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Warum Mallorca zur Luxus-Fluchtinsel des Corona-Jetset wird

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Ingo Wohlfeil
Tinder auf Mallorca: Einheimische genervt von Touristen

Tinder auf Mallorca: Einheimische genervt von Touristen

Mit der Dating-App Tinder das Liebesglück finden. Das wollen auch die Einheimischen auf Mallorca. Doch die Touristen stehen der Partnersuche im Weg.

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Superreiche entdecken Mallorca als Refugium. Luxusvillen und Privatjets sind heiß begehrt, in Fünf-Sterne-Hotels werden Betten knapp.

Palma. Pilot Daniel Rudas steht auf dem Flugfeld von Palma und blickt nervös auf die Uhr. Eigentlich sollte der 50-Jährige bereits in der Luft sein mit seiner Cessna Citation, einem zweistrahligen Jet für bis zu sechs Passagiere. Doch seine Fluggäste verspäten sich. Stau auf dem Stadtring von Palma.

Ein Linienflugzeug würde einfach starten, die Zuspätkommer hätten Pech. Doch bei Rudas ist es anders. Er hat nur zwei Passagiere. Eine Hollywood-Diva und ihr Lebenspartner sind die einzigen zahlenden Gäste auf dem Flug von Palma nach Nizza.

Rudas ist Geschäftsführer und Pilot bei Hahn Air, einem privaten Flugunternehmen mit nur zwei Privatjets. Das Geschäft brummt trotz der Pandemie. „2021 ist die beste Saison aller Zeiten“ freut sich Rudas. „Unsere Jets sind zu 90 Prozent ausgelastet, sieben Tage die Woche sind sie in der Luft.“ Und das, obwohl er beispielsweise für einen Flug von Köln nach Mallorca stolze 20.000 Euro nimmt. Mehr zum Thema: So war die Ballermann-Saison im zweiten Corona-Sommer

Mallorca heißt Luxustouristen willkommen

Der Prunktourismus boomt, die Insel erlebt einen Ansturm der Reichen und Schönen. „Der Luxussektor ist so heiß wie nie. Die europäischen Millionäre kaufen derzeit hier Häuser wie verrückt – Wahnsinn“, staunt der Mallorca-Makler Carlos Seguí gegenüber der Zeitung „El País“. Die Luxustouristen bescherten Mallorca dieses Jahr bis Ende der Sommersaison Einnahmen von einer Milliarde Euro.

Davon profitiert auch der Koch Klaus Brunmayr. Gelernt hat der Österreicher beim Deutschen Gerhard Schwaiger, der das erste Zwei-Sterne-Restaurant auf Mallorca aufbaute, das „Tristan“ in der Reichen-Enklave Puerto Portals. Mittlerweile arbeitet Brunmayr da, wo ihn seine Gäste hinbestellen: Er ist seit diesem Jahr „fahrender Koch“.

Ein Restaurant führt er nicht mehr, stattdessen kommt er jetzt auf die Yachten der Wohlhabenden und bereitet direkt vor Ort Wunschgerichte zu – von Hausmannskost bis zur aufwendigen Gourmetküche. „Ich glaube, dass die Leute nicht die Möglichkeit hatten, es sich gut gehen zu lassen in den letzten anderthalb Jahren“, sagt Brunmayr. „Sie geben deshalb mehr aus, trinken teureren Wein und geben besseres Trinkgeld. Das Verlangen nach Genuss ist wieder zurückgekehrt.“

Seine Gästeliste kann sich sehen lassen. Er kochte schon bei Hans-Joachim Watzke (62), dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund, bei Star-DJ Robin Schultz (34) und für saudi-arabische Prinzen.

Ballermann wird gentrifiziert

Nicht nur im glamourösen Yachthafen von Puerto Portals ist der Trend zum Luxus spürbar. Sogar an der Playa de Palma, dem Geburtsort des europäischen Massentourismus, verändert sich das Publikum. Dieser Gegend hat Mallorca den Spitznamen „Putzfraueninsel“ zu verdanken, da Versandhäuser wie Quelle und Neckermann bereits in den 60er-Jahren dort Urlaub für sehr kleines Geld anboten. Auch interessant: Mallorca - Ärzte warnen vor heftiger Krätze-Epidemie

In den 70ern wurde aus der Putzfraueninsel der Ballermann – der Ort, an dem es galt, sich möglichst auffällig daneben zu benehmen. Doch vor einigen Jahren machten sich die Behörden auf, den Sauftourismus zu bekämpfen, und die Hoteliers halfen mit.

Hatte die Playa de Palma 2010 exakt ein einziges Fünf-Sterne-Hotel und nur wenige Vier-Sterne-Häuser, so sind es an der Promenade mittlerweile über ein Dutzend Hotels der Klasse „Superieur“. Die Zimmerbelegung der Luxusunterkünfte liegt 2021 bisher bei 90 Prozent. Lesen Sie hier: Saison-Aus auf Mallorca? Hotels mit drastischer Entscheidung

Die Entwicklung wird auch im Ausland aufmerksam verfolgt. Die Luxuskette Ikos Resorts kündigte jüngst Investitionen von 110 Millionen Euro an. Damit will man aus einem Hotel im Südosten Mallorcas eine imposante All-Inclusive-Prachtherberge machen – erst das zweite Resort der Marke außerhalb Griechenlands.

Mallorca: Selbst Schrotthäuser kosten mittlerweile ein Vermögen

Die Preisentwicklung kann mit europäischen Großstädten mithalten. Das bedeutet im Kleinen, dass für ein morgendliches Rührei Preise von 14 Euro aufgerufen werden und im Großen, dass selbst abbruchreife Häuser in der ersten Meereslinie bis zu 6000 Euro pro Quadratmeter kosten.

Alles was darunter liegt, findet innerhalb kürzester Zeit Käufer. Besonders Skandinavier haben sich aufgemacht, den Markt leer zu kaufen, aber auch viele Deutsche.

Miami ist zu weit weg, die Côte d’Azur zu weitläufig und Ibiza zu klein. Mallorca ist genau richtig“, findet Pilot Daniel Rudas, kurz bevor er um die Starterlaubnis bittet. Seine Passagiere sind mittlerweile eingetroffen: Die 88-jährige Schauspielerin und ihr Mann haben es doch noch rechtzeitig geschafft. Sie ist schon zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit auf der Insel.

Eigentlich wohnen die beiden in St. Tropez. Fragt sich nur, wie lange noch.