Pandemie

Corona-Impfung für US-Kleinkinder möglich – Stiko zögert

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Alessandro Peduto, Dirk Hautkapp und Christian Kerl
Lauterbach: Künftige Corona-Impfstoffe könnten Infektion verhindern

Lauterbach: Künftige Corona-Impfstoffe könnten Infektion verhindern

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) rechnet damit, dass in absehbarer Zeit Corona-Impfstoffe zur Verfügung stehen werden, die eine Infektion mit dem Erreger ganz verhindern können. Damit würde "Corona zu einer Krankheit wie jede andere Infektionskrankheit", sagte Lauterbach.

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Bis zur Corona-Impfung für Kleinkinder wird es hierzulande noch dauern. In den USA sind Biontech und Moderna jetzt für sie zugelassen.

Berlin. 
  • Kleinkinder können in Europa bisher nicht gegen das Coronavirus geimpft werden
  • Die USA sind schon einen Schritt weiter: Corona-Impfungen für Kinder ab einem Alter von sechs Monaten sind jetzt möglich
  • Das sagen Experten zur Situation in Deutschland

Kinder unter fünf Jahren sind die letzte Altersgruppe in Deutschland, für die es noch keine Corona-Impfempfehlung gibt. Während die Ständige Impfkommission (Stiko) Ende Mai für alle Kinder, die älter als fünf Jahre sind, eine solche Empfehlung aussprach, sind die Jüngsten bislang außen vor. Der Grund: Es gibt EU-weit noch kein zugelassenes Corona-Vakzin für Kleinkinder.

Die USA sind da weiter. Die US-Arzneimittelbehörde FDA erteilte am Freitag eine Notfallzulassung für den Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder zwischen einem halben Jahr und einschließlich vier Jahren. Der Impfstoff des US-Herstellers Moderna wurde für die Altersgruppe zwischen sechs Monaten und einschließlich fünf Jahren zugelassen. Das Moderna-Vakzin, das in den USA bislang Erwachsenen vorbehalten war, erhielt im selben Schritt eine Notfallzulassung bis einschließlich 17 Jahren.

Corona-Impfung für Kleinkinder: US-Präsident Biden bestellt zehn Millionen Impfdosen

Potenziell wendet sich das Angebot an etwa 18 Millionen sehr junge Kinder. Für die Startphase hatte die US-Regierung von Präsident Joe Biden rund zehn Millionen Dosen geordert. In der Anwendung der beiden Impfstoffe gibt es jedoch Unterschiede: Moderna will sein Vakzin Spikevax in einer Zweier-Dosierung an Kinder ab sechs Monaten verabreichen. Biontech/Pfizer plant derweil eine Anordnung von drei Spritzen.

Moderna setzt bei seinen Impfungen 25 Mikrogramm des Wirkstoffs ein, der bei Erwachsenen in den ersten beiden Spritzen bei 100 Mikrogramm liegt. Die Spritzen werden im Abstand von 28 Tagen verabreicht. Biontechs Kinder-Impfstoff „Comirnaty” wurde in den Dreier-Testreihen laut Unternehmen mit jeweils drei Mikrogramm des Wirkstoffs versetzt.

Bei Kindern zwischen 5 und 11 sind es 10 Mikrogramm, bei 12-Jährigen und aufwärts sind es 30 Mikrogramm. Die ersten beiden Biontech-Spritzen bei unter Fünfjährigen werden im Abstand von drei Wochen gesetzt, die dritte Dosis kommt zwei Monate danach.

Corona-Impfstoffe: Biontech und Moderna in klinischen Tests

Bei der Wirksamkeit hat Moderna in den klinischen Tests bei 6700 Kindern Unterschiede ermittelt. Im Alter zwischen sechs Monaten und zwei Jahren konnten typische Corona-Symptome zu 43,7 % verhindert werden. Bei den 2-6-Jährigen war der Schutzgrad nur 37,5 %. Entsprechende Biontech-Zahlen lagen bis Freitag nicht vor.

Beide Unternehmen berichteten nach den klinischen Tests an die Aufsichtsbehörde FDA über keinerlei besondere Vorkommnisse. Unerwünschte Begleiterscheinungen wie Fieber seien leicht oder mäßig ausgefallen. Schwere Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte oder Todesfälle habe es nicht gegeben.

In Europa steht die Zulassung von Covid-Impfstoff für Kleinkinder noch aus. Aber auch hier könnte es schnell gehen: Moderna hat Anfang Mai einen Zulassungsantrag bei der zuständigen EU-Arzneimittelbehörde EMA gestellt, wie die Behörde auf Anfrage bestätigt.

Zulassung für Covid-Impfstoffe für Kleinkinder bei EU-Arzneimittelbehörde

Ein Antrag von Biontech bei der EMA ist bereits angekündigt und wird in Kürze erwartet. Hier läuft bei der EU-Behörde schon seit Februar eine Vorprüfung, parallel zu dem rollierenden Einreichungsprozess, der bei der US-Arzneimittelbehörde FDA begonnen worden war.

Einen Termin für das Ergebnis der Prüfungen nennt die EMA nicht. Doch wird nach den Erfahrungen mit früheren Zulassungsanträgen für Kinder und Jugendliche mit einer Entscheidung wahrscheinlich im Juli oder August gerechnet. Wenn die EMA grünes Licht gibt, muss die EU-Kommission noch die europaweite Marktzulassung für diese Altersgruppe beschließen. Von da an kann auch in Deutschland die Prüfung beginnen.

Fachmediziner rechnen allerdings damit, dass es hierzulande dauern wird, bis es eine generelle Empfehlung für eine Corona-Impfung bei den Allerjüngsten gibt. „Ich gehe davon aus, dass es zunächst eine Stiko-Empfehlung für vorerkrankte Kinder geben wird“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Jörg Dötsch, unserer Redaktion.

Fachmediziner rechnen nicht mit rascher Impf-Empfehlung für alle Kinder unter fünf

Erst brauche es in der EU und in Deutschland aber eine Zulassung für ein angepasstes Präparat für diese Gruppe. „Es handelt sich dabei um ein geringer dosiertes Vakzin. Diese Zulassung gibt es bislang nicht in der EU“, sagte Dötsch. Insofern rechne er damit, dass es „gegebenenfalls erst einige Monate später eine Stiko-Empfehlung für alle Kinder der Altersgruppe geben wird“. Dass es noch 2022 klappt, erscheint damit fraglich.

Dötsch, der auch Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung ist, verwies zugleich auf unterschiedliche Rahmenbedingungen in Deutschland und den USA. In den Vereinigten Staaten sei die Zahl der Covid-Todesfälle bei Jüngeren bezogen auf die Gesamtbevölkerung etwa um ein Fünffaches höher, „das Risiko für diese Altersgruppe ist dort also deutlich höher als bei uns“.

So gebe es in den USA mehr Risikofaktoren bei den Jüngeren, da etwa Übergewicht eine größere Rolle spiele und damit auch die Gefahr einer schweren Covid-Erkrankung steige. Daher müssten die USA anders mit dieser Problematik umgehen als Deutschland und auch bei den Kindern unter fünf Jahren „viel stärker präventiv arbeiten“. Bei uns sei die Lage eine andere. Deswegen schaue sich die Stiko nach einer EMA-Zulassung die Daten genau an, bevor sie zu einer Impf-Empfehlung für unter Fünfjährige komme.