Naturkatastrophe

Schweres Erdbeben erschüttert Haiti – mehr als 300 Tote

| Lesedauer: 5 Minuten
Klaus Ehringfeld
Nach dem schweren Erdbeben am Samstag in Haiti suchen die Menschen weiter nach Vermissten.

Nach dem schweren Erdbeben am Samstag in Haiti suchen die Menschen weiter nach Vermissten.

Foto: Stanley Louis/AFP

Vor Haiti bebte am Samstag die Erde. US-Behörden meldeten ein starkes Erdbeben der Stärke 7,2. Mindestens 300 Menschen seien gestorben.

Maxiko-Stadt/Port-au-Prince. 
  • Schweres Erdbeben vor Haiti
  • Stöße der Stärke 7,2 erschütterten am Samstag die Insel
  • Über 300 Menschen sind ums Leben gekommen - 1800 wurden verletzt

Jean Ronald Jocelyn wurde am Samstagmorgen sehr unsanft geweckt. Es war 8.29 Uhr, als in der Stadt Les Cayes im Südwesten Haitis die Erde anfing zu wackeln. „Ich habe gar nicht verstanden, was passierte. Ich hörte Menschen draußen schreien und mein Haus begann, sich hin und her zu bewegen“, sagt der Mann, der für die Nichtregierungsorganisation „Hope for Haiti“ arbeitet.

Jocelyn sprang aus dem Bett und rannte dann auf die Straße und ihm kamen die fürchterlichen Bilder in den Kopf vom verheerenden Erdbeben von elf Jahren, das in dem Karibikstaat damals vor allem die Hauptstadt Port-au-Prince traf und dem 200.000 Menschen zum Opfer fielen.

An diesem Samstag traf es besonders die Städte Les Cayes, Jérémie und viele kleinere Ortschaften im extremen Südwesten Haitis, rund 250 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Auch hier fielen Häuser, Hütten und Kirchen wie Kartenhäuser zusammen, begruben Hunderte von Menschen unter den Trümmern. Die ganze Region lag unter einer Staubwolke.

Erdbeben in Haiti: Erschütterungen waren auch in Dominikanischen Republik und in Kuba zu spüren

Nach einer vorläufigen Bilanz des „Nationalen System für Katastrophenschutz“ vom Samstagnachmittag (Ortszeit) wurden 304 Menschen getötet, 1800 wurden verletzt. Die Erschütterungen zerstörten demnach 899 Häuser und beschädigten 729, darunter Kirchen, Krankenhäuser, Schulen und Hotels.

Die Erdstöße lösten im ganzen Land Panik und Erinnerungen an das Jahrhundertbeben von 2010 aus. Betroffen waren dieses Mal aber die Départements Nippes, Grande’ Anse und Sud. Hier leben zwei bis drei Millionen Menschen, allerdings nicht so dicht aufeinander wie in der Hauptstadt. Das Epizentrum wurde rund zwölf Kilometer von der Ortschaft Saint-Louis du Sud in zehn Kilometer Tiefe lokalisiert. Die Erschütterungen waren auch noch in der benachbarten Dominikanischen Republik und in Kuba zu spüren.

Die Hauptstadt blieb dieses Mal glücklicherweise von Schlimmerem verschont. „Die Gebäude wackelten, die Menschen liefen in Panik auf die Straßen, aber soweit zunächst ersichtlich, stürzten keine Gebäude ein“, sagte Annalisa Lombardo, Landesdirektorin von der deutschen Organisation „Welthungerhilfe“.

Experten rechneten für die kommenden Tage mit zahlreichen weiteren Opfern. Die US-Erdbebenwarte USGS warnte, dass die Todesopfer in die Tausenden gehen könnten. „Hohe Opferzahlen und große Schäden sind wahrscheinlich“, erklärte die USGS. Vermutlich sei breite internationale Hilfe notwendig.

Für die kommenden Tage ist wieder ein Tropensturm vorhergesagt

US-Präsident Joe Biden drückte der haitianischen Regierung und den Menschen sein Beileid aus und genehmigte Soforthilfe seines Landes für die betroffene Region. Haitis neuer Premierminister Ariel Henry überflog die den Südwesten am Samstagnachmittag und beschrieb die Lage als „dramatisch“. Er verhängte für einen Monat den Ausnahmezustand über Haiti. „Wir werden alles tun, um den betroffenen Menschen in der Region zu helfen“, schrieb er anschließend auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Haiti, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, wird seit vielen Jahren von Naturkatastrophen heimgesucht. Erdbeben wie das von 2010 und schwere Wirbelstürme haben das Land wiederholt schwer getroffen. Auch für die kommenden Tage ist wieder ein Tropensturm für die vom Unglück betroffene Region vorhergesagt, der die Hilfs- und Aufräumarbeiten zu gefährden droht. Zudem wird der Inselstaat, der zu den ärmsten der Welt gehört, immer wieder von politischer Gewalt erschüttert. . Die Tat ist bis heute ungeklärt.

Kurz nach dem Beben stellten Haitianer Fotos und Videos mit ersten Impressionen in die sozialen Netzwerke. Darauf sieht man Männer und Frauen, die unter Trümmern graben, um Verschüttete zu bergen. Man sieht teilweise oder völlig eingestürzte mehrstöckige Gebäude, halb zerstörte Kirchen. Und man sieht und hört die Menschen panisch kreischend über staubige Straßen rennen.

Haiti ist das Armenhaus Amerikas: 60 Prozent leben im Elend

Die wenigen Krankenhäuser in der Region waren schon kurze Zeit nach dem Unglück mit dem Ansturm der Verletzten und Verwundeten überfordert. „Das Gesundheitssystem unseres Landes ist in keiner Weise auf ein so dramatisches Ereignis vorbereitet“, sagt Rosy Auguste von der Menschenrechtsorganisation RNDDH gegenüber dieser Zeitung. Ganz Haiti und vor allem die Infrastruktur des Landes habe sich noch nicht vom Beben im Jahre 2010 völlig erholt.

Das Unglück vom Samstag traf Haiti allerdings zu einer Uhrzeit, zu der gewöhnlich Tausende von Menschen auf den Straßen unterwegs sind, auf dem Weg zur Arbeit oder zum Markt, um ihre Einkäufe zu erledigen. Daher gab es vermutlich nicht ganz so viele Opfer, wie es sie am Abend oder Nachmittag gegeben hätte.

Haiti ist das Armenhaus Amerikas. Dort leben 60 Prozent der elf Millionen Menschen im Elend, ein Viertel in extremer Armut. 4,4 Millionen Haitianer laufen nach Angaben von Hilfsorganisationen Gefahr, in so genannte Nahrungsunsicherheit zu fallen. Eine Naturkatastrophe wie das Beben vom Samstag vergrößert die Not noch einmal deutlich.