Notlage

Hochwasserkatastrophe: Wie es den Flut-Opfern jetzt geht

| Lesedauer: 9 Minuten
Christian Unger
700 Millionen Euro für Wiederaufbau von Straßen und Brücken in Unwetterregion

700 Millionen Euro für Wiederaufbau von Straßen und Brücken in Unwetterregion

Das Bundesverkehrsministerium schätzt die Kosten für die Instandsetzung der durch Hochwasser beschädigten oder zerstörten Autobahnen, Straßen und Brücken im Westen Deutschland auf rund 700 Millionen Euro.

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Im Ahrtal ist der gröbste Schlamm weggeschippt. Die Menschen begreifen, was sie verloren haben. Doch etwas bereitet ihnen Hoffnung.

Walporzheim/Dernau.  Ursula Knopp steht im Keller. An den Wänden klebt nur noch der Putz, auf den Fliesen am Boden schliert noch der Schlamm, in der Ecke lehnen Schaufeln und Besen. Die Tür zum Garten ist aus schwerem Stahl, ein Riegel sichert das Schloss. Die Tür konnte die Flutwelle nicht mehr zurückhalten. Die Sandsäcke, 25 Kilo schwer und einen Meter hoch, wurden weggespült.

Vor gut einer Woche, in nur wenigen Augenblicken am späten Mittwochabend, wusste Ursula Knopp nicht, ob sie noch lebend aus ihrem Keller rauskommt.

Lesen Sie den ersten Teil der Reportage hier: Wie die Menschen im Ahrtal gegen Schlamm und Schrott kämpfen

Ahrweiler: Noch fast 150 Vermisste

Sie waren noch mal runtergegangen, sie und ihr Mann Jürgen, die Treppe vom Flur des Hauses in den Keller. Wollten noch ein paar Dinge hochholen, weil die beiden merkten, wie der Pegel noch weiter stieg. „Die Tür ist plötzlich einfach aufgespült worden“, sagt Ursula Knopp heute. Auf einmal konnte sie die Tür zurück Richtung Flur, hoch zur Wohnung, nicht mehr öffnen. Knopps Mann Jürgen zog von der anderen Seite, sie drückte. Nichts passierte. Und das Wasser stieg.

Mit Wucht floss die Flut in die Orte am Ufer der Ahr, hier zwischen den steilen Hängen im Rheinland. Keller, Autos, Garagen wurden zu Fallen. Allein hier im Kreis Ahrweiler sind 132 Menschen ertrunken. Und noch immer melden die Behörden 149 Vermisste.

Einige in den Orten erzählen, dass sie Todesangst hatten. Dass sie nur knapp überlebt haben. Jetzt, fast zwei Wochen später, wo der erste Schub an Adrenalin der Müdigkeit weicht, wo der erste Schlamm weggeschleppt ist, kriecht die Katastrophe mehr und mehr in die Gedanken der Menschen.

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Hochwasser: Auch in Dernau hat es Tote gegeben

In dem Dorf Dernau, etwas flussaufwärts, stand das Wasser noch höher. Die Bäume und Gleise am Ufer sind aus der Erde gespült, Häuser zerstört. Auch hier hat es Tote gegeben. Gerade erst vor einem Tag sei noch eine Person im Schlamm geborgen worden, erzählt ein Helfer.

In einem Haus steht die Tür offen, jemand hat im Flur einen kleinen Tisch zu einem Altar aufgebaut. Kerzen brennen dort, in der Ecke steht ein Strauß Blumen. Und auf dem Tisch ein Foto. Es zeigt eine Frau, vielleicht Ende 50, Brille, Kurzhaarschnitt. Darüber steht: „R.I.P. Mama“.

Jemand hat eine Karte daneben postiert. „Gott, du Geheimnis dieser Welt, aus tiefster Not klagen wir zu dir, wer von uns könnte jemals genau verstehen, was in den letzten Tagen geschehen ist?“, steht dort geschrieben. Eine Familie sucht nach einem Ort für die Trauer. Hier, im kleinen Ort Dernau, ist es in diesem Moment der Hauseingang einer Wohnung, die gerade erst vom Schutt befreit wurde.

„Auf einmal lebst du in einem Ort, für den die Menschen in ganz Deutschland Spenden sammeln“, sagt eine Anwohnerin. Es ist ein Satz, der das Fassungslose doch noch in Worte fasst. Jürgen Knopp sagt: „Ich trage die Hose meiner Frau. Ich habe so viel abgenommen in diesen Tagen.“ Neben Häusern und Brücken werden die Menschen hier im Ahrtal auch sich selbst in den nächsten Wochen und Monaten aufrichten müssen.

Das Reden über das Erlebte hilft den Betroffenen

Ursula Knopp, so bekommt man den Eindruck, ist schon wieder ziemlich weit oben. Sie meditiere viel, arbeite als Neurokinesiologin, weiß, wie Körper und Kopf bei Stress ticken. „Mein Gehirn ist jetzt auf Aktivität eingestellt“, sagt sie. Arbeit kann auch Ablenkung sein. Lesen Sie auch: Warum hat Deutschland kein flächendeckendes SMS-Warnsystem?

In der Nacht der Flut, erzählt sie, als sie und ihr Mann durch die Wassermassen im Keller festgesteckt hatten, zerbrach das Wasser ein Fenster. Die Strömung kehrte sich um, die Tür zum Flur schoss auf und Ursula Knopp mit dem Wasser in Richtung Treppe. Auch ihr Mann konnte sich retten.

Was bleibt, ist das durchspülte Haus. Alle Türen im Haus müssen raus, die Zargen, die Regale und Schränke, der Fußboden auch, weil der Estrich feucht ist. Aber Ursula Knopp sagt: „Ich sehe auch das Positive.“ Die vielen Helfer, von denen gerade wieder zwei in ihrem Garten stehen und sich gerade für den Tag verabschieden. „Und noch nie haben wir Nachbarn so eng und viel miteinander geredet.“ Es ist das, was bei der Katastrophe im Kopf hilft: das Reden, vor allem über das, was Hoffnung gibt.

Pfarrer Jörg Meyrer trägt grüne Gummistiefel, eine kurze blaue Hose und ein helles Priesterhemd. Er geht durch die staubigen Straßen von Walporzheim, das kleine Örtchen im Kreis Ahrweiler, in dem auch die Knopps wohnen. Viele kennen Meyrer hier, er lebt seit fast 20 Jahren in Ahrweiler, das Wasser floss auch in die Kirchen der Gemeinde. Aber jetzt ist er unterwegs, will den Menschen zuhören. Will etwas Sicherheit geben, Mut machen, und, wenn es passt, vielleicht auch mal einen kurzen Scherz. Ein Schulterklopfen, eine Umarmung.

Meyrer hat keine Schaufel und auch keinen Bagger. Aber was viele hier im Ort gerade brauchen, ist jemand, der etwas Zeit für sie mitbringt. So wie die Familie mit dem großen Eckhaus. Pfarrer Meyrer spricht den Mann an, sie kommen schnell ins Reden. „Wir sehen langsam Land“, sagt der Mann. Aber die „alten Leutchen“ täten ihm leid. „Wenn das jetzt zwei Jahre dauert, dann schaffe ich das. Aber was ist, wenn ich 80 bin?“ Viele in der Region sind schon im Rentenalter.

Meyrer kommt mit ins Haus, auch hier hat die Familie schon geschrubbt und geschleppt. Das Erdgeschoss ist leer geräumt, im oberen Stock steht alles voll. Das Paar hat zwei Kinder, einen Sohn, 11, und eine Tochter, 10. Die Mutter kommt dazu. Gerade seien die Kinder mal für einen Tag bei Freunden in einem anderen Ort. Weg aus dem Katastrophengebiet.

Kinder verarbeiten die Katastrophe unterschiedlich

Der Sohn, so erzählen Vater und Mutter im Flur ihrer Wohnung, habe in den ersten Tagen nach dem Hochwasser viel geholfen. „Der stand mit der Schaufel im Garten und hat losgelegt“, sagt die Mutter. Die Tochter habe sich zurückgezogen, die Momente der Flut verarbeite sie ganz anders.

Dann zeigt die Mutter ein Bild, das die Tochter Anika gemalt hat. Es zeigt ein Auge, mit lila Filzstift gezeichnet. Das Auge weint. Und in der Pupille spiegeln sich Menschen mit Tränen im Gesicht, ein Haus, ein Christus-Kreuz und eine Brücke über einen Fluss. Und ein Schild hat das Mädchen noch gemalt. „Warning“, steht dort. „Ist das nicht beeindruckend“, sagt die Mutter. „Uns hat dieses Bild wahnsinnig berührt.“ Es ist der Moment, in dem ihre Stimme wegbricht. Auch ihr Mann hat Tränen in den Augen.

Ein paar Tage später trägt Pastor Meyrer nicht mehr Gummistiefel, sondern ein weißes Gewand und grüne Stola. Er steht im Innenhof des Klosters von Ahrweiler, ein mächtiger Bau auf einem Hügel am Ufer der Ahr. Es ist Sonntag, die Sonne scheint, und Meyrer lädt zum Gottesdienst ein. Knapp zwanzig Menschen aus dem Ort sind gekommen, viele Ältere, aber auch Eltern und Omas mit ihren Kindern. Sie sitzen auf Stühlen auf dem Rasen unter einer großen Eiche.

Alle stellen sich kurz vor, sie singen Lieder, sprechen das Vaterunser. Pastor Meyrer liest eine Geschichte aus dem Johannes-Evangelium vor. Manchmal hört man das laute Brummen der Hubschrauber über dem Klosterhof. Ein Gottesdienst mitten im Katastrophengebiet.

Ein Moment der Ruhe zwischen Baggern und Lastwagen. Ein Moment für die Krise im Kopf. „Ich glaube, manche erklären uns für verrückt, dass wir das tun“, sagt Pastor Meyrer in die Runde. „Aber ganz, ganz, ganz viele sagen auch: Betet für uns mit.“

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