Missbrauchs-Vorwürfe

Cuomo tritt nicht zurück - Kommt Amtsenthebungsverfahren?

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Dirk Hautkapp

Mehrere Frauen werfen dem New Yorker Gouverneur Cuomo sexuelle Belästigung vor. Der weist Vorwürfe zurück und will nicht zurücktreten.

Washington/New York. Andere Politiker hätten in dieser Lage längst Abbitte geleistet und den Hut genommen. Aber New Yorks demokratischer Gouverneur Andrew Cuomo, der von elf Frauen der massiven sexuellen Belästigung bezichtigt wird, was die ermittelnde Staatsanwaltschaft für uneingeschränkt wahrheitsgemäß hält, stellt sich als Solist gegen den immer schriller werdenden Chor der Rücktrittsforderer.

Und der Chor ist groß: Von den eigenen Reihen mit Präsident Joe Biden über prominente Kongress-Abgeordnete wie Chuck Schumer und Alexandria Ocasio-Cortez und die Nachbar-Gouverneure von New Jersey, Connecticut, Rhode Island und Pennsylvania bis hin zu den Repräsentanten des Parlaments in New Yorks Hauptstadt Albany fordert nahezu jeder Polit-Prominente seinen sofortigen Abgang. Doch das scheint den Widerstand des 63-Jährigen noch mehr anzuspornen.

Cuomo weist Vorwürfe von sich - und will nicht zurücktreten

Zuvor hatte Generalstaatsanwältin Letitia James auf 168 Seiten minutiös dargelegt hat, wie ruch- und rücksichtslos Cuomo mit ungewollten Küssen, sexuell motivierten Berührungen, unzweideutigen Avancen und anzüglichen Kommentaren für Frauen in seinem engsten Arbeitsumfeld wie Lindsey Boylan, Charlotte Bennett und Virginia Limmiatis eine „feindliche Arbeitsatmosphäre” und ein „Klima der Angst” geschaffen hat.

Trotzdem wandte sich der lange mit einer Tochter des 1968 ermordeten Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy verheiratete Berufs-Politiker mit einer vorbereiteten Video-Ansprache selbstbewusst an die Wähler.

Erste Botschaft: Alles unwahr, niemals habe er die besagten Frauen bedrängt, unangemessen berührt” oder gemobbt. Begrüßungsküsschen und kurze Umarmungen gehörten (wie bei Leuten wie Bill Clinton, Barack Obama oder Joe Biden) einfach zu seinem Repertoire, um Nähe zu den Menschen herzustellen. Zweite Botschaft: Ich trete nicht zurück. Ich bleibe, um das Beste für Sie zu erreichen”. Von dieser Aufgabe werde er sich „nicht abbringen lassen”.

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Demokraten arbeiten bereits an Amtsenthebungsverfahren

Mutmaßlich eine Fehleinschätzung. Die Demokraten in Albany arbeiten mit Hochdruck an einem Amtsenthebungsverfahren. Die Mehrheiten für Cuomos Rauswurf sind da. Schon Ende September könnte es so weit sein, sagt der federführende Demokrat Carl Heastie. Sein Befund, wonach Cuomo kein Vertrauen mehr genieße, was ihn de facto arbeitsunfähig mache, wird weithin geteilt. Davon abgesehen drohen dem Sohn des früheren New Yorker Gouverneurs Mario Cuomo (1983 bis 1994) strafrechtliche Konsequenzen. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt David Soares sieht jedenfalls genügend Anhaltspunkte.

Warum sieht Cuomo nicht ein, dass sein politisches Ende nur eine Frage der Zeit ist? Antwort: Er war immer so. Immer ein bisschen wie Ikarus, gefährlich nah an der Sonne, stets in dem Glauben, unbezwingbar zu sein. In seinem breitbeinigen Hoppla-hier-komm-ich-Auftreten einem anderen New Yorker nicht unähnlich: Donald Trump. Beide sind Anhänger des Mottos: Skandale sind dazu da, um ausgesessen zu werden. Bis der Wähler vergessen hat, um was es eigentlich ging.

Das wird diesmal, da sind sich die großen Medien in den USA auffällig einig, kaum funktionieren. Was die Top-Juristen Anne Clark und John Kim in 180 Interviews und anhand von Tausenden Beweisstücken (E-Mails, Text-Mitteilungen, Videos, Fotos etc.) zusammengetragen haben, ist nach Ansicht prominenter Strafverteidiger gemessen an anderen Fällen im Dunstkreis der #meToo-Bewegung „verheerend”.

Was die betroffenen Frauen Cuomo vorwerfen

Die 36-jährige Lindsey Boylan sagte, Cuomo habe sie gegen ihren Willen auf den Mund geküsst, sie am „unteren Rücken, den Armen und Beinen“ berührt und sie zu einer Partie „Strip-Poker“ aufgefordert. Die 25-jährige Charlotte Bennett berichtete, Cuomo habe ihr gesagt, er sei offen für Beziehungen mit jungen Frauen. „Ich habe verstanden, dass der Gouverneur mit mir schlafen wollte, und habe mich furchtbar unwohl und verängstigt gefühlt”, erklärte Bennett.

Mehrere Details sorgen für Extra-Kopfschütteln. Obwohl sie nicht die fachliche Qualifikation besaß, ließ Cuomo eine offenbar in seinen Augen sehr attraktive Polizistin in sein persönliches Bodyguard-Team integrieren. Die End-Zwanzigerin berichtete danach von dumpfer Anmache, Grapschereien im Aufzug sowie Griffen an Bauchnabel und Hüfte - und das vor Zeugen.

In einem anderen Fall arbeitete der Untersuchungsbericht heraus, wie Cuomo einer Assistentin im November 2020 unter die Bluse an den Busen fasste. Die Frau gab in ihrer Vernehmung an, sie wollte den Missbrauch „mit ins Grab nehmen”; aus Angst, ihren Job zu verlieren, falls sie die Übergriffigkeit anzeigen würde. Als Cuomo im März dieses Jahres in einer denkwürdigen Pressekonferenz Stein und Bein schwor, niemals in seinem Leben eine Frau gegen ihren Willen „unangemessen” angefasst zu haben, brach sie psychisch in Anwesenheit von Kollegen zusammen und berichtete, was ihr widerfahren ist: „Mein Boss ist ein Lügner.”

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