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Millionen-Strafe: Boateng geht nach Verurteilung in Berufung

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Oliver Stöwing
Boateng bei Lyon vorgestellt: "Siegermenatlität einbringen"

Boateng bei Lyon vorgestellt: "Siegermenatlität einbringen"

Nun ist es offiziell: Nach zehn Jahren bei Bayern München schlägt Jérôme Boateng ein neues Kapitel auf. Der Weltmeister von 2014 wechselt zu Olympique Lyon. Boateng will das junge Team mit seiner Erfahrung anführen und die "Siegermentalität" aus der Zeit in München und bei der Nationalmannschaft einbringen.

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Jérôme Boateng soll im Urlaub seine Ex-Freundin verletzt haben. Der Sportler geht gegen seine Verurteilung vor und legt Berufung ein.

Berlin/München. 
  • Die Ex-Lebensgefährtin von Jérôme Boateng wirft dem ehemaligen Fußball-Weltmeister vor, sie körperlich angegriffen zu haben
  • Dieser erzählte vergangenen Donnerstag vor Gericht eine andere Geschichte
  • Das Amtsgericht hat ihn wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt
  • Boateng geht nach seiner Verurteilung in Berufung

Eine Woche nach Jérôme Boatengs Gerichtstermin reißen die Neuigkeiten um den ehemaligen Fußballnationalspieler nicht ab. Der Sportler soll im Urlaub seine Ex-Freundin verletzt haben. Vergangenen Donnerstag hat ihn das Gericht deshalb zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Wie eine Sprecherin des Amtsgerichts München nun dem Sport-Informations-Dienst (SID) bestätigte, legte Boetengs Anwalt Berufung gegen das Urteil ein. Auch die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage legten den Angaben zufolge Rechtsmittel ein. Mit der Berufung befasst sich das Landgericht München.

Jérôme Boateng: Das passierte vor Gericht

Die ahnungslosen Vorgeladenen anderer Verfahren bekamen einen Schrecken, als sie am vergangenen Donnerstagmorgen das Strafjustizzentrum in München erreichten: Kamerateams und Journalisten drängelten sich auf dem Vorplatz, einige hatten die Nacht über campiert, um die wenigen Presseplätze zu ergattern, Dutzende Polizisten überwachten die Szenerie, eine resolute Gerichtsangestellte sorgte für Ordnung: Hier sollte schon bald Jerôme Boateng (33) vor Gericht stehen, langjähriger Star des FC Bayern, früherer Nationalspieler, Weltmeister, Werbe-Idol.

Um 10.05 Uhr erschien er mit seinem Anwalt Kai Walden im Saal 101, in dem auch der NSU-Prozess verhandelt wurde. Er wirkte nervös, als die Kameras klickten, seine Erscheinung wirkte fehlplatziert in dem 70er-Jahre-Ambiente: eleganter dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, seine goldene Brille funkelte auch im nüchternen Licht der Behörde. Er bestritt jegliche Vorwürfe, für die es laut Verteidigung keine Beweise gebe. Es stehe Aussage gegen Aussage – obwohl eine Freundin der Ex Zeugin war.

Boateng war bereit, seine Version der Wahrheit zu schildern, anschließend wurde seine frühere Lebensgefährtin in den Zeugenstand gerufen. Boatengs Nervosität legte sich, seine Erinnerungen an den verhängnisvollen Urlaub trug er ruhig und detailliert vor, der gebürtige Berliner sprach mit dem unverkennbaren Akzent der multikulturellen Viertel.

Boateng sprach von einer toxischen Beziehung

Wann er mit der Frau zusammen war und wann nicht, das ließe sich so nicht sagen. „Es war eine On-Off-Beziehung“, so nannte er es, sie sprach später von einer „toxischen Beziehung“. 2007 hatten sie sich kennengelernt, 2011 Zwillinge bekommen. Ein gutes Haar ließ Boateng nicht an der Mutter seiner Töchter: Er schilderte sie als eine häufig aggressive Kampfsportlerin, die trinke und ihn stark unter Druck gesetzt habe, als er 2018 Verhandlungen mit Paris führte.

Wohnungen habe sie demnach für den Fall eines Wechsels gefordert, in Berlin und Paris, dazu 200.000 Euro. Die Kinder lebten da schon bei ihm, sie streiten seit Jahren juristisch um das Aufenthaltsbestimmungsrecht – und flogen gemeinsam in ein Luxusresort auf den Turks- und Caicosinseln in der Karibik. Sie nahm eine Freundin, er einen Kumpel mit, auch die Kinder waren dabei. „Es sollte ein Versöhnungsurlaub werden. War ne gute Stimmung“, sagte er. Gegen Ende des Aufenthalts spielten sie in der Lounge Karten. „Alle haben geraucht und getrunken, nur ich war abstinent“, sagte Boateng.

Als jemand Boateng Schummelei vorwarf, kam es zum Streit, Boateng zog sich zurück, lief "wie ein Tiger“ in seinem Pavillon hin und her, tauchte wieder auf. Inmitten der dicken Luft surfte die Mutter seiner Kinder ein Instagram-Profil einer angeblichen Gespielin Boatengs ab, der Streit flammte wieder auf, und ab hier unterschieden sich die Erzählungen immens.

Zeugin redet von Schlägen, Tritten, Bissen

Sie sagte: Boateng habe sie als Hure und schlimmer beschimpft, ein Windlicht und eine Kühltasche nach ihr geworfen, sie geschlagen, etwa in die Niere, an den Haaren gezogen und ihren Kopf geschleudert, sie auf den Boden geworfen und an den Haaren wieder hochgezogen, ins Gesicht gespuckt und in den Hinterkopf gebissen. Wie man das merke, dass es ein Biss war, wollte die Staatsanwältin wissen. „Ich kenne das Gefühl, von Herrn Boateng gebissen zu werden“, erklärte sie. Fotos, die sie ihrer Anwältin geschickt hatte, zeigten sie mit blauem Auge. Boateng habe sich bei seinen Angriffen selbst verletzt, Blut tropfte auf ihr T-Shirt. „Ich sollte es ausziehen, obwohl ich nichts drunter hatte und andere dabei waren.“

Obwohl das Gericht immer wieder darauf hinwies, dass nur dieser Vorfall im Urlaub zur Verhandlung steht, stellte sie ihren langjährigen Lebensgefährten als unverbesserlichen Gewalttäter dar: „Übergriffe waren fast schon an der Tagesordnung.“

Boateng dagegen behauptete, seine Freundin habe ihn angegriffen, ein „Eifersuchtsfilm“. Um sich zu verteidigen, habe er sie weggeschubst, sie sei über einen Stein gestolpert. Sie habe ihn als „Hurensohn“ und „Stück Scheiße“ beschimpft, erinnerte er sich genau. Ja, auch er habe sie beleidigt. Wie, wollte der Richter wissen. Boateng: „Ich weiß es nicht mehr, es ist drei Jahre her, ich sagte, glaube ich: Du und deine Männer oder so.“ Ein Butler habe die Scherben aufgefegt. „Ich sagte zu ihm auf Englisch: ‚Sorry for the mess.“

Am letzten Abend feierten alle an einem Lagerfeuer, auf Videos ist zu sehen, wie die Ex-Freundin tanzt. „In der Nacht waren wir intim“, sagte Boateng. Drei Monate später, Boateng sei gerade wieder ausgerastet, zeigte sie den Vorfall an.

Zuschauerin bei Gericht: "Jeder weiß, dass er nie treu war"

Irene N. (53) war eine von sieben Zuschauerinnen in dem Schwurgerichtssaal. Sie ist Fan des FC Bayern, besitzt eine VIP-Dauerkarte. „Ich finde ihn unsympathisch, er redet nie mit uns Fans. Jeder in München weiß, dass er nie treu war. Aber ist er auch ein Gewalttäter? Ich hoffe, das Gericht weiß eine Antwort“, sagte die Münchnerin am Rande des Prozesses.

Am Abend gaben die Richter die Antwort bekannt: Der ehemalige Nationalspieler ist wegen vorsätzlicher Körperverletzung an seiner früheren Lebensgefährtin verurteilt worden. Das Amtsgericht München verhängte dafür eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30.000 Euro. Insgesamt entspricht das einer Summe von 1,8 Millionen Euro.

Schon zuletzt bröckelte Boatengs Image, ein öffentlich ausgetragener Streit mit seiner Exfreundin Kasia Lenhardt hatte den Boulevard beherrscht. Das 25-jährige Model beging Suizid. Es gilt die Unschuldsvermutung. Doch ein Imageschaden wartet nicht auf Urteile.