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Affenpocken: Infizierter macht Deutschland schwere Vorwürfe

| Lesedauer: 13 Minuten
Diana Zinkler
Affenpocken: Stiko empfiehlt Impfung bei bestimmten Gruppen

Affenpocken: Impfung wird bei Risikogruppen empfohlen

Affenpocken sind mit den ausgerotteten Pocken verwandt. Alte Impfstoffe werden derzeit auch für Affenpocken diskutiert. Die Stiko empfiehlt bereits eine Impfung für bestimmte Gruppen.

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Martin hatte Sex und jetzt hat er Affenpocken. Wie es passierte, wie furchtbar die Krankheit ist und warum er sich allein damit fühlt.

Berlin. 
  • Auch in Deutschland infizieren sich immer mehr Menschen mit den Affenpocken
  • Die Infektion verläuft in den meisten Fällen mild. Dass ein milder Verlauf auch heftige Schmerzen verursachen kann, musste ein Mann aus Berlin erfahren
  • Im Gespräch mit unserer Redaktion äußert er schwere Vorwürfe und erzählt, warum Deutschland nicht auf die Affenpocken vorbereitet ist

Martins Stimme klingt aufgewühlt und zugleich erschöpft. Er hat die Pocken auch im Mund. „Es schmerzt wie die Hölle“, sagt er am Telefon. Seit zwei Wochen hat er immer wieder hohes Fieber, sein Körper ist schwach, geschwollen und an Stellen auf und verletzt, die jeden Toilettengang zur Folter machen.

Schon das Telefonieren strengt ihn an, aber er möchte seine Geschichte erzählen, von den schmerzlichen zwei Wochen mit den Affenpocken, denn er fühlt sich von den Behörden alleingelassen und medizinisch nicht gut versorgt. „Germany macht keinen guten Job“, sagt er enttäuscht.

Affenpocken-Ansteckung: Martin hat Angst vor schlechtem Gerede

Martin ist im Frühling 2021 mitten in der Corona-Pandemie aus den USA nach Berlin gezogen, der Amerikaner wollte näher bei guten Freunden aus Deutschland leben. Schnell hat der IT-Experte bei einem großen Unternehmen eine Anstellung bekommen. Für diesen Artikel möchte der 30-jährige Mann anonym bleiben, denn sein Arbeitgeber, auch seine Nachbarn sollen nicht wissen, dass er gerade in seiner Wohnung liegt und sich an den Affenpocken auskuriert. Er hat Angst vor Blicken, vor schlechtem Gerede, vor Stigmatisierung, vor der auch schon der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann im Bezug auf Affenpocken gewarnt hat.

Martin ist gut ausgebildet, hat einen anspruchsvollen Beruf. Sein Whatsapp-Foto zeigt ihn lachend, braunes Haar, grüne Augen, weiße Zähne. Martin ist homosexuell, er gehört zur Gruppe der Männer, die Sex mit anderen Männern haben. Diese Gruppe, im Fachjargon verkürzt „MSM“ genannt, ist bisher als einzige in Deutschland von dem Affenpockenvirus betroffen. Im Mai ist das Virus hierzulande aufgetreten, laut dem Robert Koch-Institut sind inzwischen 131 Fälle in zehn Bundesländern bekannt.

Er trifft sich mit dem Mann zum ersten Mal, sie haben Sex

Um Martins Kritik am deutschen Gesundheitssystem zu verstehen, muss man ganz vorn anfangen. Am Sonntagabend, 22. Mai, geht er auf ein Date. Er hat sich mit einem Mann verabredet, mit dem er seit einem Jahr schriftlich geflirtet hat. Seine Verabredung, etwa 45 Jahre alt und alleinlebend, hat er auf der Dating-App „Romeo“ kennengelernt. „Wir haben uns in seiner Wohnung getroffen, geredet, dann hatten wir Sex“, erzählt er rückblickend. „Es war aber kein abgesprochenes Sex-Date“, erklärt er, „auch wenn von Anfang an klar war, dass wir beide Lust darauf haben.“

Eine Stunde reden sie, eine Stunde sind sie intim. Beide nehmen Prep, ein Mittel, das verhindert, dass man sich mit HIV ansteckt, sie benutzen kein Kondom. Sie probieren Analsex, es klappt aber nicht richtig. Sie küssen sich dann vor allem und haben Oralsex. Diese Körperstellen sind wichtig, denn es werden genau die Stellen sein, wo sich später die Pocken bilden.

Dann geht Martin nach Hause in seine 55 Quadratmeter-Apartment, duscht, legt sich hin und schläft. Lesen Sie auch: Affenpocken: Spanien und Portugal sind die Hotspots in Europa

An fünf Tagen hat er Sex mit vier unterschiedlichen Männern

Am nächsten Tag, am Montag, steht er um 8 Uhr auf, frühstückt und fängt an zu arbeiten, aus dem Homeoffice. Am Nachmittag steht das nächste Date an, er hat wieder Sex, dieses Mal mit einem Touristen, den er auch über eine App kennengelernt hat. Am Dienstag folgt das nächste Date, so auch am Donnerstag. Die Männer vom Dienstag und Donnerstag kennt er schon etwas länger. Als er am Donnerstagabend nach dem Sex duscht, bemerkt er drei Hautrötungen auf seinem Po. „Die sahen aus wie kleine Pickel, aber ich dachte, das kommt von der Schokolade, die ich am Vortag gegessen habe.“

Doch am Samstagnachmittag, 6 Tage nachdem er mit dem 45-Jährigen Sex hatte, bekommt Martin plötzlich Fieber, sein Körper schmerzt, seine Lymphdrüsen sind geschwollen. „Dann schaute ich die Pickel auf meinem Po an – und sie waren geschwollen.“ Martin googelt die Symptome. Er ahnt Schlimmes. Syphilis oder Affenpocken?

Affenpocken: Seine Suche nach medizinischer Hilfe beginnt

Seine Suche nach medizinischer Hilfe beginnt. Er fährt ins nächste Krankenhaus, das Vivantes am Friedrichshain. Am Empfang erzählt er von seinen Symptomen. Eine Ärztin schickt ihn weiter zur Dermatologischen Abteilung der Charité. In der Dermatologie angekommen, soll er in die Notaufnahme, dort sitzt er erst einmal eine Stunde im öffentlichen Warteraum. Erst dann wird er in ein isoliertes Zimmer geschickt. „Im Nachhinein frage ich mich, warum es so lange gedauert hat“, schließlich sei er nicht der erste Mann mit Affenpocken in Deutschland. Und von dem Virus sei überall zu hören gewesen. Wie in unserem Kommentar über Stigmatisierung.

Es ist 21 Uhr Uhr, ihm werden Blut und Abstriche von den Pocken am Po abgenommen. „Um 1.30 Uhr schließlich, kam eine Schwester und sagte, dass sie mich im Klinikum behalten wollen, ich hatte inzwischen Fieber und Schüttelfrost.“ Um vier Uhr folgt eine Urinprobe. Weil es ihm noch nicht so schlecht geht, möchte er lieber nach Hause und dort auf das Ergebnis der Untersuchungen warten. Er unterschreibt Papiere, dass er auf eigenen Wunsch geht. Nach 7 Stunden Notaufnahme.

„Ehrlich gesagt, hatte ich auch Angst, was mit mir passiert, wenn die Ärzte herausfinden, was ich habe. Vielleicht hätten sie mich dann nicht mehr gehen lassen?“ Martin braucht Hilfe, andererseits hat er Angst vor den Konsequenzen einer Infektion. Er hat auch lange in Mexiko und Brasilien gelebt, hat dort als schwuler Mann in Krankenhäusern nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Und die in Teilen stigmatisierte Debatte über die Affenpocken in Deutschland tut ihr Übriges.

„Mein ganzer Körper schmerzte zwar, aber die Pocken taten noch nicht weh“

Er fährt mit seinem Fahrrad heim. Dort nimmt er Schmerztabletten, Ibuprofen, Paracetamol. „Mein ganzer Körper schmerzte zwar, aber die Pocken taten noch nicht weh.“

Am Montagmorgen erhält er telefonisch die Affenpocken-Diagnose. Zu diesem Zeitpunkt zählt er neun von den Pocken am Po, wenn er sie berührt, spürt er einen kleinen Schmerz. Er hat Fieber, Schüttelfrost, er kann nicht schlafen, er schwitzt literweise. Freunde stellen ihm Essen vor die Tür.

Zwei Tage später meldet sich das Gesundheitsamt. „Das war eine freundliche, nette Person“, sagt Martin. Sie klärt ihn über die 21-tägige Quarantäne auf, aber mindestens bis alle Pocken abgeheilt sind, und fragt, wo er sich angesteckt haben könnte. Martin weiß es schon. Er hat bereits am Montag all seine Kontakte der letzten Woche informiert. Und der 45-Jährige von der „Romeo“-App hat ist ebenfalls erkrankt, sein ganzes Gesicht ist übersät mit dicken Pusteln. Die Frau vom Amt gibt sich mit der Antwort zufrieden. Weitere Nachfragen hat sie nicht. „Ich bin wirklich ein wenig schockiert, dass sie nicht all meine Kontakte selbständig abfragte.“ Martin informiert sie, dass er noch mit drei weiteren Männern Sex hatte. Bis heute ist zum Glück bei keinem der drei Männer der Virus ausgebrochen.

Affenpocken-Medikament Tecovirimat kaum erhältlich in Deutschland

Die nächste Woche wird für Martin schlimm. Am Freitag, 11 Tage nach der Ansteckung, schmerzt sein Anus, er schaut nach, alles voller Pocken. „Wenn ich auf die Toilette gehe, fühlt sich das wie Messerstiche an.“ Später schmerzt jede Bewegung. Er bleibt im Bett liegen, versucht alles über das Virus zu lesen. Martin macht sich Sorgen, er leidet auch an Long Covid. Als die Schmerzen schlimmer werden, ruft er bei einem Rettungsdienst an, er solle zwei Stunden warten, bis man ihn ins Krankenhaus bringen könne. Weil er nicht sitzen kann, fährt er mit einem E-Roller ins Krankenhaus. Angekommen beim Charité Virchow Klinikum, soll er auf dem Parkplatz warten, man habe keinen Raum für ihn. Ein Arzt in voller Schutzmontur kommt heraus, gibt ihm Schmerzmittel und Creme.

Er fragt, ob der Arzt ihm Tecovirimat verschreiben könne. Ein Medikament, das kürzlich in der EU zur Behandlung von Affenpocken zugelassen wurde. Martin hatte darüber gelesen.

Die Antwort des Arztes ist ernüchternd, leider gebe es von dem Medikament nicht genug Vorräte in Deutschland. Und es werde Patienten mit sehr schwerem Verlauf oder einer Immunschwäche wie HIV vorbehalten. Momentan gebe es in Deutschland nur zehn Dosen Tecovirimat.

Bundesgesundheitsministerium bestellt das Medikament Tecovirimat nicht

Wie wie viele Patienten schon mit Tecovirimat behandelt wurden, lässt sich nicht beantworten. Eine Nachfrage beim RKI und dem dort angesiedelten STAKOB, dem Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger, bestätigt allerdings die geringe Menge des Medikaments in Deutschland. „Im Akutfall unterstützen sich die Kliniken gegenseitig – in der Beratung zur Therapie sowie in der Bereitstellung von Medikamenten, sofern diese wie aktuell der Fall von Tecovirimat, nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen“, schreibt Dr. Michaela Niebank, Fachärztin Innere Medizin/Infektiologie von der Geschäftsstelle des STAKOB. „Die Größenordnung dürfte aber so stimmen.“

Das Bundesgesundheitsministerium wiederum empfiehlt behandelnden Ärztinnen und Ärzten, in Notfall-Situationen Kontakt mit dem zuständigen STAKOB-Behandlungszentrum aufzunehmen. Diese wiederum, so glaubt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums, verfügten über Einzeldosen und seien auch mit „den Beschaffungsmöglichkeiten im Akutfall vertraut“. Das wiederum konnte das STAKOB so nicht bestätigen. Man verweist auf den Austausch der Krankenhäuser untereinander mit Medikamenten. Und die Krankenhäuser wiederum haben nur zehn Dosen in Deutschland insgesamt.

Martin passiert am 14. Tag nach der Ansteckung das bisher Schlimmste

Martin helfen diese Informationen nicht. 14 Tage nach der Ansteckung blutet er aus dem Anus. Dieses Mal geht es ihm so schlecht, er kann keinen E-Scooter mehr fahren. Er will auch nicht mehr auf einem Parkplatz stehen müssen. Er ruft beim Krankenhaus an. Am Telefon antwortet man ihm, dass man ihn normalerweise bei Analblutungen untersuchen würde, bei Affenpocken nicht.

„Für mich ist es schwer zu glauben, dass Deutschland nur zehn Dosen Tecovirimat hat“, sagt Martin am Telefon. Es ist der 16. Tag nach der Ansteckung. Es gehe ihm zum ersten Mal in dieser Woche wieder etwas besser. Er betont: „Ich habe keinen milden Infekt.“ Jedem, der sich mit Affenpocken anstecke, drohe Chaos und eine schlechte medizinische Versorgung. „Es ist sehr unwürdig, die Krankheit so ertragen zu müssen. Es ist eine Infektion, die mich äußerlich für mein Leben zeichnen kann.“ Inzwischen hat er auch Pocken auf seiner Schulter, zusätzlich zu denen am Po, am Anus und im Mund, sie haben sich geöffnet und sind wund.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt der Gruppe Männern, die mit Männern Sex haben, inzwischen eine Affenpocken-Impfung. Auch Martin ist dafür. „Das ist ein schrecklicher Infekt. Wäre ich nicht in dieser Situation, würde ich in die USA fliegen, und zu einer Sexual-Health-Klinik fahren und das Medikament bekommen“, ist Martin überzeugt. Deutschland zeigt sich zumindest in seinem Fall schlecht auf das Affenpocken-Virus vorbereitet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.