Pandemie

Corona in den USA: Fallzahlen steigen wieder dramatisch

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Sebastian Moll
Einige Einwohner Shanghais dürfen wieder stundenweise raus

Einige Einwohner Shanghais dürfen wieder stundenweise raus

Endlich mal wieder vor die Tür: In der chinesischen Metropole Shanghai dürfen einige Einwohner wieder für ein paar Stunden auf die Straße gehen, bald sollen auch Schulen wieder öffnen. Seit Monaten gilt hier ein striker Lockdown.

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Während Joe Biden zuletzt wieder auf eine Maske verzichtete, schlagen Experten in den USA Alarm: Die Corona-Fallzahlen steigen wieder.

New York. Joe Biden machte sich nicht einmal die Mühe, zumindest der Form halber eine Maske anzulegen. Am Montag hielt er eine Feiertagsrede zum Gedenken an die gefallenen amerikanischen Soldaten – fast niemand trug einen Mund-Nasenschutz. Der Präsident sieht seit Monaten nicht mehr die Notwendigkeit, der Nation mit gutem Beispiel voranzugehen, wenn es darum geht, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Dabei hatte Biden erst wenige Tage zuvor während eines Gipfels zur Corona-Krise einen eher nüchternen Ton angeschlagen. Die USA hatten gerade die traurige Marke von einer Million Corona-Toten übersprungen. Der Chef des Weißen Hauses bat die Anwesenden inständig darum, im Kampf gegen das Virus nicht nachzulassen. "Diese Pandemie ist nicht vorbei", sagte er. "Es gibt noch viel zu tun."

Corona: Fallzahlen in den USA steigen dramatisch

Seit Anfang Mai schießen die Infektionszahlen in Teilen des Landes wieder dramatisch in die Höhe. Jeden Tag gibt es mehr als 100.000 Neuansteckungen. Die Zahl ist zwar noch weit von der Höchstmarke 800.000 entfernt, die im Januar erreicht wurde. Sie liegt allerdings auch deutlich über dem nationalen Tiefstand von 27.000 im März dieses Jahres. Derzeit werden jeden Tag rund 3000 Menschen mit Covid-19-Symptomen in Krankenhäuser aufgenommen.

Sorgen bereiten den Experten vor allem zwei neue Untervarianten der hochinfektiösen Omikron-Variante: BA.4 und BA.5. Sie sollen noch ansteckender sein als Omikron und sich noch schneller verbreiten. Erste Fälle waren im Bundesstaat Kalifornien aufgetaucht, doch mittlerweile sind BA.4 und BA.5 im ganzen Land verbreitet.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) schaut nervös Richtung Amerika. "In den USA läuft die BA.4/5 Welle jetzt schon an. Das könnte uns im Herbst bevorstehen. Die Vorbereitung muss jetzt geschehen. Eine komplette Normalität wie Herbst 2019 ist leider sehr unwahrscheinlich. Aber es wird besser als 2021", teilte er per Twitter mit.

Booster: Mittlerweile über 60 Prozent der Amerikaner dreimal geimpft

Auch der Vorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, gibt sich alarmiert. Mit Blick auf die steigenden Corona-Infektionszahlen in Portugal warnte er vor einer Ausbreitung der Omikron-Variante BA.5 in Deutschland. "Corona ist noch nicht vorbei – das belegt der heftige Ausbruch von Omikron in Portugal", sagte Montgomery der "Rheinischen Post". Nach Angaben des portugiesischen Gesundheitsministeriums ist BA.5 mittlerweile für 80 Prozent aller Neuinfektionen im Land verantwortlich.

"Die BA.5-Variante des Virus wird sich auch bei uns ausbreiten. Viele, auch Geimpfte, werden erkranken. Gut zu wissen: Wer geimpft ist, erkrankt deutlich milder. Sein Risiko zu sterben, ist 99 Prozent geringer als bei Ungeimpften“, betonte Montgomery. Er forderte daher eine gute Vorbereitung für den Herbst und Winter. "Im Infektionsschutzgesetz muss der Werkzeugkasten definiert und erhalten bleiben: von Maskenpflicht bis Lockdown – bundeseinheitlich und klar geregelt."

Pandemie: Experten warnen vor Lockerungen

Anthony Fauci, der Berater des Weißen Hauses in Sachen Covid-19, fasst die Lage in den USA mit dem Satz zusammen: "Die Zahlen sind sehr ernüchternd." Fauci hält sich im Ton allerdings noch zurück, weil die Anzahl der Todesfälle bislang noch nicht wieder nach oben geht. In den USA sterben knapp unter 300 Menschen am Tag an Covid-19. Eine Zahl, die in den vergangenen Wochen sogar leicht nach unten gegangen ist. Immerhin sind rund 66 Prozent der amerikanischen Bevölkerung dreimal geimpft.

Dennoch warnen die Gesundheitsbehörden davor, die Situation auf die leichte Schulter zu nehmen. Laut Schätzungen des Amtes zur Seuchen-Bekämpfung und Prävention CDC könnten sich im Herbst und Winter bis zu 100 Millionen Amerikaner neu mit dem Virus infizieren. "Wenn wir darauf nicht richtig vorbereitet sind, dann kann das katastrophale Folgen haben", sagt Ashish Jha, der neue Koordinator für die Covid-19-Bekämpfung im Weißen Haus. Einer ausreichenden Vorbereitung auf den Herbst und Winter steht jedoch ein gewisser Corona-Überdruss entgegen.

So wie Biden keine Masken mehr trägt und sich sorglos durch Menschenansammlungen bewegt, wollen auch andere Politiker das überaus unpopuläre Thema nicht mehr anfassen. So erklärte der neu gewählte New Yorker Bürgermeister Eric Adams, dass er trotz steigender Inzidenzen nicht vorhabe, der Stadt neue Beschränkungen aufzuerlegen. "Wir können nicht bei jeder neuen Welle in Panik verfallen. Wir müssen die Dinge am Laufen halten."

Auch im Kongress hat man es nicht eilig. Die Bitte des Weißen Hauses um zehn Milliarden Dollar für weitere Corona-Tests und Impfungen hängt seit Wochen im Kongress fest. Die Republikaner haben ihre Zustimmung an ein Zugeständnis Bidens in Einwanderungsfragen geknüpft. Sollte Biden, wie angekündigt, Asylsuchende an der mexikanischen Grenze ins Land lassen, werden die Republikaner ihm die Stimmen für die Corona-Maßnahmen verweigern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.