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Übertourismus: Wie Südtirol die Urlauberzahl begrenzt

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Micaela Taroni
Warum dieser Kirchturm aus dem Wasser ragt

Warum dieser Kirchturm aus dem Wasser ragt

Der Reschensee in Südtirol ist ein Touristenmagnet im Norden Italiens. Im Mittelpunkt steht dabei der Kirchturm, der kurioserweise aus dem Wasser ragt. Das beliebte Fotomotiv erinnert an eine schmerzhafte Vergangenheit.

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Südtirol ächzt unter der Touristenflut. Jetzt will die Regierung die Zahl der Hotelbetten einfrieren – und erntet heftige Proteste.

Bozen. Volle Berghütten, belebte Wanderwege und gut ausgelastete Hotels und Beherbergungsbetriebe: Die Massen strömen wieder nach Südtirol. Doch während das Aufatmen nach zwei Jahren Corona-Pause groß ist, macht sich eine neue Sorge breit. Südtirol wird überlaufen, so die Südtiroler Landesregierung, die im Sinne eines nachhaltigen Tourismus eine Bettenobergrenze einführen will – und damit Proteste auslöst.

Ihr neues Entwicklungskonzept für den Fremdenverkehr beinhaltet das Einfrieren der Bettenanzahl auf dem Niveau von 2019, als es in Südtirol circa 230.000 Betten gab. Über 33 Millionen Übernachtungen wurden damals verzeichnet. Diese-Obergrenze soll nicht nur für Hotels, große Gasthäuser mit mehreren Ablegern und auch für Anbieter von Airbnb-Wohnungen gelten.

Durch die Gemeinden soll die Bettenobergrenze leicht kontrollierbar sein. Ziel ist, den Massentourismus in Schranken zu halten.

Südtiroler sollen sich wohlfühlen im eigenen Land

Eine Deckelung wird es bei der Betriebsgröße geben. Diese soll bei maximal 140 Betten liegen. Kleine Gastbetriebe dürfen bei einem Umbau ihre Bettenzahl künftig nicht mehr erhöhen. Geben Betriebe auf, sollen frei werdende Betten über die Gemeinde neu verteilt werden und zwar dank einer "Bettenbörse". Ausnahmen sind für bäuerliche Betriebe mit Urlaub am Bauernhof vorgesehen.

"Südtirol bleibt das Land der Familienbetriebe", lautet die Devise des Südtiroler Tourismuslandesrats Arnold Schuler, der das Entwicklungskonzept 2030+ entworfen hat. Ziel sei es, einen Lebensraum" zu garantieren, in dem sich "nicht nur Touristen, sondern auch die Einheimischen wohlfühlen".

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Dieses Konzept sei das Fundament für einen nachhaltigen und qualitativ hochwertigen Tourismus. "Wir wollen keine neuen Betten", kündigte Landeshauptmann Arno Kompatscher an.

Die Pläne der Landesregierung stoßen auf Kritik, unter anderem auf die des Hoteliers-und Gastwirteverbandes (HGV) und Gemeindeverbandes. "Für uns ist klar, dass es auch in der Zukunft Spielräume vor allem für bestehende Betriebe braucht. Es muss die Möglichkeit auch in Zukunft geschaffen werden, dass Betriebe auf eine rentable Größe ausbauen können. Große Bettenburgen brauchen wir jedoch keine mehr", so HGV-Präsident Manfred Pinzger.

Kritisch zeigt sich Pinzger gegenüber der Ausnahmeregel für Bauernhöfe: "Wir fordern Gleichbehandlung. Was kleine Bauernhöfe dürfen, muss auch für kleine bestehende Betriebe wie Gasthöfe und Pensionen gelten".

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Südtirol: Angst vor Hotels im Hochpreissegment

Die Grünen beobachten skeptisch die Pläne der Landesregierung. Die Bettenobergrenze sei ein "Ablenkungsmanöver", hinter dem sich ein echtes Umsteuern in der Tourismusentwicklung verberge. Die Gefahr sei, dass immer mehr Betten von kriselnden 2- bis 3-Sterne-Betrieben ins Hochpreissegment umverteilt würden.

Qualitätshoher Tourismus erfordere mehr Service, Ausstattung und Platz, was sich negativ auf die Landschaft auswirken würde. Die Grünen verweisen dabei auf den energieintensiven Wellnessbereich und den Flächenverbrauch für die Außenanlagen, die viel Energie und Boden beanspruchen.

Aber nicht nur das Bergparadies Südtirol diskutiert über einen Bettenstopp. Das Thema sorgt auch im benachbarten österreichischen Bundesland Tirol für Debatten. Dieses visiert eine Grenze bei 300 Betten pro Betrieb an. "Die Zeit der großen Bettenburgen ist vorbei", meint der Tiroler ÖVP-Klubobmann Jakob Wolf.

Dem von Landeshauptmann Günther Platter ursprünglich angegebenen Ziel, nicht mehr als 330.000 Betten in Tirol zu haben, wurde zwar vom Verfassungsdienst eine Absage erteilt, über die Gemeinden soll die Grenze von 300 Betten pro Betrieb aber durchgesetzt werden.

"Besser statt mehr", lautet Platters Devise. "Großhotels mit 'Party-Tourismus' bringen nur Exzesse hervor und generieren keine Wertschöpfung. Hier gilt es, den Riegel vorzuschieben." Sein Plan: Tirol soll ein Gebiet mit "100 Prozent regenerativen Antriebsformen" werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.