Interview

Mai Thi Nguyen Kim: "Hätte Bock, eine Kochshow zu machen"

| Lesedauer: 6 Minuten
Rüdiger Sturm
Mai Thi Nguyen-Kim: Preisträgerin "Best of Information"

Mai Thi Nguyen-Kim: Preisträgerin "Best of Information"

Da unsere Preisträgerin Mai Thi Nguyen-Kim nicht persönlich die GOLDENE KAMERA für ihren YouTube-Kanal "maiLab" entgegennehmen konnte, überraschte sie Vorjahrespreisträger Joseph DeChangeman mit der Trophäe. Sie konnte es kaum fassen und freute sich mit zitternden Händen, die Auszeichnung von ihrem guten Freund entgegennehmen zu können!

Beschreibung anzeigen

Mai Thi Nguyen Kim erklärt die „Wunderwelt der Chemie“. Doch auf der Straße trotz Maske erkannt zu werden, ist ihr eher unangenehm.

Essen. Mai Thi Nguyen Kim ist für einen messerscharfen analytischen Verstand bekannt, die Wissenschaftsjournalistin sorgt im Netz und im Fernsehen seit einiger Zeit für Furore.

Diese Offensive setzt die 34-Jährige jetzt mit zwei TV-Formaten fort: mit dem Dreiteiler „Terra X: Wunderwelt Chemie“ (sonntags, 19.30 Uhr, ZDF) und ab 24. Oktober mit sechs Folgen von „MAI-THINK X – Die Show“ (um 22.15 Uhr, ZDFneo). Doch ihr Leben ist keineswegs nur von harter Wissenschaft geprägt.

Sie werden mit Auszeichnungen überschüttet, haben jetzt neben Ihrem YouTube-Kanal maiLab zwei Formate im ZDF. Wie vermeiden Sie, dass Ihnen das zu Kopf steigt?

Mai Thi Nguyen Kim: So sehr mich die vielen Preise für mich und mein Team freuen, ich trenne das sehr klar von meiner Person. Diese Resonanz hat nur mit den Inhalten zu tun, die ich vermittle. Das Gleiche gilt auch im Gegenzug, wenn ich persönliche Anfeindungen lese. Ich freue mich, wenn ich viele Menschen für Wissenschaft interessieren kann, aber ich habe mir nie gewünscht, berühmt zu sein. Wenn ich rausgehe und sogar mit Maske erkannt werde, ist mir das eher unangenehm. Mehr zum Thema:YouTube-Charts: Das sind die beliebtesten Videos 2020

Ihr extrem arbeitsintensives Leben wird noch dadurch verkompliziert, dass Sie seit 2020 eine Tochter haben. Was lernen Sie als Wissenschaftlerin von ihr?

Nguyen Kim: Mir geht es da seit der Schwangerschaft nicht anders als Nicht-Wissenschaftlern: Man ist 24 Stunden am Tag von diesem Wunder geflasht, auch wenn das eines der normalsten Dinge der Welt ist. Ich beobachte dieses kleine Wesen mit so viel Freude und Staunen, und durch sie habe ich eine ganz neue Liebe für unsere Spezies entdeckt. Man neigt ja im Journalistenberuf dazu, fast zynisch zu werden, und sie erinnert mich wieder daran, wie toll der Homo Sapiens ist. So gesehen habe ich wieder den Glauben an die Menschheit bekommen.

Sie haben jetzt Begriffe wie „Wunder, Glaube, Liebe“ gebraucht. Kann man diese Phänomene wissenschaftlich erklären?

Nguyen Kim: Ich denke nicht, dass wir Liebe im Detail verstehen können. Mit Neurochemie erfassen wir bestenfalls einen lächerlichen Bruchteil dieses Phänomens. Und was Gott angeht, da gibt es keine Möglichkeit, dessen Existenz zu belegen oder zu widerlegen. Das ist und bleibt eine Glaubenssache.

Man könnte natürlich sagen, dass ein Kind zu bekommen, letztlich nur dem Überleben unserer Spezies dient. Oder hat das noch eine andere, höhere Bedeutung?

Nguyen Kim: Als ich schwanger war, habe ich von einem Bekannten eine sehr interessante Nachricht bekommen. Er bat um Verständnis, weil das etwas komisch übergriffig klingen würde, aber meine Schwangerschaft hätte ihm Hoffnung gegeben. Denn wenn ich als nüchterne Wissenschaftlerin, die auch die Klimakrise auf dem Schirm hat, ein Kind in diese Welt setzen möchte, dann sei das ein sehr positives Zeichen. Und ich habe ihm geantwortet, dass es in der Klimakrise eigentlich nur um uns geht. Die Erde wird auch ohne uns überleben. Die Frage ist daher, welche Zukunft wir für uns und unsere Nachkommen schaffen. Wenn ich sagen würde, ich gebe jetzt auf, das wäre eine absolute Resignation. Es lohnt sich, für das Gute zu kämpfen.

Sorgt denn die Wissenschaft für das Gute?

Nguyen Kim: Ich bin Chemikerin, und ein großer Teil der Chemie besteht darin, die Natur nachzuahmen. Was wir dann mit diesen Resultaten anfangen, ob es nützt oder schadet, ist eine Frage der gesellschaftlichen und politischen Bewertung. Mich interessieren genau diese Schnittstellen – wie zum Beispiel Gentechnik. Damit kann man Krankheiten teilen, aber auch Dystopien wie Designerbabys schaffen. Diese Diskussion finde ich hoch spannend.

Auch interessant: Maybrit Illner: Jan Josef Liefers fühlt sich missverstanden

Nun sind Sie nicht nur vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin und Journalistin, sondern auch Weltmeisterin im Formationsstepptanz. Wie kam das?

Nguyen Kim: Ich habe als kleines Mädchen angefangen zu tanzen. Denn die Kleinstadt Hemsbach, in der ich aufgewachsen bin, gilt weltweit als das Dorf, in dem alle steppen. Der lokale Turnverein macht jedes Jahr bei der WM mit, und 2009 haben wir in der Königsklasse, also Erwachsenen-Formation, den Titel geholt. Doch danach musste ich mit dem Steppen aufhören, weil ich zu weit weg von Hemsbach gezogen bin.

Was ist die wissenschaftliche Erklärung für das Tanzbedürfnis?

Nguyen Kim: Es ist ein grundsätzliches Missverständnis, dass Wissenschaft und Kreativität wenig miteinander zu tun haben. Ich kenne viele ChemikerInnen, die viele künstlerische Hobbys haben, Malen, Basteln oder Musik. Gerade die Chemie ist eine unglaublich kreative Wissenschaft. Sie ist zum Beispiel auch mit dem Kochen sehr verwandt.

Werden wir Sie also künftig auch in Kochshows erleben?

Nguyen Kim: Ich habe noch zu viel zu tun, das in der Priorität darüber steht, aber ich hätte total Bock, eine Kochshow oder ein Kochbuch zu machen. Oder auch ein Café zu betreiben, das wir ganz chemisch-wissenschaftlich angehen. Jeden zweiten Monat schließen wir, um an den besten Rezepten für die nächste Speisekarte zu forschen. Das ist der Plan B, wenn alles andere nicht mehr klappen sollte.

Gab es irgendeinen Einflussfaktor, der Sie auf diese Laufbahn brachte? Das Klischee sagt ja, dass in asiatischen Einwanderer-Familien wie der Ihren der Erfolgsdruck auf Kinder besonders groß ist?

Nguyen Kim: Bei meinen Eltern stimmt dieses Klischee nicht, denn sie waren nicht sehr streng. Aber in der vietnamesischen Kultur gilt Bildung als absolutes Privileg. Und das haben sie mir vermittelt. In Deutschland allerdings galt es nur als okay, gute Noten zu haben, wenn man nichts dafür getan hat. So habe ich immer heimlich gelernt, um kein Streber-Image zu bekommen. Streng genommen war das natürlich Quatsch.