Komödiant

Dieter Hallervorden: Warum er Gendern für "unsäglich" hält

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Rüdiger Sturm
Der Schauspieler und Theaterintendant Dieter Hallervorden am 13. Dezember 2021 in seinem Schlosspark Theater in Berlin. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Der Schauspieler und Theaterintendant Dieter Hallervorden am 13. Dezember 2021 in seinem Schlosspark Theater in Berlin. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Foto: Reto Klar

Dieter Hallervorden ist auch mit 86 Jahren noch im Fernsehgeschäft gefragt. Im Interview verrät er, warum er das Gendern nicht mag.

Berlin. Unkonventionell, politisch unkorrekt und mit dem Herz auf dem rechten Fleck, so ist Dieter Hallervorden am 3. Januar als einer der beiden Titelhelden der Komödie „Oskar, das Schlitzohr und Fanny Supergirl“ zu erleben ( 20.15 Uhr, ARD).

Und in manchen Charakterzügen seiner Figur scheint sich auch der 86-jährige Schauspieler, Entertainer und Theaterleiter wiederzufinden. Denn auch im Gespräch zeigt er sich authentisch und mitunter provokativ, ob er über seinen „Unruhestand“ oder „unsägliche“ Entwicklungen der Gesellschaft spricht.

Ihre Figur stellt im Film die Frage „Was ist Freude?“ – Wann haben Sie sich zum letzten Mal gefreut?

Dieter Hallervorden: Freude kann nur aufkommen, wenn die Seele gesund ist. Zum letzten Mal gefreut habe ich mich, als ich erfuhr, dass dieses Interview für die nächsten 14 Tage das letzte sein wird.

Und wie war das in der Kindheit, um die sich die Geschichte dreht? Womit verbinden Sie freudige Erinnerungen?

Bestimmt nicht mit den Bombennächten im Luftschutzkeller. Eher doch mit der in Quedlinburg verbrachten Zeit der Evakuierung, die mich in Sicherheit brachte vor diesen fürchterlichen Bombardierungen. Mein womöglich glücklichstes Kindheitserlebnis war das in meinen kühnsten Träumen nicht erwartete Weihnachtsgeschenk meiner Eltern: eine wunderbare elektrische Eisenbahn.

Die zweite Hauptfigur des Films ist ein autistisches Mädchen, das von seinen Mitschülern gemobbt wird. Waren Sie selbst ein Außenseiter?

Ich war und bleibe immer Außenseiter. Es lag vielleicht auch daran, dass ich bereits mit fünf Jahren eingeschult wurde und immer der Kleinste und Schüchternste war. Inzwischen hat sich das glücklicherweise leicht verbessert.

Und Sie hatten ähnlich extravagante Ideen wie die beiden Protagonisten im Film?

Ich habe schon frühzeitig absurde Zukunftspläne geschmiedet, und meine Eltern haben sie schmunzelnd und ohne Widerspruch begleitet.

Momentan wenden Sie sich ja gegen Entwicklungen in der Gesellschaft wie das Gendern, die Sie als absurd empfinden...

Vor lauter ‚Political Correctness‘ weiß ich schon gar nicht mehr, welchen verbalen Slalom ich durchkurven muss, um alle Fettnäpfchen gekonnt zu umrunden. Was dieses unsägliche Gendern anbelangt: Wie kommt eine politisch motivierte Minderheit dazu, einer Mehrheit vorschreiben zu wollen, wie wir uns in Zukunft auszudrücken haben? Die deutsche Sprache als Kulturgut gehört uns allen. Keiner hat ein Recht, darin herumzupfuschen. Sprache entwickelt sich von allein, aber nicht auf Druck von oben. Gendern ist – wie ein weiser alter Mann wie Joachim Gauck sagte – „betreutes Sprechen“. Ich und viele mit mir brauchen keine Erziehung zu Sensibilität.

Im Film bezeichnen Sie sich als ‚Easy Rider‘. Wann zeigt sich der bei Ihnen im realen Leben?

Ich versuche, als Easy Rider die Grenzen einer intoleranten Gesellschaft zu umschiffen. Intoleranz würde mich auf Dauer krank machen.

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Doch wie gut sind wir eigentlich in Sachen Gleichstellung unterwegs? – Die Mutter der jungen Heldin stößt da ja an Grenzen.

Die Zeiten, in denen man von Patriarchat reden konnte, von einer von Männern dominierten Welt, sind vorbei. Das wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt: Die Außenministerin ist eine Frau, die Verteidigungsministerin eine Frau, die Bundestagspräsidentin eine Frau, die EU-Kommissionschefin eine Frau, die Chefin der EU-Bank eine Frau etc., etc. Und ich begrüße diese Entwicklung durchaus, wenn die Leistung stimmt.

Doch niemand ist unfehlbar. Wie intensiv versuchen Sie, eigene Fehler zu vermeiden?

Ich kann sehr wohl eigene Fehler erkennen, möglichst als Erster und ohne von Dritten darauf aufmerksam gemacht zu werden. Zur Vermeidung von Fehlern hilft mir der Mut, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen. Eine enorme Hilfe – so man ausreichend davon hat.

Doch dieser muss auch flexibel bleiben so wie bei Ihrer Filmfigur. Haben Sie ein Rezept?

Immer schön neugierig bleiben. Das heißt: Gierig, Neues zu erleben. Wichtig ist zu begreifen, dass man bereit sein muss, dazuzulernen.

In einem Ihrer wichtigsten Filme der letzten zehn Jahre, „Sein letztes Rennen“, spielten Sie einen Marathonläufer. Was hilft Ihnen auf dem Marathon des Lebens weiter durchzuhalten?

Viele Menschen freuen sich auf den Ruhestand. Ich bevorzuge den Unruhestand. Ich brauche Action und neue Herausforderungen. So habe ich im Herbst eine CD mit neun Songs herausgebracht. Das Album trägt den bezeichnenden Titel „80 plus – Hallervorden rockt“.

Wie hält man sich für den Unruhestand fit?

Jeden Tag vor dem Frühstück eine Stunde Sport. Gesunde Ernährung ohne Fleisch. Lernbegierde, Lust auf Herausforderungen, Initiativgeist – das sind für mich die Bausteine für diesen von mir bevorzugten Unruhestand. Es ist nicht wichtig, wie alt man wird. Sondern es ist wichtig, wie man alt wird.

Auf dem Cover Ihres schon zitierten Albums sind Sie an einem Schiffssteuerrad zu sehen. Warum sind Sie auf dem Meer des Lebens nie untergegangen?

Ich verfolge meine Ziele gegen alle Widerstände hartnäckig und ohne jemals aufzugeben. Hat bisher gut geklappt, vielleicht weil ich ein Glückspilz bin.

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