nimmt, könnte die tatsächlich verzehrte Menge den Höchstmengenvorschlag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zu 100 Prozent überschreiten. Das BfR empfiehlt Erwachsenen, eine Tagesdosis von bis zu 20 Mikrogramm (800 Internationale Einheiten) nicht zu überschreiten. Auch interessant: Wann Nahrungsergänzungsmittel zum Risiko werden können

In Deutschland darf Vitamin D laut der Verordnung über neuartige Lebensmittel (Novel Food) nur bestimmten Lebensmitteln zugesetzt werden, darunter Milch, Margarine, Butter, Hefe oder Brot. Neben der Zufuhr von Vitamin D über die Nahrung kann eine ausreichende Versorgung auch durch Sonnenbestrahlung sichergestellt werden: Der Krebsinformationsdienst des DKFZ empfiehlt, sich bei Sonnenschein im Freien zwei- bis dreimal pro Woche für etwa zwölf Minuten aufzuhalten. Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen sollten für diese Zeitspanne unbedeckt und ohne Sonnenschutz sein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät darüber hinaus, ein- bis zweimal pro Woche fetten Seefisch wie Hering oder Lachs zu essen. Lesen Sie auch: Deutlicher Schutz vor der Krebs? Neue Studie überrascht

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.