Pandemie

Booster-Impfungen: Droht jetzt neues Chaos im Dezember?

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Alessandro Peduto, Julia Emmrich und Miriam Hollstein
Eine lange Warteschlange hat sich vor einem Corona-Impfzentrum in Wunsiedel gebildet.

Eine lange Warteschlange hat sich vor einem Corona-Impfzentrum in Wunsiedel gebildet.

Foto: Nicolas Armer / picture alliance/dpa

Ärztevertreter kritisieren mangelhafte Organisation von Drittimpfungen – Patientenschützer fordern Booster-Vorrecht für Risikogruppen.

Berlin. Es sind gleich zwei fatale Entwicklungen: Während die Corona-Werte in Deutschland rasant emporschnellen und fast täglich eine neue Rekordmarke reißen, tritt die Impfkampagne seit Wochen auf der Stelle. Die Zahl der Erst- und Zweitimpfungen stagniert.

Und wer eine Drittimpfung will, muss entweder vor öffentlichen Impfstationen Schlange stehen oder bis nach Weihnachten auf einen Termin in der Arztpraxis warten. Zum wiederholten Mal droht Deutschland somit ein Impfchaos – und diesmal zudem in der Adventszeit, die ja eigentlich auf beschauliche Weihnachtsfeiertage einstimmen soll. Es könnte anders kommen.

Dabei ist die Dringlichkeit gerade der Booster-Impfungen hinlänglich bekannt. Der geschäftsführende Kanzleramtschef Helge Braun (CDU), selbst Mediziner, gab jüngst die Zielmarke von 20 Millionen verabreichten Auffrischungsimpfungen bis Weihnachten aus. Nimmt man als Grundlage die Zahl der vollständig Geimpften zur Jahresmitte, kommt man sogar auf etwa 30 Millionen erforderliche Booster-Impfungen.

Wissenschaftler halten fallende Inzidenzen bis Weihnachten nur für möglich, falls zuvor rund 30 Prozent der Bevölkerung den Booster bekommen. Doch von solchen Zahlen ist die Republik weit entfernt. Zuletzt hatten nur rund vier Millionen Menschen eine Auffrischimpfung, also 4,8 Prozent. Der Druck aus der Ärzteschaft wächst, Patientenschützer werfen der Politik „Naivität“ vor. Für diesen Donnerstag sind Bund und Länder zu einem Corona-Krisengipfel verabredet. Das Boostern wird dabei ein zen­trales Thema sein.

Corona: Warum sind Booster nötig?

Studien haben ergeben, dass der Impfschutz rund sechs Monate nach der zweiten Dosis nachlässt – womöglich sogar früher. Vor allem steigt damit das Risiko, dass Menschen sich infizieren und das Virus weitergeben, ohne selbst krank zu werden. Vor allem bei älteren Menschen und Risikogruppen kann es zudem zu gefährlichen Impfdurchbrüchen kommen. Rund 175.000 gab es bisher nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI). Folgen können eine schwere Erkrankung sein. Mit einer Booster-Impfung werden dagegen die Antikörper erneut aktiviert und der Corona-Schutz wieder erhöht.

Wer hat Anspruch auf den Booster?

Laut Impfverordnung alle Geimpften ab 12 Jahren. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die dritte Dosis dagegen bislang nur Menschen ab 70, Risikopatienten sowie Bewohnern und Beschäftigten in Heimen. Die Auffrischung erhalten alle, bei denen die Impfung sechs Monate zurückliegt. Nur wer ausschließlich mit einem Vektorimpfstoff von Astrazeneca oder Johnson & Johnson gespritzt wurde, konnte sich bereits nach vier Wochen den Booster holen.

Für die Auffrischungsimpfung werden in Deutschland ausschließlich mRNA-Vakzine verwendet – also die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna.

Wie können schnell mehr Menschen eine dritte Dosis bekommen?

Die Bundesärztekammer hat hier klare Vorstellungen. In einem Brief an die 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sowie an die Bundesregierung fordert Ärztepräsident Klaus Reinhardt, die Kommunen sollten zentrale Terminvergabestellen für Auffrischimpfungen einrichten und vulnerable Gruppen per Post zur Booster-Impfung einladen. Zudem müssten mobile Impfteams für den Einsatz in Pflegeeinrichtungen sowie in der häuslichen Pflege aufgebaut werden, heißt es in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt.

Der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, übte scharfe Kritik an der Vorbereitung der Auffrischimpfungen. Der Start der Booster-Impfungen für alle Altersgruppen sei verkündet worden, ohne dass klar sei, wie die Auffrischungsimpfungen effektiv organisiert werden könnten, sagte Weigeldt auf Anfrage. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sprach mit Blick auf die stockende Impfkampagne von einer „Naivität aller Gesundheitsminister“. Es sei jetzt „Auftrag der Ministerpräsidentenkonferenz, für ein geordnetes Booster-Verfahren zu sorgen“, sagte Brysch unserer Redaktion.

Gibt es beim Boostern eine Priorisierung?

Nein. Im Moment liegt es im Ermessen des Arztes. Brysch brachte aber eine formale Vorrangprüfung ins Gespräch. „Eine Priorisierung nach Alter, Krankheit sowie Berufsgruppe muss erneut in Betracht gezogen werden“, sagte er. Bereits zu Beginn der Impfungen hatte es eine solche Einteilung gegeben.

Weigeldt warnte derweil vor einem Verteilungskampf zwischen den Generationen. „Vor allem bei weniger gefährdeten jüngeren gesunden Menschen ist es nach den bisherigen medizinischen Erkenntnissen nicht erforderlich, auf den Tag genau nach sechs Monaten eine Booster-Impfung durchzuführen.“ Beim Wunsch nach rascher Booster-Impfung sei zu berücksichtigen, „dass dies möglicherweise zulasten von vulnerablen Patienten erfolgen würde“. Auch bei der dritten Impfung gelte es, die Gefährdeten besonders im Auge zu behalten.

Bekommen wir die Lage bis Weihnachten in den Griff?

Der Mobilitätsforscher und Corona-Modellierer Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin sieht eine Chance. Er geht davon aus, dass die vierte Welle gebrochen werden kann, „sobald circa 30 Prozent der Bevölkerung den Booster erhalten haben“, sagte Nagel auf Anfrage. Wenn eine solche Quote „deutlich vor Weihnachten“ erreicht würde, bestehe die Aussicht auf sinkende Sieben-Tage-Inzidenzen bis zu den Feiertagen.